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Full text of "Über Sprachstörungen im Traume"

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über 

Sprachstörnngen im Traume 



Emil Kraepelin 



Verlag von Wilhelm EngelmanD 
1906 



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MAY 2 3 1910 

BUB 



I. Einleitung. 

Die eigentümlichen Wandlungen, die unser gesamtes psychisches 
Geschehen im Traum erfährt, sind von jeher ein Lieblingsgebiet 
der Selbstbeobachtung und fast noch mehr der künstlichen Zer- 
gliederung und Deutung gewesen. Insbesondere sind die Beziehungen 
der Träume zu äußeren und inneren Erlebnissen, femer die Ab- 
weichungen in Vorstellungsverbindungen und Persönlichkeitsbewußt- 
sein, in Erinnerungen und Gedankenarbeit an zahllosen Beispielen 
immer aufs neue beschrieben und vielfach auch mit den Erfahrungen 
bei Geisteskranken verglichen worden. Weit weniger Aufmerksam- 
.keit hat man den Willensregungen im Traume geschenkt, und in 
ganz auffallender Weise wurden die sprachlichen Äußerungen ver- 
nachlässigt, obgleich gerade sie mir für den Psychologen wie für 
den Irrenarzt eine Eeihe von beachtenswerten Tatsachen zu liefern 
scheinen. Soviel ich sehe, hat, von kurzen Andeutungen abgesehen, 
bisher nur Gießler') sich etwas eingehender mit dieser Frage be- 
schäftigt, freilich ohne die Beziehungen der Sprachstörungen des 
Traumes zu den verwandten Erscheinungen bei Gesunden und 
Kranken weiter zu verfolgen. 

Durch zufällige Erfahrungen hin ich seit mehr als 20 Jahren 
auf die absonderlichen Gestaltungen aufmerksam geworden, welche 
die Traumsprache darbietet. Namentlich die Ähnlichkeit derselben 



1) Aus den Tiefen des TraamlebenB, 1890, S. 184£f.; Die physiologischen 
Beziehungen der Traumvor^nge, 1896, S. 28; AUg. Zeitschr. f. Paychiatrie, LIX, 908. 



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mit der Spracliverwirrtheit, auf die ich schon 1889 ') hinweisen konnte, 
hat mir den Anlaß gegeben, im Laufe der Jahre gelegentlich eine 
größere Zahl von Sprachbeispielen des Traumes zu sammeln. Ein 
TeU derselben stammt von Personen meiner Umgebung, die ich bat, 
auf derartige Erfahrungen zu achten; die meisten aber habe ich mir 
selbst verschafft, indem ich zeitweise eine Tafel an mein Bett legte, 
um nach dem Erwachen sofort das Geträumte niederzuschreiben. 
Wer Überhaupt träumt, ist auf diese Weise imstande, binnen kurzem 
eine Menge von Beispielen zusammenzabringen, wie ich durch Ver- 
suche und Umfragen feststellen konnte. Namentlich morgens im 
Halbschlafe vor dem Erwachen, seltener abends vor dem Einschlafen, 
kommen sprachliche Äußerungen im Traiune fast tägKch vor. Ich 
zweifle kaum, daß sie auch sonst sehr häufig sind; nur dürften zu 
der angegebenen Zeit die Bedingungen für ihr Hineinreichen in das 
wache Leben am günstigsten sein, ähnlich wie für die Erinnerung 
an andere Träume. Eine kleinere Zahl von Beobachtungen stammt 
aus dem Nachmittagsschlafe. 

Beginnt man, planmäßig Sprachbeispiele aus dem Traume zu 
sammeln, so macht man sehr bald zwei merkwürdige Erfahnmgen. 
Die erste ist die ganz außerordentliche Flüchtigkeit der 
Erinnerung an den Wortlaut der Äußerungen. Auch die Spuren 
anderer Tranmerlebnisse pflegen rasch verloren zu gehen; immerhin 
aber sind lebhaft träiunende Menschen doch ganz gewöhnlich im- 
stande, eine Eeihe von Einzelheiten aus ihren Traumereignissen fest- 
zuhalten. Dagegen haftet von den sprachhchen Äußerungen ohne 
besonders darauf gerichtete Aufmerksamkeit in der Regel gar nichts, 
ja, es ist meist trotz der äußersten Bemühungen nicht möglich, ihren 
Wortlaut dem Gedächtnis einzuprägen, wenn man sie nicht sofort 
nach dem Erwachen schriftlich aufzeichnet. Oft genug ist es mir 
begegnet, daß ich ein Beispiel, welches ich zufällig nicht nieder- 
schreiben konnte, beim Aufwachen durch ungezählte Wiederholungen 
vergeblich auswendig zu lernen suchte. Auch wenn ich es mir ganz 
sicher eingeprägt zu haben glaubte, mußte ich kurze Zeit darauf zu 
meinem Verdrusse die Wahrnehmung machen, daß es mir dennoch 
völlig und unwiederbringlich entschwunden war. Zum Teil mögen 
sich diese Erfahrungen aus der Unsinnigkeit des Stoffes erklären, 



1) Psychiatrie, 3. Auflage, S. 146. 



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die keine Anknüpfungen gestattet Ferner kann es sich um eine 
Nachwiritung des Schlafzüstandes unmittelbar nach dem Erwachen 
handeln, die wohl bei lebhaft trätimenden Menschen langsamer ver- 
schwindet. Einige laute Wiederholungen nach völliger Ermunterung 
waren für das Festhalten ungemein viel wirksamer, als zahlreiche leise 
Einprägungsversuche kurz vorher in jenem Zwischenzustande, in dem 
das Traumerlebnis immerhin schon klar als solches aufgefaßt und 
zum Zwecke wissenschaftlicher Verwertung festgehalten wurde. 
Dennoch aber dmugte sich mir hei jeder Gelegenheit die außer- 
ordentliche Schwierigkeit auf, sprachliche Äußerungen aus dem 
Traume auch nur wenige Minuten nach dem Erwachen noch wieder- 
zugeben, während es mir ein leichtes ist, im Laufe des Tages lange 
Reihen von Traumerlebnissen anderer Art mit allen möglichen Einzel- 
heiten wieder an mir vorüberziehen zu lassen. Wenn hier die Leb- 
haftigkeit und Reichhaltigkeit der Erinnerung bisweilen gar nicht so 
sehr weit hinter derjenigen des wachen Lebens zurückzustehen schien, 
haften die Sprachvorstellungen des Traumes zweifellos unvergleichüch 
viel schwächer, als die des hellen Bewußtseins, 

Sehr sonderbar hat mich femer oft genug die Erfahrung be- 
rührt, daß es mir nach dem Erwachen einige Zeit hindurch nicht 
möglich war, die TJnsinni^eit von sprachlichen Äußerungen des 
Traimies zu erkennen. In einer ganzen Reihe von Fällen, in denen 
ich darüber klar war, geträumt und ein Sprachbeispiel erlebt zu haben, 
das ich festzuhalten suchen müsse, schien mir dieses Beispiel zu 
meiner Enttäuschung zunächst keinerlei Abweichung von den Äuße- 
rungen im "Wachen darzubieten, so daß ich die Aufzeichnimg für 
zwecklos hielt. Erst nach längerer, eingehender Überlegung wurde 
mir dann allmählich die völlige Unsinnigkeit des Gesagten deutUch. 
Das Hinüberreicheu dra* Traumstörung in das erwachende Tages- 
bewußtsein war auf diesem Gebiete noch sehr auffallend, nachdem 
die übrigen Traumerscheinimgen bereits geschwunden und berichtigt 
waren. Solche Erfahrungen erinnern uns an jene Dämmerzustände, 
in denen die Fähigkeit des sprachlichen Ausdrucks wie das Sprach- 
Verständnis noch gestört sein können, obgleich der delirante Zustand 
vorüber und die allgemeine Orientieruiig wiedergekehrt ist. Insbe- 
sondere kommen hier die Zustände von normaler und krankhafter 
Schlaftrunkenheit in Betracht. 

1* 



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Die Zahl der von mir gesaDunelten Beispiele beträgt insgesamt 
274. Leider besitze ich vielfach nichts, als den einfachen Wortlaut 
der sprachlichen Äußerung oder doch nur ganz kurze Bemerkungen 
über die Deutung und die besonderen begleitenden Umstände. Das 
hat seinen Grund einmal darin, daß ich zunächst diese Seobachtungen 
nur als Seltsamkeiten ohne die Absicht weiterer Verfolgung auf- 
zeichnete, dann, daß eine Beihe derselben von anderen Personen her- 
stammt, die nichts Genaueres mehr anzugeben wußten. Sehr häufig 
aber war endlich der ganze Traumvorgang außerordentlich unklar, 
so daß außer dem betreffenden Wortlaute keine deutliche Erinnerungs- 
vorstellung mehr in das wache Bewußtsein hinübergerettet wurde. 
Trotz alledem ist es immerhin noch in einer genügend großen Zahl 
von Fällen möglich gewesen, sich einigermaßen über die traumhaften 
Gedankengänge Eechenschaft zu geben, welche die Sprachäußerungen 
begleiteten. 

Soweit eine nachträgliche Beurteilung möglich ist, scheint die 
überwiegende Mehrzahl der Beispiele vom Träumenden ausgesprochene 
Worte wiederzugeben. Die Traumäußerungen hatten also wesentlich 
die Form sprachlicher Bewegungsvorstellungen angenommen und 
wurden auch so festgehalten. Auch wenn mir dabei der Gedanken- 
inhalt des Gesprochenen ganz klar im Bewußtsein stand, hatte ich 
doch sehr häufig das Gefühl, rein mechanisch zu sprechen, ohne den 
eigentlichen Wortlaut meiner Beden scharf aufzufassen. Wie schon 
erwähnt, vermochte ich diesen Wortlaut bisweilen auch dann noch 
nicht recht zu erfassen, wenn ich ihn mir nach dem Erwachen einige- 
mal wiederholt hatte, bis dann nach einiger Zeit die Fehlerhaftigkeit 
oder Unsinnigkeit des sprachlichen Ausdrucks in helle Beleuchtung 
trat. In 17 Beispielen konnte ich mit ziemlicher Sicherheit fest- 
stellen, daß es sich nicht um freie Äußerungen, sondern um das 
Ablesen von einer gedruckten oder geschriebenen Vorlage handelte; 
in 15 weiteren Fällen machte die ausdrücklich mitgeträumte ab- 
sonderliche Schreibung der Worte die Mitwirkung eines Schriftbildes 
wahrscheinlich. Dazu kam noch eine kleine Anzahl von Beispielen, 
bei denen vermeintlich etwas früher Gelesenes frei wiedergegeben wurde. 

Wenn ich mich auf meine eigene innere Erfahrung verlassen 
darf, spielten auch in allen diesen Fällen regelmäßig sprachliche 
EewegungsvorsteUungen die Hauptrolle. Ich sah wohl im Traume 



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den Text vor mir, den ich wiedergab, aber es war doch nicht eigent- 
lich ein Ablesen, sondern mehr ein Sprechen mit der begleitenden 
Vorstellung, daß sich das Gresprochene auf dem Torliegenden Blatte 
befinde. Mit anderen Worten, die Schriftbilder gewannen keine hallu- 
zinatorische Selbständ^keit und wurden nicht maßgebend für die 
Folge der sprachlichen Bewegungs Vorstellungen, sondern sie begleiteten 
nur in undeutlicheren Umrissen den Gesamtvorgang, ähnlich, wie es 
im Wachen der Fall ist, wenn vrir etwas Glelesenes auswendig wieder- 
zugeben versuchen. Infolgedessen war es mir auch öfters nicht mög- 
lich, zu entscheiden, ob es sich im vorliegenden Beispiel um wirkliches 
Ablesen oder um die freie Wiedergabe eines nur angenommenen 
Textes handelte. Mär schienen hier die Grenzen zu verfließen. Ob 
es nicht in einzelnen Fällen und namentlich bei anderen Personen 
auch anders sein kann, muß ich dahin gestellt sein lassen. Es ist 
ja bekannt, daß es Menschen mit sehr ausgeprägten G-esichtserinne- 
rungsbildem gibt, die imstande sind, früher Gelesenes geradezu aus 
der Erinnerung abzulesen. Ich will hier nicht unterlassen, anzu- 
führen, daß es mir gelegentlich im Halbwachen gelungen ist, im 
dunkeln Gesichtsfelde auftauchende Worte und Sätze einfach abzu- 
lesen; sie hatten regelmäßig denselben unsinnigen Inhalt wie die 
Traumäußerungen. In sechs Fällen traten die gesehenen Worte als 
Unterschriften bildlicher Darstellungen auf. 

Nur in neun Beispielen wurden die spracUichen Äußerungen 
anderen Personen in den Mund gelegt; zweimal handelte es sich da- 
bei um Gesang. Einmal enthielt das Beispiel Frage imd Antwort. 
Die Beobachtungen stammen alle von mir selbst, doch ist es mög- 
lich, daß auch von den fremden einige dahin gehören, ohne daß es 
bemerkt worden wäre. Auch hier schien mir die Rolle der Gehörs- 
vorstellungen keine wesenthch größere zu sein, als bei der vorigen 
Gruppe diejenige der Gesichtsbilder. Soweit ich mir den Traum- 
vorgang nachträglich noch zu vergegenwärtigen vermag, glaube ich 
nicht, die betreffenden Außenmgen wirklich gehört zu haben, wie 
überhaupt meine akustischen Erinnerungen im Wachen wie im Traume 
sehr wenig lebhafte sind. Vielmehr trat der Wortlaut der sprach- 
lichen Äußerung in einer Form in mein Bewußtsein, über die ich 
mir keine weitere Kecheuschaft geben kann, als daß ich sie eben 
einer anderen Person zuschrieb. Vielleicht ist der Vorgang als ein 



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inneres Sprechen unter Begleitung von KlaBgbildem zu deuten. Ich 
denke dabei an die Erfahrungen hei der Erinnerung an ein Gespräch 
mit einer anderen Person, deren ÄuBemngen wenigstens bei mir eben- 
falls nicht in Form reiner Grehörsvoratellungen, sondern unter mehr 
oder veniger starker Beimischung sprachlicher Bewegungsvorstellungen 
wieder aufzutauchen pöegen. 

Der Inhalt der sprachhchen Äußerungen wurde im Traume selbst 
gewöhnlich für vollkommen fehlerfrei gehalten. Sehr häufig aller- 
dings gab sich der Träumende darüber Überhaupt keine Rechenschaft, 
sondern nahm das Gesagte einfach hin ab den Ausdruck der viel- 
fach recht unklaren Gedankengänge. In drei Fällen erschien die 
Äußerung als besonders gut gelungen, obgleich sich dieses Gefühl 
beim Erwachen sofort als trügerisch erwies; in drei anderen Fällen 
wurde ein Wort im Traume selbst als unrichtig erkannt, einmal auch 
wirklich berichtigt. Einer dieser Fälle ist das einzige Beispiel, daa 
im Traume vermeintlich niedergeschrieben wurde. Wenn denmach 
die Möglichkeit einer richtigen Beurteilung der sprachhchen Fehl- 
griffe im Traume nur äußerst selten gegeben zu sein scheint, so ist 
doch ein unklares Gefühl für die Absonderlichkeit wohl noch öfters 
vorhanden. Darauf dürfte wenigstens die Erfahrung hindeuten, daß 
in neun Beispielen die sprachliche Wendung deuthch als eine scherz- 
hafte erschien. Das Auseinanderweichen zwischen Gedankeninbalt 
und sprachlichem Ausdruck wurde als komischer Kontrast empfunden, 
ohne daß doch die Unsinnigkeit jenes letzteren klar erfaßt werden 
konnte. 

Von den sprachhchen Traumerinnerungen hatten 96 dicForm 
mehr oder weniger gut ausgebildeter Sätze, bei denen allerdings fünf- 
mal die grammatische Form mangelhaft erschien. Meist waren diese 
Sätze ziemlich kurz; nur in drei oder vier Beispielen handelte es 
sich um erzählungsartige Keden. In 17 Fällen wurde eine Anzahl 
von Worten ohne erkennbaren inhaltlichen oder grammatischen Zu- 
sammenhang aneinandergereiht. Rhythmische Gliederung fand sich 
in 18 Fällen, von denen neun geradezu die Form von Versen mit meist 
sehr unvollkommenen Reimen angenommen hatten. Bruchstücke von 
Sätzen kamen 48mal vor; hier ließ sich niemals unterscheiden, ob 
die sprachliche Äußerung schon im Traume diese unvollständige 
Form gehabt oder nur teilweise gehaftet hatte. Dasselbe gilt von 



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den 113 Fällen, in denen einzelne Worte oder Wortverbindungen 
anfgezächnet wurden. Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß sie in 
den meisten fällen aus einem größeren Zusammenhange gerissen 
waren irnd nur wegen ihrer Absonderlichkeit besser festgehalten 
wurden, als die weniger auftäUigen Nacbbarworte. Bemerkenswert 
ist endlich noch, daß in 27 Fällen die erinnerten Worte und Wen- 
dungen deuÜich als Übersetzungen in fremde Sprachen aufgefaßt 
wurden; der Träumende war darüber klar, daß der betreffende Aus- 
druck die französische, lateinische, spanische, italienische, griechische, 
russische, estnische oder finnische Bezeichnung für einen ihm 
sonst geläufigen Begriff darstelle; Englisch kam merkwürdigerweise 
nicht vor, 

Suchen wir nach diesen Vorbemerkungen den gesamten Be- 
obachtnngsstoS zu gruppieren, so erheben sich die allei^ößten 
Schwierigkeiten. £in Teil derselben Hegt darin, daß es bei der 
Unklarheit der Vorgänge, die sich im einzelnen Falle abgespielt 
haben, vielfach ganz unmöglich ist, sich über das Wesen der be- 
obachteten Störung genauere Rechenschaft zu geben; eine gewisse 
Willkür in der Deutung ist daher unvermeidlich. Sodann aber sind 
die Beispiele in der Regel keine einfachen, sondern verschiedenartige 
Störungen verbinden und durchkreuzen sich. Unter diesen Umständen 
kann es sich zunächst nur darum handeln, eine ganz allgemeine 
Übersicht über die mannigfaltigen Formen zu geben, in denen die 
traumhafte Sprachstörung auftritt. Die Wege, auf denen diese vor- 
läufige Sichtung des Stoffes wird weitergeführt und berichtigt werden 
können, sollen späterhin besprochen werden. 

Als Ausgangspunkt für unsere Betrachtung bietet sich zunächst 
die Überlegung, daß wir bei dem Vorgänge der sprachlichen Äuße- 
rung eine ganze Reihe von Teilvorgängen auseinanderzuhalten haben, 
die unabhängig voneinander gestört sein können. Die erste Vorbe- 
dingung für einen verständlichen Gedankenausdruck ist Klarh^t und 
richtige Ordnung der vorschwebenden Vorstellungen selbst. Alle 
Störungen in der Ausprägung der Vorstellungen und in der Folge- 
richtigkeit des GedankCTiganges werden sich demnach auch in den 
sprachlichen Äußerungen geltend machen müssen. Allerdings haben 
wir es dabei strenggenommen nicht mehr mit Sprachstörungen, 
sondern mit Denkstörungen zu tun. Es wird sich ergeben, daß wir 



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eine größere Zahl von Beispielen in diesem Sinne zu deuten haben, 
andererseits aber auch, daß sich mit den Denkstönmgen sebr gewöhn- 
lich wirkliche Sprachstörungen verknüpfen. 

Diese letzteren bÜden für vms die bei weitem wichtigste Haupt- 
gruppe. Um unseren Gedanken den richtigen sprachlichen Ausdruck 
zu geben, haben wir zunächst die Beziehungen der einzelnen Vor- 
stellungen zueinander in die entsprechenden grammatischen Formen 
zu bringen. Dazu gehört einmal die richtige Auswahl der sprach- 
lichen Abhängigkeitsverhältnisse, sodann aber die Durchbildung des 
Satzgefüges. Störungen dieser Vorgänge bedingen im ersten Falle 
Veränderungen und Unklarheiten des Sinnes, im zweiten dagegen 
Zusammenhangslosigkeit. Weiterhin aber ist es notwendig, für jede 
Vorstellung die genau passende sprachliche Bezeichnung aufzufinden. 
Dieser Vorgang ist im Traume den allerhäufigsten und tiefstgreifenden 
Störungen unterworfen. Im einzelnen lassen sich dabei wieder eine 
Reihe verschieden gelagerter Fälle auseinanderhalten, je nachdem bei 
der Wortfindung der richtige Ausdruck nur verstümmelt, verändert 
oder aber durch einen ganz anderen, vielleicht endlich durch eine 
Neubildung ersetzt wird. Dabei ergeben sich die mannigfachsten 
Beziehungen zwischen dem Pehlworte und dem richtigen Ausdruck. 
Anklänge und nähere oder fernere begriffliche Anlehnungen können 
den sprachlichen Mißgriff vermitteln. Vielfach aber läßt sich auch 
nicht das geringste Band zwischen dem beabsichtigten und dem vor- 
gebrachten Worte auffinden. Dieses letztere endhch kann entweder 
aus gangbaren sprachlichen Bestandteilen zusammengesetzt oder voll- 
kommen frei erfunden sein. 

Eine letzte Form der Sprachstörung, die uns aus dem wachen 
Leben bei Gesunden und namentlich bei Kranken sehr geläufig ist, 
die Artikulationsstörungen, habe ich im Traume nicht beobachtet, 
offenbar deswegen, weil wir es immer nur mit der inneren Sprache 
zu tun haben, während die wirkliche Innervation der Sprachmuskeln 
fortfallt. Nur in den Fällen, in denen der Träumende laut spricht, 
könnten wohl auch Artikulationsstörungen vorkommen, und ich zweifle 
nach gelegenthchen Beobachtungen nicht dai-an, daß die Aussprache 
in solchen Fällen vielfach stark beeinträchtigt ist. Allein der Selbste 
Wahrnehmung entgehen diese Störungen vollkommen. Soviel ich aus 
eigener Erfahrung urteilen kann, hat der Träumende niemals den 



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Eindruck, daß er stottert, häeitiert, undeutlicli oder fehlerhaft aus- 
spricht. 

Die eingehendere Besprechung -unseres BeobacbtungsstofFes wer- 
den wir am zweckmäßigsten mit den eigentlichen Sprachstörungen 
beginnen. Bjer sind wir in der Lage, zunächst an einzelnen Fehl- 
ausdrücken die Gmndstörungen klarzulegen, die in den verwickeiteren 
Beispielen immer wieder mit unterlaufen und das Verständnis er- 
schweren. Aus dem gleichen Grunde empfiehlt es sich, die Dar- 
stellung der Wortfindungsstörungen an die Spitze zu stellen und 
daran diejenige der syntaktischen Sprachstörungen anzuschließen. 
Beide Gruppen sind uns aus den Erfahrungen an Kranken voll- 
kommen geläufig. Die erste umfaßt das Gebiet der Paraphasie, die 
letztere dasjenige der Akataphasie und des Agrammatismus. Den 
Schluß mögen dann die Denkstörungen bilden, soweit sie in der 
Traumsprache zum Ausdruck kommen. 

II. Störungen der Wortfindung (Paraphasie). 

Von Störungen der Wortfindung dürfen wir dann sprechen, 
wenn eine Vorstellung nicht mit demjenigen Worte ausgedrückt wird, 
welches ihr nach dem Sprachgebrauch entspricht. Die so ent- 
stehenden Wortfehler sind entweder einfache, leicht als solche er- 
kennbare Abänderungen des richtigen Wortes oder andere, an sich 
sinnvolle Worte mit abweichender Bedeutung oder endlich völhge 
Neubildungen. Alle diese Fälle sind imter unseren Beispielen ver- 
treten. Es ist natürlich möglich, unter diesen mehr sprachlichen 
Gesichtspunkten die verunglückten Wortschöpfungen des Traumes zu 
gruppieren. Vielleicht empfiehlt es sich aber noch mehr, von den 
Vorstellungen auszugehen, deren Ausdruck sie bilden sollen, und 
zwar deshalb, weil die Art dieser Vorstellungen zweifellos eine 
erhebliche Bedeutung für das Zustandekommen der Wortfehler besitzt. 

Mustern wir unsere Beobachtungen von dieser Seite her, so haben 
wir zunächst eine Gruppe von Beispielen abzutrennen, bei denen die 
begleitenden Vorstellungen ganz unklar und verschwommen ge- 
blieben sind. Es handelt sich somit in diesen Fällen nicht sowohl 
um Störungen der Wortfindung, als vielmehr um das Auftreten 
von Sprachvorstellungen ohne deutlich entwickelte Gredanken, deren 



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10 

Ausdruck aie bilden könnten. Dennocli läßt sich nicht Terkensen, daß 
es unmöglich ist, diese Fälle wirklich scharf von den Wortfindungs- 
störongen im engeren Sinne abzutrennen. Das Auftreten von Sprach- 
störungen im Traume überhaupt steht sicherlich in engster Abhängigkeit 
von der Verdunkelung des Bewußtseins und der dadurch bedingten 
Helligkeitsabnahme der Vorstellungen. Der hier betrachtete Fall 
entspricht somit nur dem höchsten Grade eines Zustandes, wie er, 
schwächer ausgeprägt, auch die Wortfindungsstörungen beherrscht. 
Zudem ist im einzelnen Beispiele die Möglichkeit nicht auszuschließen, 
daß nur in der Erinnerung das Fehlwort sich deutlicher erbalten 
habe, als die ursprünglich yielleicht vollkommen lebhafte zugehörige 
Sachvorstellung. Wir werden daher auch die Wortfehler ohne 
erkennbaren Vorstellungsinhalt in unserer Darstellung den Wort- 
findungsstörungen anghedem. 

Der nach ihrer Abgrenzung hier verbleibende fiest von Beispielen 
läßt sich, wie ich denke, noch in drei Hauptgruppen teilen. In der 
ersten haben wir es mit sachlichen Ällgemeinvorstellungen zu 
tun, deren Inhalt sich ohne weiteres durch eine kurze sprachliche 
Bezeichnung ausdrücken läßt. Der Fehler kann hier zunächst 
durch einfache Abänderung des richtigen Wortes begangen werden: 

1. lEnklysmat statt »Elysmai. 

2. kich war aof der Rhedume« statt aauf der Bhede«. 

3. »Ein Hang zum Fache statt •Yorhang zum Bächerfacht. 

4. »F. ißt bei euch mehr, aU bei uns, 8— 10 Klöße, 2— 3Liter Giesensuppe« 
statt •GriesBuppc". 

ö. >Jankgesellen< statt > Junggesellen <. 

6. »Dynaster« statt •Dynastes*. 

7. > Nichtsdestoweniger erleben die hohen Besuche die unerfrautigsten Druck- 
fehlen statt »unerfreulichateui. 

8. »Wagere und senkrechte Schönheit« statt »wagerechte«. 

9. >Psypen« für »psychische Typen«, geschrieben, vom Träumenden selbst als 
unrichtig erkannt. 

In den ersten beiden Beispielen ist die Abänderung durch will- 
kürliche Zusätze bedingt, im dritten durch Auslassungen, im vierten 
durch eine Verbiudung von Zusatz und Auslassung. Die nächsten 
drei Beobachtungen enthalten Buchstabenvertauschungen, die vor- 
letzte dazu noch eine Auslassung; es sollte hier die geschmackvolle 
Anordnung eines Zimmers in wagerechter und senkrechter Richtung 
bezeichnet werden. An Erfahrungen bei Paralytikern erinnert 



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11 

die Zasammenziehung »Psypen«, älinlich der >Exität< für >Elek- 
trizität«. 

Im großen und ganzen weichen diese Beispiele nicht wesentlich 
von denjenigen ab, die man beim einfachen Yersprechen sammeln 
kann; nur läSt sich hier weniger, als dort, die Beeinflussung durch 
benachbart« SpracbTorstellungen nachweisen; vielmehr erscheinen die 
Fehler ganz unTermittdt, vielleicht deswegen, weil vrir im Traum- 
bewußteein den AnstöSen Aaza weniger leicht nachgehen können. 
Besser gelingt das bisweilen bei der zweäeoi Untergruppe, bei der 
an Stelle der richtigen Bezeichnungen andere, an sich sinnvolle Worte 
mit abweichender Bedeutung treten, die allerdings öfters noch Ver- 
stümmelungen oder Abänderungen zeigen. In einer Anzahl von Fällen 
läßt sich hier Klangverwandtschaft als Bindeghed nachweisen. 

10. iBriefmarkeu beklebem statt iBufklebem. 

11. ilnh will Dur meine Kleider austeokent statt >anziehen*, 

12. >Axe an die Wurzel legen« statt >Axt<. 

13. >Da3 iat zam mindesten ein Vaginisrnuai statt »Wagnis«. 

14. >Cribt es nicht gerade an dieser Seite einige lebenBlängliohe Funkte?< 
für liebensgefährlichei ; gemeint ist die linke Brustseite. 

15. »Ich spreche immer zufällig die Wahrheit« fiir »zuverlässig«. 

16. >Cafö mannolatft« statt »Cafe mit Marmorverkleidung«. 

Bei diesen letzteren Beispielen werden wir schon an die ab- 
sichtlichen Wortwitze oder Druckfehler erinnert, obgleich . dem 
Träumenden jede witzige Beziehung völlig fem lag. Noch deutlicher 
ist die witzige Färbung bei den von einer und derselben Person 
herrührenden Bezeichnungen »Pißmark« (17), statt »Lendenmark«, und 
»Nervus poculomotorius« (18) für den Nervus medianus; beide waren 
im Traum ernsthaft gemeint, wurden aber wohl gerade wegen ihres 
Doppelsinnes der Vergessenheit entrissen. Im ersten Falle scheint 
der Name Bismarck die Bildung des sprachlich möglichen, aber neu 
erfundenen Ausdrucks angeregt zu haben, der durch die Beziehungen 
des Lendenmarks zur Blase nahegelegt war. Das zweite Beispiel 
knüpft an die Bewegung des Armes zum Becherheben an, um dann 
durch den klang^hnüchen Nervus oculomotorius zur Entgleisung ge- 
bracht zu werden. Hierhin gehört auch der von Vischer'} berichtete 
>Frackelzug(, bei dem Personen mit angezündeten Frackschößen auf- 
ziehen; auch hier ist zunächst eine begriffliche Beziehung durch die 

1) Auch Einer, 11, S. 359, 



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12 

Ähnlichkeit des Aufzuges mit einem Fackelzug gegeben, der dann 
durch Beteiligung der FrackschÖBe in den klangähnlichen Frackelzng 
verwandelt wird. 

Diese letzten drei Beispiele, die ebensogut im Wachen absicht- 
lich erfunden sein könnten, weisen uns darauf hin, daß neben der 
Klangverwandtschaft, wie sie beim gewöhnlichen Versprechen die 
Hauptrolle spielt, noch andere EinÖüsse den Wortfehler bestimmen 
können , ein Vorgang , der übrigens ähnlich , wenn auch weit 
seltener, beim Versprechen beobachtet wird. Dahin gehören folgende 



19. »Auf der andern Seite fand sich ein Bewarf von einigen Zahlern statt 
>einzelne Einträge«. 

20. »Äu8wei8ungabefehl€ statt »Begleitschein«. 

21. »Wohin gehst Du? Zur Pap st Würdigung« statt >7ur Begrüßung«, 

22. rGeheimkopekeai statt »Geheimpolizisten«. 

23. »Invalidenuhr« etatt »alte ühr«. 

34. >MeBBer vermitteln« statt »beseitigen, unschädlich machen«. 

25. »Essen wir heute abend um so schwerer?' statt »später« oder »mehr«. 

26. »Die gewachsenen Beile aua Blei« statt »aus einem Stück«, 

27. »Die Soldaten sind im Feld; nun wird gegabelt« statt »aufgespießt«. 

28. »Sie ist bereits gerichÜich gesteinigt« Jur »verurteilt«. 

29. >Yon den edekten Standeegenossen zu einem Jahre Zuchthaus zenrtort« 
statt »verurteilt*. 

30. »J'oi selten tarn den Charakter« für »Ich habe nicht so recht Lust«. 

Hier vermitteln offenbar überall begriffliche Beziehungen 

den Wortfehler. Wie beim »Bewurf* einzelne Flecken entstehen, so 
finden sich die Zahlen verstreut; Begleitschein und Ausweisungs- 
befehl können beide dem nicht aus eigenem Antriebe Eeisenden den 
Weg vorschreiben; die Begrüßung ist nur eine Form der Würdigung. 
Bei den »Geheimkopeken« hat sich die Nebenvorstellung des 
»Eussischen« mit eingedrängt, während das alte Inventarstück wegen 
seiner Gebrechlichkeit als -Invalidenuhr' bezeichnet wird. Das 
Vermitteln ist die Beseitigung einer Gefahr im Streit; »schwerer« 
und später oder mehr — welches von beiden der Sinn war, bheb 
beim Erwachen unklar — sind begrifflich verwandte Steigerungen. 
Das «Gfewachsene" bezeichnet, wie beim Felsen, die Festigkeit des 
inneren Zusammenhanges; ob hier das »Blei* zugleich die Schwere 
versinnbildlichen sollte, oder nur durch den Anklang vermittelt war, 
'-■Jieß sich nicht mehr entscheiden. Die Ähnlichkeit in der Hand- 
habung des Bajonetts und der Heugabel ist ohne weiteres 



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13 

einleuchtend, ebenso die innere Beziehung des >3esteinigt<- oder 
> Zerstörtwerdens« zur Verurteilung. 

G-anz unverständlich erscheint auf den ersten Blick das letzte. 
in der Tat etwas verwickeitere Beispiel. In die hier besprochene 
Gruppe paßt es nur insofern, als an Stelle des Ausdrucks »Lust* das 
begrifflich immerhin verwandte »Charakter* getreten ist; auch die 
Lust zu einer Handlung ist am Ende ein Ausfluß des Charakters. 
Weiterhin aber ist das vorschwebende )Ich habe* durch das als 
altfranzösisch gedachte »J'oi» ersetzt worden; sodann ist >80*, ver- 
meintlich russisch, durch >tam< übersetzt, statt des richtigen >tak<, 
und endlich ist an Stelle des Begriffes »nicht recht« der verwandte 
»selten» getreten. 

In einer letzten Eeihe von Fällen sind durchaus keine Be- 
ziehungen, klangliche oder begrifHiche, zwischen der richtigen Be- 
zeichnung und dem Fehlworte erkennbar; der assoziative Vorgang, 
der hier zum Ersatz geführt hat, bleibt völlig dunkel. Hierfür folgende 
Beispiele : 

31. »Eiunisoli für >Barkaase'. 

32. »Salniter. für .Embryo«. 

33. >Scolex<, lateinisch für der >Bucklige<, 

34. »Melos«, französisch für > geschäftskundiger Schwager«. 

35. >Meyr€, gesprochen >Meur<, arabisch für >Wai:hter<. 

36. >'Wir eaßen in der Allongei, in zwei entsprechenden Gruppen (ah 
>FendantB< ?). 

Es ist wohl nicht ohne Bedeutung, daß die beiden ersten 
Beispiele wenig gebräuchliche Worte betreffen, deren Beziehung zu 
bestimmten Sachvorstellungen deswegen vielleicht nur eine lockere 
war. Ebenso ist es bemerkenswert, daß die folgenden drei Fehler 
alle als Übersetzungen in fremde Sprachen auftreten. Man hat fast 
den Eindruck, als ob den Träumenden die Absonderlichkeit der neu 
auftauchenden Verbindung zwischen Sach- und Sprachvorstellung zu 
der Erklärung gedrängt habe, es handle sich um eine Übersetzung, 
hei der ja solche bis dabin ungewohnten Verknüpfungen stattfinden. 
Im letzten Beispiele hat doch wohl der Anklang zwischen Allonge 
und Pendant noch eine gewisse Itolle gespielt. Bisweilen wird das 
Fehlwort noch verstümmelt, wie: 

37. .Konstitatielle Stellung« statt -aufrechte Stellung«. 

38. »Im übrigen ist er noch mehrere Male erüherdemd werden« für »hat 
noch mehrere Male e 



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14 

Im ersten Eeispiele kann man allenfaLU aus der Bedeutung des 
latemischen Wortes » constituere * eine gewisse begriffliche Be- 
ziehimg zu dem auch hier wieder als Übersetzung gedachten Beiworte 
>aufre(M« entnehmen. Der aweite Fall liegt, weit verwickelter. Es 
scheint, als ob die Einleitung ->Im übrigen' durch Nachklang eine 
Entgleisung des Folgenden veranlaßt hätte. So eutfitand das uit- 
sinnige, TerstUmmelte Wort >erüberdemd», das vom Träumenden 
wegen seiner merkwürdigen Form bezeichnenderweise als sächsischer 
ProvinzialiBmus aufgefaßt wurde. Nach dieser vom vorschwebenden 
Gedanken ganz abschwenkenden sprachhchen Mißbildung geht dann 
auch das Satzgefüge in die Brüche. '■ 

Die zuletzt aufgeführten Fälle, in denen einerseits die Be- 
ziehungen zwischen Gedanken und Fehlwort sich lockern, anderer- 
seits die^s letztere ungewöhnliche oder gar verstümmelte Form an- 
nimmt, bilden den Übergang zu der überraschend großen Gruppe 
der Wortneubilduugen. Schon bei manchen der oben angeführten 
Beobachtungen {»Salniter«, »Scolex«, >Melos«, »Meyr«) erscheint es als 
ganz nebensächlich, daß die Fehlwörter an sich noch eine, allerdings weit 
abseits liegende Bedeutung haben. Bei den nunmehr zu betrachtenden 
Neubildungen läßt sich deutlich verfolgen, wie einerseits vielfach 
noch sinnvolle Beatandteile in sie eingehen, mit oder ohne Beziehung 
zu dem vorschwebenden Gedankenausdrucke, während auf der anderen 
Seite vollkommen willkürlich erfundene und sinnlose Silbenverbindungen 
stehen; zwischen beiden Formen gibt es alle möglichen Übergänge. 
Um uns den Überblick über die große Zahl der Beobachtungen zu 
erleichtem, wollen wir wieder, wie früher, zunächst diejenigen Fälle 
ins Auge fassen, bei denen eine mehr oder weniger deutliche klang- 
hohe Anlehnung des Fehlwortes an den richtigen Ausdruck erkennbar 
ist. Wir gehen dabei allmählich von den sprachlich verständlicheren 
Formen zu den ganz willkürlichen Neubildungen über. 

39. »SchwartenMiuseri für »ausgedehnte Schwielen an der Hand«. 

40. »HäueerreohnuDgsziffer« für »DoppeltauB«. 

41. >£ichweiBel< fiir •Eichhörnchen«. 

42. >Mit dem TTuterschiede, daß Italien dracht>, •herrecbsücbtig', >ein 
Drache ist«. 

43. »Ich habe einen Grand, einen Würzgrund«, einen •Grund, der mit Würz- 
bürg in Beziehung steht«. 

44. ilmftkarote«, allgemeinerer Ausdruck füi Luftballon. 

46. •'Wir sehen noch die abgeraeten Walzerkönige < für »hinreißenden'. 



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15 

Es ist schwer, sich ^er das ZuBtandektnniaeii der einzelnea 
FöHer \Rechen3chaft zu geben. Bei der: iHäuserrechnimgszifEer» 
dürfte der Begriff der Vervielfachraig ein Bindeglied' gebildet haben, 
während ich geneigt bin, bei der Entetebtu^ des'Eict-'TeiBel« eine 
klangliche Kebenwirknng der beim Eicbhömchen naheliegenden Vor* 
Stellung >Schweif< anzunehmen. Die beiden folgende Beispiele sind 
einfache Zusammenzi^ungen verrrickelterer Ausdrücke. Bei dem 
nächsten spielte die Vorstellong »Würfel* mit hinein, dem der ver- 
stümmelte Bestandteil >Kamtec statt »Kante« zuzoschreiben ist. 
Das »abgerast« ist aus der Vorstellung des leidenschaftHch dahin- 
rasenden Tanzes entstanden. '' 

46. -Pommerali' für »PommeB de terre«, m einem BrüBMier Hotel verlangt, 

47. >Em imleasierter EEimlet« f3r >improvniertert, 'Dieaterstücktit«). ' 

48. »Das perpausere Sibirien» statt >tran9l£aukasiache«. 

49. • Parsern enie>, russisch für »einige Wocben« [paar aemaiDes]. 

50. ■Vulpiont«, dänisch fiir »aie woUeni. 

61. >Duce< für 2; »tripap' für 3, Gremdipracliig; dabei klare I 
daran, daß »pap« = »mal« iat, und daß auch in einer auderea Sprache e 
lichea Suf&x an die IteratiTzabI gehängt wird. 

52. •Peinee-Toutes« fiir »Patience« (Pensez-Tous). 

53. •Eiaaioll* für »Kissin^er Wein« (EiaaeU). 

54. »Die Astasien der Oreomalaieni fiir »nationale Knochenerweichnng< 
(Osteomaiacie). 

55. •Mophrodnnte Luft< für »dumpfe Luft< (Saprophyten). 

66. »Yoiait, alles TOiBit*, Ausdruck der Überraaohung über massenhafte 
Termiten. 

57. »BeSisei, falscher Ausdruck für »Reflexionc, vermeintlich aus einem 
Schriftsteller von Sanders zitierte. 

68. »Kaiphaxei, scherzhaft für »Kaimans« im Frankfurter Zoologischen 
Garten. 

In den ersten drei Beispielen treten die Fehlworte für Fremd- 
wörter ein, von denen wir wohl annehmen dürfen, daß sie mit den 
Sachvorstellungen lockerer verknüpft sind, als die in frühester Jugend 
erworbenen, mit dem gesamten Wortschätze der Muttersprache in 
organischer Verbindung stehenden deutschen Bezeichnungen, eine 
Eigentümlichkeit, die sich ja in der Häufigkeit und Unauffälligkeit 
von Verwechselungen dieser spät und mangelhaft angelernten Ausdrücke 
deutlich genug geltend macht. 

Die nächsten drei Fälle tragen wieder den Stempel von Über- 
setzungen in eine fremde Sprache, durch den sieb der Träumende 
die Ungereimtheit des auftauchenden sprachlichen Ausdruckes 



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16 

gewissermaßen einleuchtend macht. Die mehr oder weniger entfernten 
Anklänge an die wirklich vorschwebenden "Worte sind überall un- 
verkennbar. Bei »Tulpiunt< bildete »volunt«, bei »duce« das 
spanische »doce«, das allerdings nicht zwei, sondern zwölf heißt, das 
Bindeglied. Ganz ähnlich sehen wir auch in den folgenden fünf 
Beispielen den Wortfehler durch Vermittelung unklar vorschwehender 
Nebenvorstellußgen zustande kommen. An das ursprünglich gedachte 
»Patience« knüpft sich als Klangassoziation »Pensez-vous* an, um 
nun wieder den ähnlich küngenden, aber unsinnigen Wortfelder 
hervorzurufen. »Kissiol* ist nichts als eine Abwandlung des russischen 
Wortes Kissell (Fruchtsaftspeise), dessen wirklicher Sinn aber ver- 
loren geht, vielmehr auf dem Wege der Klangassoziation mit Kissingen 
in Verbindung gebracht wird. Hier wie in manchen anderen 
Beispielen hatte der Träumende den Eindruck, als ob das Fehlwort 
zunächst rein als Sprachbewegungsvorstellung entstünde und dann 
erst nachträglich eine Sachvorstellung auslöste. Die >Ästacien der 
Oreomalaien« sind eine Klangparaphrase des durch den ursprüng- 
lichen Gedanken wachgerufenen Ausdrucks >Osteomalacie»; die Be- 
zeichnung »mophrodunt« klingt an die durch Vorstellung der dumpfen 
Luft ausgelöste Assoziation »Saprophyten* an. >VoiBit< endlich ist 
anscheinend eine Zusammenziehung aus den beiden vorschwebenden 
Vorstellungen »Voilä« und •Termiten«, Die beiden letzten Beispiele, 
die weitgehende Verstümmelungen der richtigen Wörter darstellen 
nnd daher wohl schon zu den Neubildungen zu rechnen sind, wurden 
vom Ti^umenden selbst als nicht richtig gebildet anerkannt und 
durch entsprechende Nebenvorstellungen gekennzeichnet. 

Statt der Klaogi'erwandtschaft kann äuch bei den Neubildungen 
eine mehr oder weniger entfernte begriffUcbe Beziehung die Ent- 
stehung des Wortfehlers vermitteln: 

59. >PlantarfreuiidBc!iaft€ iiir >Händedruck«. 

60. 'Hier gekreuzter Gang und hier geletzter« für •gekrenste und gleich- 
seitige Stuhlbeine«. 

61. >PariB ist ein ganzes Emmauazinimer für Stein« für »eine geologische 
Mustersammlung«. 

62. •Arithmoseiamische Bewegungen« für > Zärtlichkeitsbewegungen« in einem 
Schauspiel. 

63. iDasUädchen sei bei aolchen Gelegenheiten immer unangenehm accept« 
nehme Trinkgelder. 



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61.' lEbeik ucLreibt mir K,, daß Julicns Haut expaiia imd sie heute morgen 
starb« für >l)arat". 

65. ilncipütiai für > beginnende paralytische Yeränderimgeii'. 

66. >Yendia8men' für >£est«chlichkeit<. 

67. .Socorzo., Tafel einea bÜnden Bettlers, für .Mitleid.. 

68. »Gli ocehi cadentit, »blinder Bettler«, noch lange nach dum ErwacJicn 
für gutes Italienisch gehalten. 

In der ersten Beobaclitung hat offenbar die Vorstellung des 
Händedruckes zimächst diejenige der Handfläche, dann die der Planta 
pedis ausgelöst, die sich dann endlich mit der Nebenvorstellung 
■Freundschaft* zu dem Fehlworte zusammengefunden hat. Im zweiten 
Beispiel ist die Vorstellung »Gang« wohl durch diejenige der Beine 
angeregt; woher der Ausdmck »geletzter« stammt, ist unklar. Ebenso 
ist die Herleitung des >Emmauszimmers« dunkel; sonst handelt es 
sich in dem folgenden Beispiele um eine Verquickung der Vor- 
stellung des geologisch besonders interessanten Pariser Beckens mit 
derjenigen einer Mustersammlung. In den letzten sieben Be- 
obachtungen spielen wieder die Fremdwörter und Übersetzungen ihre 
bedeutsame Rolle, freihch oft in sehr femliegenden Anknüpfungen. 
Bei den •arithmoseismischen* Bewegungen schwebten die Vorstellungen 
des Streicbelns und Tanzens vor, an die das >Seismische' erinnern 
könnte, während der erste Teil des Wortes sinnlos hinzugefügt 
wurde. Die nächsten Beispiele erklären sich von selbst und haben 
zum Teil fast eine witzige Färbung, obgleich sie vom Träumenden 
durchaus nicht empfunden wurde. Der Ausdruck »socomo« ist 
zweifellos eine Verstümmelung für >soccoi-so«, Hilfe, wurde aber als 
das begriff svenvandte »Mitleid« gedeutet. Auch die letzte Be- 
obachtung zeigt, wie ein bestimmter sprachlicher Ausdruck (»sinkende 
Augen«) im Sinne einer begrifflich naheliegenden Vorstellung um- 
gedeutet wird. Wenn man will, kann man diese Fälle aus der Zahl 
der Neubildungen in die vorige Gruppe der sinnvollen Wortfehler 
binübemehmen. 

Einen erheblichen Umfang gewinnen unter den Neubildungen 
endlich die freien Erfindungen ohne jede erkennbare Anlehnung 
an den richtigen sprachlichen Ausdruck des vorschwebenden Gedankens : 

69. »Thronfolgermädcheni statt »Dienstmädchen«, 

70. »Telephonener Anzug« statt »Straßenanzug«. 

71. »Scbusterwölfele« statt »Spion«. 

73, »Knietachengiebel« statt • Droschkenkutschers itz>. 



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18 

73. ^Graechendaaael«, Schimpfwort für ein Dienatmädclieo. 

74. »Bei itichter war ea ein Risch, ein ewiger Eisch, ein Herd de Chimbo« 
— es war bei einer Festlichkeit besonders hoch hergegangen [ein Chimboraeso 
von Kostbarkeiten) <). 

75. >Eine Salamine mit einem Treffander« statt >Manschette mit Randi. 

76. » Formen tister« für »Scbubladei. 

77. .Der Ischer des Kantons T7nterwalden« statt •Bannerträger«. 

78. >Ein administrativ beschleunigter Jary«, >ein amtliches Schreiben«. 

79. »Orapaud«, französisch »kleines, elendefl Wichtcben«. 

80. >FetroBkapien< für rKaltuBgegenstände«. 

81. »Catibo«, Übersetzung für »Brutnmoclae' und »Pfund«. 

82. »Vizge di Feru« für »Portugiesische Auateni«. 

83. »Bowo)X^f°!* f'i'' »waffenfreudig«, griechisch. 

84. »Vi ha hi mi Fors« für »Auf nach Fors!«, fremdsprachiger Aufruf. 

85. »Sano. orwiBt für »Obst«, ausgesprochen »soeh«'), 

86. »La lemo oeeada se arrizza«, spanisch für »Die Sache macht eicb«. 

87. »Que se penja de«, spanisch, Frage, >ob von den als Preis hingeworfenen 
Geldstücken das letzte, 5 (dej Lire, nun genug sei«. 

88. »In d. 0. densch«, witzige lateinische Übertetzung für >in den Mondi. 

Bei dem •Thronfolgermädchein könnte man noch an das Binde- 
glied »Kindennädchen' denken, wenn es auch dem Träumenden nicht 
zum Bewußtsein kam; hei den nächsten Beispielen aber ist es kaum 
möglich, irgendeine Anlehnung aufzufinden. Der »Eiseh* war nach 
der Erinnerung des Träumenden wohl ein femer Anklang an das 
ungewöhnliche »Eout«, während der »Herd de Chimbo' verständ- 
licher erscheint. Die folgenden Ausdrücke erweisen sich als ganz 
freie Erfindungen; allenfalls kann man beim »Ischer« an das 
griechische iayo> für ixoi, hei den >Petroskapien' an »Skapulier« 
denken, wie es dem Träumenden erschien. Die letzten acht Be- 
obachtungen sind auch hier wieder Übersetzungen, jene Eorm der 
sprachlichen Anknüpfung, die den Wortfehlem den leichtesten Eingang 
und den breitesten Spielraum gewährt Die in Betracht kommende 
Sprache war nicht immer klar, doch lassen die spanischen Neu- 
bildungen, wie die griechische, trotz ihrer völligen TJnsinnigkeit und 
trotz des Ersatzes der Pesetas durch Lire doch in überraschenderweise 
die Besonderheit des Sprachklanges erkennen. Bei der lateinischen 
Probe ist das gar nicht der Fall; der Träumende empfand das aber 

1) Hierher auch »Stolfahren« für »Feriendauor«, mit dunkler Nebenvoretellung, 
daß die Dauer des Reisens (»fahren«) durch die geistliche Behörde (»Stola«) be- 
stimmt werde, später gesammeltes Beispiel. 

2) »Pulgalcella«, »kleine Qartealaube«, spanisch, s^ter gesammeltes Beispiel. 



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auch deutlich, indem er vergeblich bemüht war, »ich die Einzelheiten 
des Ausdrucks klarzumachen. Dagegen entspricht »Vi ha hi mi Fors> 
wieder leidUch dem Klange der finnischen Sprache, die hier wahrschein- 
lich vorschwebte. Das Urbild des Ausdrucks war nämlich wohl eine 
zehn Jahre früher gelesene Aufforderung, »tili Voss«, d. h. nach Vosse- 
wangen in Norwegen zu fahren; doch war im Traume an Stelle des 
»Voss« die Endsilbe von »Helsingfors« getreten und hatte dem 
GanzeB zugleich den Stempel des Finnischen aufgeprägt. Be- 
merkenswert für die aus diesen Beispielen hervorgehende Beeinflussung 
des Träumenden durch allgemeine spracMiche Einstellungen sind 
auch die Fehlworte »Knietschengiebel* und »Graschendaiseel«, die, 
so sinnlos sie sind, in ihrer sprachlichen Bildung doch den Anklang 
an die Ausdrucksweise des Berliner Droschkenkutschers bzw. des un- 
gebildeten, rohen Dienstmädchens nicht vermissen lassen. Im letzteren 
Falle dürften unbestimmte Anklänge an 'quasseln*, quatschen«, 
.Drachen» mitgespielt haben. 

Eine gewisse Sonderstellung in unserem Denken nehmen die- 
jenigen Vorstellungen ein, die nicht eine Zusammenfassung vieler 
gleichartiger Erfahrungen bedeuten, sondern einem bestimmten Einzel- 
gegenstand entsprechen, die Eigennamen im weitesten Sinne. Wäh- 
rend sich sonst in der Regel engere Beziehungen zwischen verwandten 
Gresamtvorst«llungen auch in der Sprachbildung widerspiegeln, so 
daß die gleichen Wortstämme in mannigfachen Abwandlungen ein 
ganzes Geschlecht von Vorstellungen kennzeichnen, heftet sich der 
Eigenname in weit willkürlicherer Weise an Person und Gegenstand, 
meist ohne tiefere Beziehung zum Grundbau der Sprache. Die Ver- 
knüpfung pflegt daher hier eine ähnhch lockere zu sein wie bei den fremd- 
sprachigen Bezeichnungen, bei denen wenigstens im Anfange die 
Zuordnung von Ausdruck und Vorstellung eine rein äußerlich angelernte 
ist. Dazu kommt, daß die IndividualvorateUungen weit schärfer 
ausgeprägte sinnliche Merkmale besitzen, als die Allgemeinvorstellungen. 
In diesen letzteren, auch wenn sie unmittelbar aus Sinneserfahrungen 
herausentwickelt sind, verwischen sich doch regelmäßig die Einzel- 
heiten der Erinnerungsbilder mehr und mehr, so daß die sprachhchen 
Bestandteile der Gesamtvorstellung gegenüber den verschwommenen 
Wahmehmungsspuren immer stärker hervortreten. Bei den Individual- 
vorstellungen dagegen spielt die sprachliche Bezeichnung in mer nur 



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eine Nebenrolle, da sich bier die sinnlichen Erinnerungen nicht ab- 
schwächen, sondern in immer vertrauteren Umrissen feste Gestalt 
gewinnen. Dieser altbekannte Unterschied ist wohl auch als die 
Ursache der alltäglichen Erscheinung anzusehen, daß wir Eigennamen 
am schnellsten vergessen, während jene schließlich zu fast reinen 
Sprachformen gewordenen Vorstellungen, welche Eigenschaften, 
Tätigkeiten, grammatische Beziehungen ausdrücken, selbst bei schweren 
krankhaften Sprachstörungen immer am längsten erhalten bleiben. 
Wir werden uns daher auch nicht darüber wundem, wenn unter 
den Wortfehlem im Traume die Individualbezeichnungen einen ver- 
hältnismäßig breiten Baum einnehmen. 

89. >I>er letzUcti entatandene Bei^ Mantinea auf Biigem. 

90. >KatalepBie' als Herkunftsbezeicbnung auf einem Bleistift. 

91. >!Ricbard ni. von Englaod und Knecihti, letzteres als kleines Ländchen 
gedacht. 

92. »Chuibei, »Schloß Friedrichs des Großen in Sanasouci«. 

93. "Arktis tliyeoides«, Pflanzenname. 

94. . Oster wurkbahn«, Bahn im Osten, Anklang an Osterburken. 

95. »Tophi«, Pflanzenname (Typha). 

96. tLaane>, Eigenname statt »Häusleri. 

97. »Apeatel, Lukasi, »Aufiählung von Kranken«. 

98. .Jlolma Moltke« statt »Helmut«. 

99. »Tomide. für »Toni.. 

100. >Sie ist wie Kala«, wie eine durch ihre Treue bekannte Matrone aus 
dem Alten Testament; Anklang an .Kaleb«, 

101. »Aetneus«, lateinisch für »Ätna«. 

102. •Nein, Franziska und Back, wie ist es möglich, daß Ihr das mit an- 
sehen könnt«, Anrede an zwei jnnge Herren, die einen alteren sich bücken lassen. 

In allen diesen Beispielen treten wirkhche oder leicht ver- 
stümmelte Worte in der Form von Eigennamen auf. Wo die Wort- 
fehler nicht selbst Eigennamen sind, wie Laane, Franziska, Melms, 
Mantinea, handelt es sich gewöhnlich um Fremdwörter, Katalepsie, 
Arktis, Chuzbe, Tophi, Apestel. Bisweilen läßt sich der verbindende 
Faden erkennen, so die Klangäbnlichkeit zwischen »Tophi« und dem 
vorschwebenden >Typha«, zwischen dem Eigennamen »Melms« und 
"Helmut«, bei «Tomide« und .Aetneus-, dessen Abweichung durch 
den Stempel der Übersetzung gerechtfertigt wird. Bei «Knecht« 
schwebte dem Träumenden das englische »Knight« vor, das an 
Stelle des erwarteten »AVales« sich eindrängte; »Arktis« wurde ver- 
anlaßt durch die dunkle Vorstellung »Bubus arcticus*, indem die 
Pflanze als eine nordische, mit jenem zusammen vorkommende 



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21 

gedacht war. Bei der •Oaterwurkbahn« spielte einmal der »Osten«, 
in den die Bahn verlegt wurde, dann die daran anklingende Station 
»Osterburken- eine KoUe. Das verstümmelte »Apestel«, dessen 
Herkunft unklar blieb, scheint das Auftauchen des folgenden »Lukas« 
bewirkt zu haben. Bei der Neubildung »Kala« schwebte ursprünglich 
das Ehepaar Philemon und Baucis vor, an dessen Stelle sich jedoch 
iJosua und Kaleb« schoben; aus Kaleb wurde dann Kala. Be- 
merkenswert ist auch die Verwendung des weiblichen «Franziska« 
für eine männliche Person, ferner die Verlegung des neu entstandenen 
Berges, bei dem an den Monte nuovo bei Neapel gedacht wurdcj 
nach Bügen. 

Von den verstümmelten Bezeichnungen gelangen wir allmählich 
zu den Neubildungen: 

103. >Qlockenflüge1>, Mädcfaenoame. 

104, »Wir baben früher zusammen gespielt, und dann war ich Feter der 
Große und Dn natürlich Parringen« (Verschmelzung von Parricida und Ber- 
licbingen), 

106. »Das Schloß liegt im Gebiete Greit-£ilian<, in einer Vorstadt von 
Würzburg. 

106. »Die Straße erinnerte in ihren Formen an die boire du portet. 

107. >Nanahatte-Nsens-Rnhe9tätte<, Firmenschild, estnisch, russisch und 
deutscK 

108. »Pala Bumai, Pflanzenname. 

109. »Laeertiner Weini (Latiner?). 

110. »Esperay«, Berg in den Alpen, von der Bahn aus sichtbar. 

111. Ȁbiacoi, steil abfallende Kbene auf. Teneriffa. 

112. »Bohuarän«, Stadtteil von Berlin, nahe dem Schlosse. 

113. .Pentezoo- und AkelepHbramatraße«, auf dem Plane von Dresden. 

114. •Rech^olai, historischer K«bell, erwähnt in einem Aufrufe des Kaisers. 

115. »Minniflozo«, Name eines Bekannten in Frankfurt, 

116. »Maskioi, Vorname einer Frau Gr., sofort ata unrichtig erkannt. 
Einige dieser Beispiele lassen noch sinnvolle Bestandteile er- 
kennen; die meisten aber sind gans; willkürlich zusammengewürfelte 
Silbenzusammenstellungen. Hie und da tritt der Einfluß dunkel 
vorschwebender Vorstellungen auf die sprachliche Gestaltung der 
Neubildung hervor, so bei »Parringen«, das sicher durch die Ver- 
schmelzung von Parricida und Berlichingen entstanden ist, bei 
»Greit-Kilian« als Vorort der alten Kilianstadt und beim »Laeertiner« 
Wein. Bei »Pala suma« dürfte die »Cima della Pala« mit hinein- 
gespielt haben, bei »Bechajola« dagegen >Cola di Rienzi«. Die 
Bildung »Bohuslän« war begleitet von der dunkeln Vorstellung einer 



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22 

frühereü wendischen (böhmischenl Herrschaft in Berlin (»Boguslav»), 
während sich auf dem Plane' von Dresden die Nebeniorstellung des 
benachbarten Böhmen in dem Namen •PHbram< geltend machte. 
Die übrigen Beispiele sind nicht näher aufzuklären. Die Beobachtungen 
106, 107, 108 tragen wieder das Gepräge der Übersetzung bzw. des 
Fremdsprachigen; beim letzten Beispiel (116) wurde die Unrichtigkeit 
des Ton einer andern Person vorgebrachten Namens dem Träumenden 
sofort klar. Auch die übrigen Neubildungen wurden meist als 
fremdes Erzeugnis aufgefaßt, gehört oder, häufiger, gelesen, so sehr 
deutlich 107 und 113, wohl auch 108, 110, 111, 112, 114 und 115: 
Die dritte große Gruppe der Wortfehler umfaßt jene Fälle, in 
denen die begleitende Vorstellung nicht, wie bisher, einfach und 
knapp umrissen ist, sondern eine verwick eitere Zusammensetzung 
aufweist. Hier treten die Fehlworte nicht eigentlich für richtige Be- 
zeichnungen ein, wenigstens nicht für einzelne Wörter, sondern sie 
entsprechen Vorstellungsgemengen, für die unsere Sprache noch keinen 
kurzen Ausdruck besitzt. Man könnte sich somit etwa vorstellen, 
daß hier assoziative Neuschöpfungen vorliegen, für die besonders 
leicht neugebildete Worte auftauchen, weil richtige Bezeichnungen 
nicht vorhanden sind und also auch nicht verdrängt zu werden 
brauchen. Es ist aber auch sehr wohl möglich, daß umgekehrt zu- 
nächst die Fehlworte entstehen und dann erst zu den gleichzeitig 
vorhandenen, mehr oder weniger verworrenen Vorstellungen in Be- 
ziehung gesetzt werden. Auch in diesem Falle dürfte natürlich die 
Zuordnung durch das Fehlen sprachlich eingeübter Verknüpfungen 
erleichtert werden. Bezeichnenderweise haben wir es hier fast nur 
mit sprachlichen Neubildungen zu tun, während uns dort, wo es sich 
um längst geprägte und fest benannte Vorstellungen handelte, immer- 
hin eine größere Zahl von Wortverstümmelungen und -abwandlungen 



117. »Die HOgenaunte "Wacht parade«, Hin- und Herfiihren der gefüllten 
Flaaohe von einem Mundwinkel zum andern; dabei Trinken. 



Gebräuche einer Fteibeutertruppe in Südamerika, wurde dem Träumenden vor- 
geführt. 

118. »Dann wird Kronfleiech ebenso billig sein wie Menachenfleisch«, Schluß- 
worte des Don Carlos. Eine weibliche Person will Don Carlos rächen, indem sie 
die Königin zur lesbischen Liebe verführt, so daß sie feil ist wie andere Mensehen. 
Hineinspielen der •Fleischnot«. 



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23 

119. »Sohftuaohale* (PauBGhale),' Surome zur BezaMung ron Eintrittsgeldern 
für SchaustelluDgen auf einer Reise, 

120. »Er wird seinen Viaierwagen schon finden', Wagen, der ihn gerades- 
w^s ans Ziel fühit. 

läl. >Rollechnur< , Scbnar, mit der eine Sohar Sträflinge zusammenge- 
halten wird. 

132. iBellfleisch', das für den Hund zurechtgeschnittene, von ihm in der 
Schüssel Zurückgelasaene Fleisch. 

133. >Antibai>, Bai, die auf einer Insel dem Festlande g^^über liegt. 

121. >£amingaraantilopei, ein bis dahin unbekanntes Tier. 

125. >Chalkon und Charbon« (Chaicedon?), neue Mineralien, 

126. •Karwendelstreiti, Streit nm Kaisers Bart. 

127. >'Wegegewaltige<, Leute, die das TerrügungBrecht über einen Weghaben. 

128. »Euer Majestät Beinholz« , Zeitungahalter &ls Symbol der Würde 
(Zepter). 

129. >Dreirutachsitz<, Schlitten an einem psychophysischen Apparat. 

130. »CapriTiera«, politische Lage zur Zeit Caprivis. 

131. •Bellunobedenken', Bedenken des Königs von Portugal, bei einem 
Besuche in Italien an dem in Belluno weilenden Kaiser von Österreich vorbei- 



132. >SurrogatprinzesBihiEeni, solche, die mit dem FOrstenhausa nicht nahe 
genug verwandt sind, um Anspruch auf Apanage erheben zu können; Anklang an 
»morganatischt. 

133. •Substaatstrennnngi, vom Staate gelieferter weißer Araterock. 

Die beiden ersten Beispiele enthalten riclitige, sinnvolle Wörter, 
denen jedoch vom Träumenden eine abweichende Bedeutung beigelegt 
wird; sie dienen als Ausdruck für verwickeitere, neugebildete Vor- 
stellungen, von denen die letztere durch ihren eigentümlichen Doppel- 
sinn das Gepräge des höhnend Witzigen trägt. Im dritten Beispiele (119) 
haben wir es mit einer "Wortverstümmelung zu tun, die anscheinend 
durch die Nebenvorstellung »Schaustellung* angeregt wurde. ' Alle 
übrigen Fehlworte sind Neubildungen, die sich allerdings aus leidlich 
sinnvollen Bestandteilen zusammensetzen. Einzelne dieser Schöpfungen, 
wie die »Bellunobedenken«, die »Capriviera«, die »Wegegewaltigen«, 
die »Antibai«, könnten allenfalls in der Sprache, der Witzblätter 
oder des gewöhnlichen Umgangs hingenommen werden; sie" geben 
verwickeitere Vorstellungen in knapper, verständlicher Form vrieder. 
Dagegen enthalten die übrigen Beispiele Entgleisungen und Ver- 
mangungen trotz sprachlich richtiger Bildung. Beim »Visierwagen«, 
beim »Bellfieisoh-, beim »Dreirutschsitzi stehen die sich eindrängenden 
Nebenvorsteilungen wenigstens noch in einer gewissen inneren Be- 
ziehung. zu der herrschenden Vorstellung; auch bei der ■Kammgam- 



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24 

antilope« und den »Suirogatprinzessinnen«, bei denen zudem noch 

der Antlang an das > Morganatische' mitgespielt hat, könnte man 
das zugeben; bei der >Sub8taatatrennung< ist noch ein Anklang an 
das "Staatseigentum« vorhanden. Bei der >Koll8chnur' aber, beim 
»Karwendelstreit«, beim »Bergholn« sind die Zutaten Tollkommen 
sinnlos. Die Neubildungen »Chalkon« und »Charbon« lehnen sich 
anscheinend an das Wort •Chalcedon« an und wären vielleicht 
richtiger mit den oben betrachteten parapbasischen Eigennamen zu- 
sammenzustellen. 

Weit unklarer, als hier, ist die Entstehungageachichte bei den 
ganz sinnlosen Erfindungen: 

134. »Altlivländiecbe Scbreilkette«, goldene, altertümliche Doppelkette. 
13Ö. lEleptraum«, Baum, der in einem Amphitheater dureh die Sitze selbst 
eingenommen wird; »freier Bauraum«, der übrigbleibende offene Raum, 

136. >Eistubulat«, russisches Amt mit unbeschränktem Verfügungsrecht 
über Geldmittel. 

137. >Eesedoktor«, Arzt, der au9 einer Familienetiftang bezahlt wird, halb 
Boherzhaft. 

138. •Überreste vom Luditallöwen«, fossile Knochen, auf einer Nordpolfahrt 
gefunden (Diluvial?). 

1.39, >R. wischt sich £alkineigift in die Augen, um beeaer sehen zu könneu<. 

140. »Wiiolideen«, unausführbare Ideen, gedruckt. 

141. »Der alte Moor und Amalie spielen Schach, Franz und Karl Leichen- 
schaß', Regiebeinerkung aus den Räubern, 

142. >Eureptte«, kurze Zusammenfassung, »Ephemerie«, weitere Ausführung. 

143. »Pseudointabloid«, schwindelhaftea Mittel gegen Truiiksucht. 

144. •Glossoplatien« , minderwertige Vervielfältigungen von Bildern als 
Zimmerschm uck. 

146. »Alpentinde«, R«bus auf Notenlinien in einer Zeitung [entiende). 

146. »Morexalreliquie«, Löwenkopf mit üppiger Mähne und einem Hüteten, 

147. •Certroga«, mythologische Figur, Hund und Zwillinge. 

148. .Oarton de Germic, Kasten, in dem der Verleger die Empfangsbe- 
scheinigungen für versandte Rezensionsexemplare sammelt. 

149. »Puni«, besonders gewandter Ghiunerheld in der Gaunersprache. 

150. 'Wir sind doch keine Irreterenten«, Abart der Jungfrau, 
löl, >Morphium und Obomium«, neues Älkaloid. 

152. »Imbetit«, Kasten für Revolverpatronen. 

153. »Sementierprempel«, Mitglied eines Konsumvereins. 

Eine ganze Anzahl dieser Neubildungen traten zunächst als Ge- 
sichtsbilder auf, so 137, 140, 141, 145, 146, 147; von den Übrigen 
ist es nicht bekannt. Der >Kesedoktor« wurde trotz seines scherz- 
haften Beiklanges ausdrücklich vom »Käse« unterschieden. Dem 



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2:) 

Ti^umenden schwebte eine Familienstiftung (>KeseBtiftang>} vor, die 
alle möglicben Ausgaben deckt, wenn man auf sie Anweisungen 
schreibt, z. B. auch Verluste beim Skatsptel; so entstand noch die 
Nebenvorstellung iKesejungen < . Beim > Luditallöwen < hat wohl 
»DiluviaU vorgeschwebt; bei dem >Kalkinelgift< könnte an Kalomel 
gedacht worden sein. Die »Wüolideen« hängen mit »Wühlen» 
zusammen; sie sind ungeordnet, zerwühlt. Das »Eistubulat* er- 
innert durch seine erste Silbe an das kalte Haßland, während sich 
beim >Kleptraum> eine begriffliche Anlehnung an das griechische 
xXeTtTw findet, der Raum, der gewissermaßen verloren geht, ge- 
stohlen wird. Das >Leichenschaß> wird offenbar zum Teil durch 
das vorhergehende »Schach« bestimmt, erhält ater seine besondere 
schaurige Färbung durch den Zusatz. 

Die folgenden drei Ausdrücke, 142, 143, 144, tragen sprachhch 
das Gepräge wohlgebildeter Fremdwörter imd lassen trotz ihrer Un- 
sinnigkeit deutliche Anklänge an die zugrunde Uegendwi Vorstellungen 
erkennen; die > G-lossoplatiem scheinen durch »Platinotypie« und den 
Ausdruck >plattiert> beeinflußt worden zu sein. Das »Alpentindei 
ist kaum verständlich, wurde aber auch vom Träumenden als Kebus 
aufgefaßt; einerseits steckt in ihm das norwegische >tind*, Zahn, 
Gipfel, andererseits das verstümmelte spanische >entiende<. Die 
Beispiele 146 und 147 waren Bezeichnungen für Bilder. Bei 
»Irreterenten' hat wohl, allerdings ohne irgendwelche Beziehung 
zu der Grundvorstellung, » Irredentisten * voi^eschwebt; bei den übrigen 
Beispielen ist keinerlei Anknüpfung aufzufinden. •Sementierprempel« 
war durch den Namen «Schrimbs oder Preppel« in Immermanns 
Münchhausen angeregt. 

Wir erkennen aus den mitgeteilten Beobachtungen unschwer, 
wie zunächst noch engere Beziehungen zwischen dem Gedankengange 
und dem sprachlichen Ausdrucke bestehen, so daß dieser letztere 
bisweilen als leidlich gelungene Zusammenfassung gelten kann. Dennoch 
dürfte es sich bei diesen Bildungen schwerlich um das Ergebnis 
ähnlicher geistiger Arbeit handeln, wie sie den glücklichen sprach- 
lichen Schöpfungen für neue oder bishef nicht benannte Vorstellungen 
zugrunde liegt. Vielmehr tritt uns in zahlreichen Fällen die Tat- 
sache entgegen, daß sich von den mannigfachen, im Traumhewußtsein 
auftauchenden Vorstellungen immer nur ein Teil bis zur Fassung 



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26 

in Worte durchringt, während andere in den Hmtergmnd gedrängt 
werden oder doch nur mittelbar, durch sachliche oder lautliche 
Assoziationen, die innere Sprache beeinflussen. Allerdings ist Ähn- 
liches ohne Zweifel auch im wachen Leben der Fall. Allein während 
hier durch Ober- oder Zielvorstellungen die Umsetzung des Bewußt- 
seinsinhaltes in Sprachiorm beherrscht wird, so daß diese letztere 
einen annähernd vollständigen Ausdruck bestimmter Gedankengänge 
bildet, sind es im Traum bunt zusammengewürfelte Bruchstücke des 
Eewiißt^einsinhaltes, die zur sprachlichen Vertretung gelangen. Dabei 
können unter Umständen treffende, knappe Wendungen zustande 
kommen; in der Begel aber,' wie wir gesehen haben, fallen bei der 
sprachlichen Umsetzung wesentliche Bestandteile: aus, während Neben- 
vorstellungen und oft genug auch ganz fremde, zufällige Bestandteile 
sich eindrängen. Das letztere wird um so reidblicher geschehen, je 
verschwommener . und matter die Gedankengänge entwickelt sind. 
Namentlich wird dann immer das Hervortreten rein sprachlicher 
Bildungen ohne Bedeutung Und damit das Entstehen sinnloser Fehl- 
worte naheliegen. In der Tat habe ich außer den schon angeführten 
Beispielen, bei denen immerhin noch Begleitvorstellungen erkennbar 
waren, eine Anzahl von Beobachtungen gesammelt, die unverständ- 
Kche sprachliche Äußerungen ohne, irgend erinnerhche Bedeutung 
darstellen. 

Eine erste Gruppe derselben zeigt sprachlich richtige Bildungen: 

154. »Ihr irisches veretopfteB 2eng'. 

155. >iBi)idegewebspathologen und EpithehalpathologeuT. 

156. >Sind das Pockennarben oder Infusionen?« (Infusiona- oder Injektions- 
narhen?! 

157. iDa ist etwas Abiturientenschmutz drim, in der Tasse. 
168. »Rindenazoreni [Anklang an »Zonalfaseni'?). 

159. »Lordsaitenspieler und MuskeUardinen« , Personen eines Featzuges; 
schwache Erinnerung an Mantegnaa Zug in Hampton Coiirt, 

160, "Los angelos ninnoB«, sinnlose Zusammensetznng ans »Los angeles, 
los ninnOB«. , 

Ein Sinn ist mit diesen Wprten entweder nie verknöpft gewesen 
oder beim Erwachen verloren gegangen. Für letztere Annahme 
sprechen einzelne dunkle Erinnerungen, die sich noch auffinden .ließen. 
Die. englische Färbung: der tLordsaitenspielec* dürfte auf die Anlnüp- 
fung an die Zeichnungen Mantegnas in England zurückznbeziehen 
sein, während, bei den » Muskel sardinen« wohl der Anklang an die 



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Dämpfung der Musik äurch •Sordinen" eine Bfllle gespielt hat. 
Ganz -willkürliche Neubildungen sind folgende: 

J61. •Jercuntre«, Überachrift iibflr der Spalte' eines KaäseBbuches. 

162. , »Famatrat und Q-eEackelstückplatz« , Ü^)erschnften über den Seiten 
eines Buches. 

163. •Taguenteu', unklare Erinnerung an kanarische Namen. 

164. •Nächstea' Jahr war da ein Peust-wna-ohen«. ■ 

165. »Mapteil'-, ganz unklar. .... 

Diese absonderlichen Bildungen sind wohl meist als einfaches 
Silbengeküngel ohne -wirkliche Bedeutung aufzufassen; bezeichnender- 
weise sind die beiden ersten nichtssagende Überschriften ohne irgend- 
eine Beziehung zum Inhalte. Da sie auf dem Gebiete des Krank- 
haften ihr Gegenstück finden, ist das Vorkommen solcher sinnloser 
Silbenzusammensttqjpelungen im Traume .von besonderer Wichtigkeit. 



III. StSrangen der Rede (Akataphasie nnd Agrammatismits). 
Der sprachliche Äus^nick der Vorstellung ist das Wort, der- 
jenige des Gedankens die Rede. Diese letztere gibt somit nicht 
einzelne Vorstellungen wieder, sondern Reihen von Vorstellungen, die 
zueinander in Beziehungen gesetzt werden. SoU die Rede einen Ge- 
danken getreu zum Ausdruck bringen, so müssen zunächst die 
richtigen Worte für die Teilvorstellungen gefunden werden. Sodann 
muß sich die sprachliche Prägung in allen Einzelheiten mit dem 
Inhalte .der Gedankenreihe scharf und restlos decken- Endlich aber 
muß die sprachliche Gliederung die gegenseitigen Beziehungen der 
Vorstellungen zueinander klar erkennen lassen. Die Störungen, 
denen die Wortfindung im Traume unterliegen kann, haben wir ini 
vorigen Abschnitt eingehend betrachtet; sie nehmen insofern eine 
Sonderstellung ein, als sie schon bei der Benennung einer einzelnen 
Vorstellung hervortreten. Ihnen dürfen wir als Störungen der Rede 
im engeren Sinne die Fehler der sprachlichen Gedankenprägung und 
der sprachlichen Gliederung gegenüberstellen. Jene ersteren fassen 
wir unter der Bezeichnung «Akataphasie« zusammen, diese letzteren 
als »Agrammatismus«, Selbstverständlich finden sich die ver- 
schiedenen Störungen in den einzelnen Beobachtungen vielfach mit- 
einander vereinigt; insbesondere begegnen uns Wortfindungsfehler fast 
regelmäßig auch in akataphasi sehen oder agrammatischen Beispielen. 



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28 

A. StSningsa der epraoliliclien QedanlieDpräguiie. 
Bei der sprachlichen Ausprägung der Gedanken im Traume 
stoßen wir zunächst auf Fehlgriffe, die vollkommen denen der "Wort- 
findung entsprechen. Der Träumende findet für den ihm vor- 
schwebenden Gredanken nicht den genau deckenden Ausdruck, sondern 
er sagt etwas anderes, mehr oder weniger ÄhnUches. Wir haben 
es hier mit einem »Danehenreden' zu tun, das wir im Gegensätze 
zur Paraphasie als >Paralogie«, und zwar als •Verschiebungsparalogie« 
bezeichnen dürfen. 

166. »In Freibui^ dient die Innenaeite der Teiler nicht für das EBsen, aon- 
dem toT den Ort< etatt >Äuf dem Teller befindet sich ein Bild von Freibui^<. 

167. »Schöpferische Eisenbülle* für »eiBemea Schöpfgefäßi. 

168. »Indem lie ihr Waeaer nicht wagerecbt bringen, und sie unbraucbbari 
für >sie und wegen Stromschnellen für die SchtlTttfart nicht branchbari >]. 

169. »Dann würde er die engen, anliegenden Hosen, die damit verbunden 
sind, als eine Beleidigung, eine Herausforderang ansehen« für >e8 würde ihm 
peinlich sein, beim Arbeiten mit dem Ruderapparat in anliegenden Hosen er- 
scheinen zu müssen«. 

170. iWar der Teich eine wasserahnliche Arbeit« für »künstlich«. 

171. »Ein aufmerksamea Gutachten« für •gründliches«^). 

173. 'Gelingt dir das mit sympathischer Fembildung?« für »Kannst du 
atereoskopisch sehen?« 

Man erkennt, daß in diesen Beispielen zwar ungefähr verständlich 
ist, was gesagt werden sollte, daß aber ein Vergreifen in der Aus- 
drucksweise stattgefunden bat. Bei der ersten Beobachtung ist der 
Gedanke, daß die Innenfläche der Teller nicht frei ist, sondern ein 
Bild enthält, daß also das Essen dieses Bild verdeckt, dahin ver- 
schoben, daß sie nicht für das Essen, sondern für den Ort, d. h, 
für das Bild des Ortes diene ; zudem ist aus dem >Bild von Freiburg« 
geworden »In Freiburg«. Gedanke und Ausdruck decken sich nicht, 
sondern der erstere erscheint in schiefer, entstellter Form, Das 
zweite Beispiel enthält eigentlich keinen ausgeführten Gedanken, 
sondern nur eine zusammengesetzte Vorstellung; dennoch habe ich 
geglaubt, es hier einfügen zu sollen, da es sich nicht um eine ein- 
fache Wortfindungsstörung, sondern um eine solche der Gedanken- 

1] Hierhin auch »die Erachöpfer kann mau zu allem bringen« statt »die 
Ertinder kann man zu jeder Änderung veranlassen«, sie sind anpassungsfähig, mit 
leicbt verüfihtlichem Nebensinn, später gesammeltes Beispiel. 

2) Ahnlich »ein dankbarer Zustand« statt »dankenswerter«, ap'äter gesam- 
meltes Beispiel. 



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20 
prägung bandeln dürfte. Äusgedi'ückt werden soll etwa >Ein e 
Gefäß, das zum Schöpfen dient«. Für das nächstliegende »Gefäß« 
tritt die aus dem Begriffe dea Umschließens abgeleitete BezeicbnuDg 
>Hülle' ein, ferner statt der einfachen Zusanunensetzung •Schopf- 
gefäß« oder »zum Schöpfen«, «z, 8ch. dienend, geeignet, bestimmt« 
oder dergleichen das klangverwandte, aber einen ganz andern Sinn 
gebende > schöpferisch«. Wenn man will, ist hier der Sinn des vor- 
schwebenden Gedankens immerhin verständlich wiedergegeben, aber 
die Ausdrucksweise erscheint gesucht, weit hergeholt, weil nicht die 
nächstliegende, selbstverständliche, sondern eine neu erfundene, zudem 
Nebendeutungen zulassende Passung gewählt wurde. Auf diese 
Weise können solche Wendungen unter Umständen das schillernde 
Gepräge des Witzigen erhalten, ohne daß es vom Träumenden be- 
absichtigt war. Auch die Beobachtung 168, die sich auf Flüsse be- 
zieht, zeigt uns neben leichten Verschiebungen zvrischen Gedanken 
und sprachlicher Fassung eine eigentümliche Geschraubtheit der Aus- 
drucksweise. Zunächst ist die Vorstellung »eben« oder »glatt« durch 
das begrifflich verwandte, aber nicht genau entsprechende Wort 
»wagerecht« wiedergegeben; sodann aber ist der zu erwartende Aus- 
druck »dahinfließen« ersetzt durch die Wendung »bringen ihr Wasser«, 
die zwar an sich verständlich, aber absonderlich ist. Das für das 
Verständnis wesentliche Gedankenglied »für die Schiffahrt« ist in 
der Rede ausgefallen. Beim Beispiel 169 ist zunächst eine Ver- 
schiebung des Gedankenausdrucks insofern eingetreten, als sich die 
Vorstellung des Peinlichen in die wiederum begrifflich verwandte 
Passung der »Beleidigung«, der »Herausforderung« umgesetzt hat; 
der Träumende scheint hier nach einer treffenden Prägung gesucht 
zu haben, da sonst Häufungen von Ausdrücken weit seltener sind, 
als Auslassungen. Femer ist die etwa erwartete Wendung »die 
dabei getragen werden« oder »nötig sind« ersetzt durch den un- 
beholfenen und den Gedanken schief vriedergebenden Satz »die damit 
verbunden sind«. Von dem gedachten Ruderapparat ist keine Rede, 
doch läßt sich hier nicht ausschließen, daß wir es vielleicht mit einem 
Bruchstücke zu tun haben, dem die Benennung jener Vorstellung 
schon voranfgegangen war. 

Die »wasserähnliche Arbeit« verdankt ihre Entstehung offenbar 
zunächst dem Ausdrucke der Vorstellung »künstlich« durch das nur 



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30 

teilweise ihren Iphalt deckende lübnlich«;' das Künstliche sieht aus 
wie das Natürliche, ist ihm aber doch nur ähnlich. Dazwischen 
hinein spielt die Vorstellung, daß der Teidi. ein künstliches »trewässer» 
ist, so daß sich durch deren Einmischung die Wendung »wasserähnhch» 
ergab, während die künstliche Entstehung außerdem noch durch die 
Bezeichnung als wasserähnliche »Arbeit« besonders betont wurde. 
Bei decn > aufmerksamen« Gutachten ist das kennzeichnende Beiwort 
für die Leistung durch die Eigenschaft des Arbeiters ersetzt, dessen 
Aufmerksamkeit . eben die Gründlichkeit der Arbeit gewährleistet. 

Sehr merkwürdig ist endlich das letzte Beispiel. Der Ausdruck 
•Fernbildung« kennzeichnet gar nicht ganz schlecht die Entstehung 
der Tiefe beim stereoskopischen Sehen, bei dem gewisse Teile des 
Bildes in den Hintergrund rücken, so daß eine »Feme gebildet« 
vfirä. Dazu ist das Zusammenwirken beider Äugen nötig, wie es 
durch das Beiwort »sympathisch« angedeutet wird. Wir haben es 
also auch hier mit einer gesuchten und verschwommenen Ausdrucks- 
weise zu tun, die jedoch den zugrunde liegenden Gedanken in seinen 
Umrissen durchschimmern läßt. 

Die gemeinsame Eigentümlichkeit dieser Beobachtungen besteht, 
wie schon angedeutet, meines Erachtens in. leichten. Verschiebungen 
zwischen Gedankeninhalt und sprachlichem Ausdruck. Zum Teil 
mag dabei eine gewisse Unklarheit der . Vorstellungen selbst mit^ 
spielen, deren verschwomjneneB Bild die Auswahl der Bedewenduug 
nicht scharf und- eindeutig bestimmt, sondern Nebeneinflüssen Spiel- 
raum läßt. Auf der andern Seite aber erinnern die hier beobachteten 
Störungen doch auch wieder sehr an diejenigen der Wortfindung, 
bei der wir ebenfalls begrifflich verwandte Bezeichnungen leicht für- 
einander eintreten sahen. Gerade die unter Umgehung des Nächst- 
liegenden vorgebrachten, gesuchten Ausdrücke legen die Vermutung 
nahe, daß hier die Neuachöpfungen als Ersatz für die nicht auf- 
gefundeneu gewöhnlichen Wendungen anzusehen seien. 

Eine zweite J'orm der Paralogien beruht nicht auf einfachen 
Verschiebungen, sondern auf groben Entgleisungen. Die Fas- 
sung des vorschwebenden Gedankens wird durch Nebenassoziationen 
nicht nur in eine absonderliche Form gebracht, sondern durch die 
Ablenkung auf ganz andere Bahnen geradezu verhindert, so daß , 
die Rede widerspruchsvoll, unsinnig und zusammenhangslos wird. 



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31 

Immerliin lindea sich Übürgäage von den Yerschiebungeii zu den 
Sntgle^ungen, wie namentlich die erutcn der folgenden Beispiele 
zeigen werden. .. ■ 

173. »Dem allen FiBcher war es gelungeii, eich waltöiüde zii erbalten«; tr 
hatte bei tegelang«r Fsbrt seine Kräfte so g«ecbont, daß- er «ich noch durch das 
Watt rettea konnte. 

174, »Die Trauerenthüllung entfaltete die Starrheit« für »traurige Stimmiingen 
fuhren Gebundenheit herbei«. 

n&. >Die Köchin fiele in Stangen, wenn et hieße, derGeaelle ist aufge- 
gangen«, statt >ihr brache das Herz«, »auf und davon gegangen«. 

176. »Ich lache mich zu Blei« für »ich lache Tränen« (to <;ry). 

177. »Und der Bube muß auf andere Weise in die Schule getrieben werden, 
ah durch Alvarez und den Messiliggarteni ; ganz unklare VorBtellung; Erinnerung 
an WeckversQche ' mit Messingkugeln und den . wattierten Kasten, in den sie 
hineinfielen. 

178. "Die erste Auflage iat der MangelatotF; ich kanu mit etwas mangelin- 
Unklare Vorstellungen; Hineinspielen eines Eigennamens'. 

179. »Nur wegen des Abteilungsbetriebes' teilte Bettet dem Krämer ■ mit« 
lür »weil Klinik ist, muß ich. auf das Wecken hia aufsteheo«. 

180. »Indem ich überraschend auf die Nahrung, überrwohend auch auf das 
übrige hinblickte« fiir »indem ich überblickt««. 

Im ersten Beispiele würde man statt owattmüde« etwa erwarten 
•frisch«, aleo, wenn man will, gerade das Gegenteil des Gesagten. 
Die Vorstellung, der Enuädong durch die Anstrengung kam statt 
derjenigen der Krüf teerhaltung , wie sie durch den GödiUikengang 
gefordert war, zum Ausdruck, , allerdings in merkwürdiger Ver- 
schmelzung mit der Nehenvorstellung des »Watts«, die hier den 
einzigen Rest eines nicht zur sprachlichen Formung gelangten Ge-' 
dankens darstellt, ein Vorgang, den wir später bei der Betrachtung 
der Ellipsen noöh näher zu würdigen haben werden. 

Im zweiten Beispiel sollte ausgedrückt werden, daß die traurige 
Stimmung Gebundenheit erzeugte. An Stelle .des »erzeugte* trat zu- 
nächst das gezierte »entfaltete,« welches nun seinerseits auf dem Wege 
des Vorklanges, wie es auch beim gewobnliohen Versprechen nicht 
selten vorkommt, die !^tgleisung >enthüllung( bewirkte. Ein ähnlicher 
Vorgang scheint sich bei der Beobachtung 176 abgespielt zu haben. 
Hier schwebten die Wendungen vor: »Die Köchin verfiele in Trauer« 
oder ihr »braclie-da« Herz«. Der bereits auftauchende Schluß des 
rtiythmischen Satzes legte aber einen Beim nahe und führte so zu der 
sonderbaren Entgleisung, bei der die Vorstellung des Zerbrechens 



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neben derjenigen des »Veifallensi zum Ausdrucke drängte. »Auf- 
gegangen« enthält eine Auslaseung, wie wir ihr später noch in weit 
ausgeprägterer Form begegnen werden. Auch im Beispiel 176 
scheinen zwei verwandte Wendungen: »Ich lache mich zu Tode« und 
>ich lache Tränen* nebeneinander aufgetaucht zu sein. An letztere 
knüpfte sich die englische Ühersetzung »to cry», weinen, wurde aber 
fälschlich in das klangähnliche >to ply< umgewandelt, das hinwiederum 
die Klangassoziation zu Blei anregte. Es wäre unmöglich gewesen, 
diese verschlungenen Anknüpfungen zu entwirren, wenn nicht der 
Träumende selbst noch imstande gewesen wäre, darüber itechenschaft 
zu geben. 

Eine völlige Verdrängung des begonnenen Gedankenganges 
durch neue, unvermittelt auftauchende Vorstellungen enthält das 
Beispiel 177. Der Träumende vermochte nicht mehr zu sagen, wie 
der Nachsatz etwa hätte lauten sollen, ebensowenig, woher der Ausdruck 
>Alvarez> hier stammt. Dagegen ist die Neubildung »Messinggarteni 
unzweifelhaft durch die Erinnerung an Weckversuche angeregt worden, 
bei denen Messingkugeln aus der Höhe auf ein Brett aufschlugen 
und dann in einen wattegepolsterten Kasten, gewissermaßen in ein 
Gehege, einen Garten, hineinsprangen. Bemerkenswert ist die Bildung 
eines neuen Wortes für einen verwickelten, bis dahin nicht einfach 
benannten Begriff, sodann die Gesuchtheit des Ausdrucks »Garten« 
statt etwa »Kasten«. Das nächste Beispiel erschien dem Träumenden 
als Satz, gesprochen beim Öffnen eines Buches auf dem Buchhändler- 
kongreß. Der Ausdruck »Mangelstoff* trat an Stelle eines ganz 
ähnlich klingenden Eigennamens; es sollte etwa der Verfasser eines 
in erster Linie (»erste Auflage*) zu nennenden Buches bezeichnet 
werden. Nun erfolgte aber auf dem Wege der Klangassoziation die 
Entgleisung zu dem sonst ganz beziehungslosen Schlußsatze. Noch 
unhegreiÖicber ist der Ausgang des Beispiels 179, der ganz sinnlose 
Worte enthält, während der Eingang den vorschwebenden Gedanken 
in verschobener Form wiedergibt; an Stelle der Idinischen Stunde 
ist der begrifflich verwandte »Abteilungsbetrieb« getreten. Als Entr 
gleisung ist wohl auch das letzte Beispiel zu deuten, hei dem die 
vorklingende Wendung » überblickte * das klangverwandte »über- 
raschend* auslöste und damit die ganze weitere Entvricklung der 
Bede in diesem Sinne veränderte. 



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33 

Den angeführten Beobachtungen nahe verwandt, aber weit ver- 
wickelter, sind die folgenden: 

181. >Dftß die Sohläge wie zwei "Wolken durch die Isiswolken tritt' für 
> Sonnenstrahlen brechen durch Wolkem. 

182. »Dae Wenneschwert lag ihnen fem. Ea diente dazu, die Werme ihrer 
Barte, das Gewicht ihres Namens zu w'Eigen< für >Die bärtig^en Deutschen warfen 
ihr Schwert iu die Wagechale«. 

Hier finden sich zunächst zwei Wortfindimgsfehler, »Schläge«, 
eigentlich >BlitzBchläge(, fUr das sinnverwandte >Strahlen<, sodann 
•Isiswolken« statt "Iriswolken«. Der Träumende dachte an die 
Götterbotin Iris, wie sie durch die Wolken schwebt, zugleich an das 
irisierende Farbenspiel beim Durebbruch der Sonnenstrahlen durch 
das Gewölk, vergriff sich aber im Worte. Der ganze Sat^ hatte die 
Form eines Stimmungsgedichtes und wurde sehr gefühlvoll gesungen. 
So entstand die Neigung zu rhythmischer Gliedening, die wohl 2u 
dem sinnlosen Vorklangeinschiebsel »wie zwei Wolken« geführt hat, 
Auch in dem zweiten Beispiel dürften wir es mit einer Entgleisung 
durch verschiedene Nebenvorstellungen zu tun haben. Was zunächst 
die unverständlichen Ausdrücke »Werme«, •Wermeschwert« betrifft, 
(tie genau in dieser Schreibung auftauchten, so scheinen sie aus 
einer Vermischung der beiden Worte »Wärme« (Leidenschaft) und 
»Verve« hervorgegangen zu sein; dem Träumenden ' schwebte vor, 
daß die alten Deutschen mit Nachdruck ihr Schwert in die Wag- 
schale warfen, ihre ganze Persönlichkeit einsetzten. Die sprachliche 
Ausprägung des Gedankens verunglückte und verknüpfte sich zu- 
gleich in sinnloser Weise mit den Vorstellungen des Schwertes und 
der Bärtigkeit, welche letztere dabei an eine ganz falsche Stelle 
geriet; es sollte heißen: »Die bärtigen«, also würdigen, alten Deutseben. 
In dieses Gewin- von Entgleisungen schob sich nun noch die Wendung 
»lag ihnen fem« hinein, deren Ursprung dunkel geblieben ist; wabr- 
scheiuHcb bandelt es sich um den Best einer zurückgedrängten 
Nebenvorstellung. 

Als eine zweite Hauptform der akataphasiscben Störungen können 
wir die Zusammenziehungen oder Ellipsen betrachten, bei denen 
umfangreiche Vorstellungsreihen nur durch einzelne sprachliche Bruch- 
stücke wiedergegeben werden. Erst die Erklärung durch den 
Träumenden selbst vermag, dann einigermaßen Licht in das unvei^ 
ständlicbe Gestammel zu bringen. 

Ktuapclin, SpiKhiUiongsD. 3 



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ISS. rDie AojoiMmpfiDclQni^ mtiuen «tudi wit Kufttehwii für »Beim 
Wecken genügt ee nicht, dsS man wach wird, aondem miia muQ auch die 
Augen öffnen'. 

184. >Seiue Verdienste hliabeu nan fast in der Brust nicht ferai; Goethe 
konnte sein« Yerdienste nicht so in seiner Brnst verschließen, daß sie nicht jeder 
herausfühlte. 

185. iJetzt kann ich frei von diesem Tadel sein« für (frei, mich wieder zu 
verheiraten«, vermein tliehea Zitat aus Maria Stuart. 

iSß. »Sie sang das Kommandorot' fBr »sie sang laut ein Lied in der Horgen- 
dUa&rtrnngt. 

187. lOauiitBäoUicIi wegen schwächlicher und anmaßender Verdauung«, d. h. 
il^ne schwächliche und anmaßende Kegiening wird auch dann die Herzen der 
Untertanen nicht gewinnen, wenn sie Ihnen satt zu essen gibt«. 

183. • Versteht ke Ünter»cheiden<, d. h. >N'iemand Twst«ndden Triinmeaden, 
wsnn er in Midrid mit einem Bekannten Italieoiich qiraoh«. 

189. >In Sullricb will ich stehen, wie ich ssnletzt besessen mein Uütterchen«, 
Gesang der österreichischen Truppen vor der Schlacht, daß sie in Kanonendonner 
und Fulverdampf (Bullrich] aushalten und ihren früheren Lehrmeistern, denFran- 
zosMi, giegan die sie nunmehr impfte sollen. Ehr« madien wvllen. 

ISO. «Habt Ihr ihn angegri£feuP Er diohtert glook. Da kommt der Fcvtier 
auch und pfeift einen Schluck«, Couplet, 2U Ehren des Träumenden von einem 
Wiener Komiker gesungen, ahmt nach, wie verschiedene Besucher von den Dienst- 
boten verschiedet! behandelt werden. DieMSdchen frohlocken (»diditert glack«), 
weil sie den Bettler hinaa^eworiett (•angegriffeu«) habcni der Portier trinkt 
vor Freudfl. 

191. >Hier landen sie immer die Halbköpfe hier oben«, d. h. iman kann 
von Italien zd Schiff an einem Tage direkt nach Hause fahren«. 

193. tSokrates' Schlüssel gebar Biet, unklare Aussage übet daa Verhalten 
def Frau von ^in. 

&in2e1iien kleineren Auslassungen, wie sie auch beim gewöhn- 
lichen Versprechen vorkommen, dnd wir schon früher begegnet. 
Hier aber erreicht die Verstümmelui^ des sprachlichen Ansdrackee 
G-rade, die songt beim gesunden Menschen niemsJe beobachtet wei^ 
den. Wenn das Wecken zum Aufstehen führen soll, so mu8 man 
es anch in den Augen empfinden, daB man wirklich wach ist; dfts 
ist etfra der Gedanke, der dem Träumenden im ersten Bei^id« Ti»^ 
schwebte und in der sprachlichen Prägung zur ünveretändlichkeit 
verstttmmdt wurde. »Seine Verdienste blieben nicht fem* h«Bt es 
im zweiten Beispiele, ein gesuchter Ausdruck für »sie blieben nicht 
unbemerkt« . Der weitere Gedanke, daß sie eben in seiner PereöiUi(^>keit 
lagen und sich deswegen nicht verleugnen, in der Brust verschliß«» 
ließen, sondOTU überall hervortreten mußten, ist nur durch die dunkle 
Andeutung »in der Brust« zum Ausdruck gekommen, wfehrand »non 



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35 

fast' ^8 eiofache ITicItworte zur rhytliiniB<dien Bundung des Batzee 



Maria Stuart will sagen, daß sie nucmehr, nachdem sie durch 
ihre BnBe die frühere Schuld geefihnt habe, wieder frei aä and von 
neuem heiraten dürfe. Der Träumende bringt jedoch nur den ersten 
Teil dieses G^eduikenganges zum Ausdrucke, obgleidi er ihn toU- 
Btändig und in würdiger dichterischer Fonn, getreu nach Schüler, 
wiedergegeben zu haben glaubte. Das >Kommandorot< ist eine 
ZuBammenziehung auB den Vorstellungen, daß laat, wie beim Komman- 
dieren, und daß beim Anbruch des Tag«B, zur Zeit der Morgem^ite, 
gesungen wurde. Im nächsten Beispiele ist die den Bii^ang bildende 
Vorstellung der »schwächlichen und anmaBenden Regierung» nur 
halb, aber vermehrt um die unklaren Znsätze »Hauptsächlich wegen* 
in die sprachliche Form Übertragen. Daran schließt sich dann unter 
Ausfall alier Zwischenglieder die Vorstellung »Verdauung« , die 
durch den Schluß des vorschwebenden Gledankens angeregt wurde. 
Das Bindeglied bildet der dunkel auftauchende Erfahnrngssatz, daß 
sich die Gemüter während der Verdauung zu beruhigen pä^en. 
Bei der Beobachtung 188 ist von dem geswnten Gedankeninhaite 
nur die Vorstellung des »Nichtrerstehens« in Worte mogesetst 
worden, obgleich eich der Träumende hier, wie in allen fuidem 
Fällen, deutlich und vollständig ausgedrückt zu haben {Raubte. Dabei 
ist noch eine Verzwitterung der beiden Ausdrücke «verBteht ke 
Wort« (dialektisch) und »man issm nichts unterscheiden* eingetreten. 

Sehr merkwürdig und verwidcelt sind die beid^t folgenden, in Form 
des rhTthmischen Gresanges auftretenden Beispiele. »Bnllrich' ist eine 
den bdiaimten Eigennamen benutzende Bildnng, die einerseits aa 
das »BuUenit der Kancmen, andereiBeits wohl audi an den Pulver- 
dampf anklingt; es eniII also heißen: »Im Kampfe will ich stehen«. 
•Mein Mütterchen« ist eine Faralogie für »mein Lehrmeister«, an- 
geregt durch begriffliche Aesoiäation. Der Zwischensatz enth^t die 
Ellipse für »wie es mein L^rraeister tat, den ich früher hatte« ; die 
beid«i letzten Worte sind ersetzt durch die vere<^bene Fassimg 
»zuletzt besessen«. Alleübr^n, dem Träumeaden noc^ vorschwebenden 
Nebenvorstellimgen haben keine Wiedergabe gefunden, ha Beispiele 190 
ist der Gedanke, daß der Bettler hinausgeworfen wurde, nur durch 
die Frage ausgedrückt: »Habt Ihr ihn angegriffen?« Nun schwebte 



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36 

vor: >Die Mädchen kichern und frohlocken»; statt dessen heißt es: 
»Er dichtert gluck«. Das 'er« ist wohl auf Nachwirken des kurz 
vorhergehenden »ihn« zurückzuführen, während wir es in. »dichtert 
gluck« mit sinnlosen Anklängen an »Kichern und Frohlocken« zu 
tun haben. Der Schluß ist sprachlich wieder voll ausgebildet und 
enthält einen Keim, der entweder durch das voraufgehende »gluck« 
angeregt war oder umgebehrt im Vorklingen diese Neubildung mit 
beeinflußt hat. In der Beobachtung 191 ist nur ein ganz kleiner 
Bruchteil einer umfassenderen Vorstellungsreihe zum sprachlichen 
Ausdrucke gelangt. Was den Träumenden beschäftigte, war der ihm 
verwirklicht scheinende Gedanke, daß man neuerdings zu SchifF an 
einem Tage von Italien nach Deutschland fahren könne, auf einem 
Kanal, dessen Weg auf der Karte verfolgt wurde. Indem er 
glaubte, diese neue Möglichkeit auseinanderzusetzen, sprach er doch 
nur vom »Landen hier oben«, mit dem unaufklärbaren Zusätze »die 
Halbköpfe*; dagegen bheb alles übrige unausgesprochen, um eine 
Ellipse dürfte es sich wohl anch in dem letzten Beispiele handeln, 
obgleich sieh der wirklich vorschwebende Gedanke durchaus nicht 
mehr erinnern ließ. Nur die unklare Vorstellung, blieb zurück, daß 
durch die rätselhaften Worte in irgendeiner Weise das Verhalten 
der Frau von Stein in der Weimarer Gresellschaft näher gekenn- 
zeichnet werden sollte. 

Eine Art Gegenstuck zu den Ellipsen bilden die folgenden 
Beispiele, bei denen wir es nicht mit Vorstellungen zu tun haben, 
die vergeblich nach sprachlichem Ausdrucke ringen, sondern um- 
gekehrt mit Worten, denen gar keine oder doch nur sehr dürftige 
und dunkle Vorstellungen entsprechen. Sie zeichnen eich gegenüber 
der knappen, rielsagenden Fassung der Ellipsen durch einen gewissen 
Eeichtum an tönenden, aber inhaltleeren Wendungen aus und sind 
ausnahmslos rhythmisch gegliedert, oft auch gereimt. Gerade diese 
Eigentümlichkeit dürfte in erster Linie den Schlüssel zu ihrem Ver- 
ständnis bieten; es handelt sich, ähnlich wie bei den sinnlosen 
Kehrreimen unserer Lieder , um ein einfaches Wortgeklingel, 
dessen Beiz wesentlich auf der Wiederkehr derselben Laute, der- 
selben Hebungen und Senkungen in der Silbenfolge beruht. 

193. »Wollt« schwingen mein Gefieder 
In das Meer hiiiab, 



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37 

Wie der Strom mit Meeres über 

In den Meeres Grab.« (Goethes Lied an den Mond.) 

194. »Ach Palfy, armeB Kind, erscheinet Du plötzlich wieder? 
Warum bist Da bq drollig wieder da? 

Aoh, damals sab er Diva nicht! 

Du biet wie eine donkelBugige Italieoerini. (Lied des Mirza-Scha%.) 

195. >Frug nm die Ehewanknng 

Und nahm sie selbst zur Schwankung 
Als ehelich Gemahl.« 

196. »War einst als Erangelimann — 

's sind ihrer zwei, berechtigt noch; 
Der Vater wohnt Gaoangelloch.i 

197. >Ünd mit seinem Schleier weht die Laute her«. 

198. ilJud Liebe sich bereiteten erquicken«. 

199. >Za des Diamantenschrift zu gränzen«, Schluß eines Gledichts. 

200. »0 Jüngling, wie irei wir von Sinnen, Frühlingaprangen cop. es von 
hinten«, Ausdruck der Yeränderlichkeit. 

301. >Mit Mannarrecbt, kann bisher geschehen; Basar ist ähnlich echt«. 

Die beiden ersten Beispiele wurden von dem Träumenden ge- 
radezu als bekannte Zitate aufgefaßt, und auch die übrigen bilden 
sämtlich Bruchstücke von vermeintlichen G^edichten. Neben dem 
Rhythmns, dessen Mickworte bildender Einfluß sich an verschiedenen 
Stellen deutlich erkennen läßt, spielt besonders der Reim eine her- 
vorragende Rolle beim Zustandekommen dieses Wortgekhngels. Die 
Reime sind freilich nicht immer rein, »Gefieder — über«, »von Sinnen 
— von hinten«; andererseits hat das Bedürfnis nach ihrer Erzeugung 
offenbar die unsinnigsten Entgleisungen herbeigeführt, »mit Meeres 
über«, »nahm sie selbst zur Schwankung«, >es von hinten« usf. 
Mehrfach finden sich Neubildungen, wie die »Ehewankung« , die 
übrigens viele Jahre vor den »Eheirrungen« neuerer Zeit von dem 
Träumenden geschaffen wurde, das »gränzen«, wohl für »glänzen«, 
das ganz unklare »Manuarrecht«. Eemer bemerken wir mehrfach 
Fehler in Konstruktion und Satzgefüge, wie wir sie später noch zu 
besprechen haben werden. Dahin gehört »mit Meeres über«, »sich 
bereiteten erquicken«, »zu des Diamantenschrift« , die zusammen- 
hangslose Wortreihe »wie frei wir von Sinnen, Frühhngsprangen cop, 
es von hinten«. Das merkwürdige, abgekürzte »cop.« deutet auf ein 
Gesicbtsbild hin. Das letzte Beispiel erinnert an den weiterhin zu 
betrachtenden Telegrammstil. 

Irgendwelche klaren Torstellnngen pflegten sich mit diesen 



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38 

Ergüssen, die regelmäßig als se^ gdungene Dic^tongen anfg 
wurden, nicht za rerbinden; nur bei dem Beispiel 200 hätte der 
Träumende den Gedanken, dafl der Vers die Verilnderlichkeit 
schildere, ohne daß sich aus den Worten auch nur im ent- 
ferntesten eine solche Bedeutung heraosleeen lieBe. Es ist natür- 
lich möglich, daß wir es öfters mit Ellipsen zu tun haben, daB aas- 
gedehnte Vorstellungsreihen, vielleicht von unklarer Prägung, nur 
in verkümmerten und überdies paraphaaisch und paralogisch ver- 
änderten Bruchstücken Ausdruck fanden; namentlich die beiden 
letzten Beispiele in ihrer knappen Fassang könnten diese Vermutung 
nahelegen. Auf der andern Seit« aber tritt doch das Geklingel 
mit Worten vielfach so deutlich hervor, daß wir als Hauptstörung 
nicht ein vergebliches Bingen nach Worten, sondern das Auftauchen 
reiner Worte ohne begleitende Sachvorstellungen annehmen zu dürfen 
glauben. 

B. Störungen d«r apraoliUclieii Qllsdemng. 

Wenden wir uns nunmehr den Störungen der sprachlichen 
Ghederung zu, dem Agrammatismus, so haben wir zunächst der 
syntaktischen Fehler zu gedenken. 

303. >Die Scbleie des Estan-lu< für >Eatarrh der UagenicUeiniliauti. 

2{ß. >Die Behandlung freiwilliger £ohIeu< statt »freiwillige BeBchafTnng 
von Kohlen«. 

301. iSimi bunter leohatei« für >Becbster Sinn der FSuizen«. 

In der ersten Beobachtung finden wir eine Umkehrung des Ab- 
hängigkeitsverhältnisses, daneben eine durch Klangähnlicbkeit be- 
wirkte paraphasische Entgleisung, beides Störungen, die auch beim 
gewöhnlichen Versprechen vorkommen können. Dasselbe gilt für die 
Umstellung and Anpassung des Beiwortes freiwillig im zweiten Bei- 
spiele; hier ist außerdem wieder aus der .Beschaffung* durch Ver- 
mittlung der Klangähnlicbkeit eine »Behandlung« geworden. Die 
letzte Beobachtung zeigt uns die Nachstellung und falsche Abwand- 
lung des Zahlwortes, zugleich aber die Einfügung eines Einschiebsels, 
das anscheinend durch Nebenassoziation von der gar nicht mit aus- 
gedrückten Vorst«llung •Pflanze« her angeregt worden ist Den 
Träumenden beschäftigten die mannigfaltigen Formen und Leistungen 
tropischer Pflanzen; dabei tauchte dunkel die Vorstellung der Tier- 
ähnlichkeit und weiterbin des ebenfalls so merkwürdigen Gleich- 



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»9 

gflwiditiorfaDes Am iFische auf, and nun wurde es klar, da8 icboii 
der alte anatoBoieche Sehriftateller »Panschow* {verSndert ana 
>FaD8Gli<j die Bezeidmung >8iim bunter sechstes' eben fUr einen 
vermeintlicben Becbeten Sinn der Pflanzen gebraucht habe. 
209. >V1r dftchten, nur dem Schlosse, unr Ton oben herftb«. 

206. »Freilich führt mancher Bn Bettlern zurück den eigenen TCrsl«. 

207. >Bin Stettin in Deutschem Hange England nichtachtead an den FGnten 
von Bulgarien«. 

208. »Die Tiere erstickten früher in werdendem Unmnt< flh- »Die auf einem 
Schiffe zusammengedrängten Tiere wurden unruhig und erstickten«. 

Der Sinn der drei ersten Beobachtungen ist gang unklar ge- 
blieben. Für uns konunt hier nur die mangelhafte sjn'achliche Form 
in Betracht, das »nur dem Schlosse*, »den eigenen FUrat«, »nicht- 
achtend an den Fürsten«. Das iStettin in Sentsohem Hause* ist 
eine paraphasische Entgleisung fUr »Prinz ans deutschem Hause«, 
augeregt durch die Nebenvorstellung des Hauses »Wettin« mittels 
der EÜang^hnHchkeit '). Es «äre vielleicht möglich, dafi sich jene 
syntaktischen Fehler bei vollkommener Einsicht in den Sinn der 
Beden zum Teil aufklären würden, doch scheinen mir die später an- 
zuführenden Beispiele von Agrammatismus dafür zu sprechen, daß 
es sich um wirkliches Vergreifen handelt. Im letzten Beispiele steht 
zunächst »Unmut* für »Unruhe«; sodann aber hat der vorschwebende 
Gedanke »wurden unruhig*, wohl beeinflußt durch die dunkle Vor- 
stellung »wachsende Unruhe*, zu der Fassung »in werdendem Un- 
mut« geführt. Der Zusatz »früher« dürfte ein Versuch sein, den 
Qedanken wiederzugeben, daß die Tiere »zuerst* unruhig wurden 
und dann erstickten. Offenbar beruht die syntaktische Umstellung 
in diesem Beispiel zum Teil auf elliptischer Sprachverstümmelung. 

Den Ellipsen nahe verwandte Vorige haben wir endlich auch 
wohl in derjenigen Form der Sprachstörung des Tranmes wiAsam 
zu denken, die ich als »Telegrammstil« bezeichnen möchte. Es 
handelt sich dabei um den mehr oder weniger vollständigen Verlust 



309. »Jttngfrauqaarz, idi — idi — bes« für »Gloldfiinde in Afrika« (Sldi- 
bel-Abbes). 

1) Der Setzer hatte hier gesetzt »RangühnKobk^it» , ein hiibiches Beispiel 
einer ao den •Prinzan« anknüpfenden Nebenaetoziatioa 



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40 

210. iTempel an Mansolenm dnrchaua in arithmetieohem 'Yerhaltois mit 
als hnmoriBtischt, Ausspruch Kaiser Wilhelms I. übur einen geplanten OartvokiOBk. 

211. »Der Magier, der des Storches Krummgier wird. Stnrmtott , Unter- 
schrift anter einem Bilde aus den Fliegenden Blättern, Cincinnatns am Pfluge, 
am Himmel ein Storch. 

212. lAusgebildeter Mann, bilt und Hans nnd kiek hen*, Satire aus dem 
Kladderadatsch . 

213. >Er und oben, wie sie nur fiel and gekündigt«, Stelle ans einem Pro- 
gramm ausständiger Maurer. 

314. »Zierlich, stinzig, gewalttätiger Kindermund angegri£F«n<, bezieht sich 
auf Waldmeisters Brant, die von einem Kinde geschimpft norden war. 

älö. >Como alles Bruchsal, hat alles Bruch und Qual<, Schilderung von 
etwas Unangenehmem. 

216. »Die Vorhenne vertritt Tenne-Teufel«, dunkle Vorstellungen von 
-Vorhölle«. 

217. >Die Jungfrau lang viel«, ganz unklar. 

218. »Ernst von Bieck-Kokaingrundi, ebenfalls unklar. 

219. »Klötzchen-Hotzchen. Was ist denn das äußerste?«, unverständlich. 

220. »Droudenlaet dazu genoasen«, unklar. 

Hie und da treten in diesen formloBen Wortanhäufungen An- 
deutungen eines Vorstellungsinhaltes hervor; erst in den letzten Bei- 
spielen sind sie nicht mehr zu erkennen. Zum Teil handelt es sich 
um Anklänge, wie bei »idi-idi-bes« für »Sidi-hel-Abbes«, >Vorhenne« 
statt »Vorhölle«, häufiger aber um begriffliche Anknüpfungen, wie 
heim > Jungfrauquarz« (Goldquarz?], »Tempel an Mausoleum«, bei 
dem »gekündigt« im Maurerprogramm, dem »gewalttätigen Kinder- 
mund angegriffen «, dem »zierlich«, das sich wohl auf die gedachte 
»Braut« beziehen soll, dem »Bruchsal« mit der Bedeutung des Zucht- 
hauses, dem >Teufel«, der sicix an die »Vorhölle • anschließt, dem 
»Storch«, der durch das Gesichtsbild angeregt wird. Es hat dem- 
nach den Anschein, als ob hier von den Vorstellungen, die dem 
Träumenden vorschweben, einzelne unmittelbar, andere durch Ver- 
mittlung begrifnicher Assoziationen zum sprachlichen Ausdrucke ge- 
langen, während der Kest ohne logische Gliederung bleibt und daher 
auch keine syntaktische Ausprägung in der Sprache erfahren kann. 
Vielmehr werden die Vorstellungsbruchstücke einfach aneinander- 
gereiht, wie namentlich in den Beispielen 209 und 214 gut ersicht- 
Hch. In der Beobachtung 210 ersieht man aus der Folge der Worte 
deuthch, daß es sich um architektonische Vorstellungen dreht, ohne 
daß doch ein Gedanke ausgedrückt wäre; hier entsteht ein eigen- 
tümUches »Drumherumreden«, die Anregung von Vorstellungen eines 



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41 

gewissen Gebietes ohne Gedankenprägnng. Dazirischen schieben eich 
aber dann mehrfach auch Eedeteile, die rein der Klangverwandtsctaft 
entstammen; es kommt zu Entgleisungen durch Anklänge. So ist 
die Neubildimg >Knimmgier« im Beispiel 211 unter dem Ein- 
flüsse des 'Magiers* entstanden. Die erste Silbe >Krumm' schloß 
sich an das Bild des gekrümmten FöuggrifFes an; zwischenhinein 
schob sich aus dem Gesichtsbilde her die Vorstellung Storch. Das 
>bilt< im nächsten Beispiele ist auch nur ein Nachklang von »aus- 
gebildeter«, »Bruch und Qual< Nachklang von »Bruchsal«, allerdings 
mit der gleichen Gefühlsbetonung des Unangenehmen. »Tenne* ist 
ein Keim auf die Entgleisung »Vorhenne«; ob dabei diese durch jene 
bestimmt wurde oder umgekehrt, ist nicht zu entscheiden. Auch im 
Beispiel 219 tritt ein unsinniger ßeim auf. Die mehrfach beobadi- 
teten Neubildungen sind zum Teil durch Klangwirkungen bedingt, 
so »Hötzchen«, »bilt«, »Krummgier', vielleicht auch »Vorfaenne«. 
> Sturmtot • , » Kokaingnind • , > Droudenlast * sind unklar ; vielleicht 
handelt es sich um Ellipsen. Im ersteren Falle scheint dem Träumen- 
den der im Bilde gesehene, fliegende Storch dunkel die Torstellung 
des Windes und zudem diejenige des Herunterschießens ' erweckt zu 
haben. Das "Wort »stinzig« erschien ihm als plattdeutscher Ausdruck 
für »schmächtig« und bezog sich auf die »Braut». Dieses Beispiel 
ist das einzige der Eeihe, bei dem die Liederlichkeit des sprachlichen 
Ausdrucks im Traume mißfällig empfunden wurde, während die 
übrigen Äußerungen vollkommen verständlich und sprachlich richtig 
erschienen. 

An diese ungegliederten Aneinanderreihungen einzelner Vor- 
stellungen und Anklänge können wir vielleicht am besten die Er- 
wähnung einiger Beispiele anschließen, die in Form von sinnlosen 
Redebruchstücken auftreten, sei ea, daß sie von vornherein so erzeugt 
wurden, sei es, daß sie erst in der Erinnerung verstümmelt Wurden. 
Der Gredankeninhalt ist dabei stets ganz unklar geblieben. 

221. »Hans Hopfen und Hansnarreni. 

232. »Die Erfindung fortbeeetzter Teile«. 

223., »Zuerst den Hosen die Huttreppe*, «ua einer fürstlichen Ansprache. 

Im ersten Beispiel haben wir es mit einer Klangassoziation zu 
tun; die beiden andern entziehen sich der Deutung. Im letzten 
wäre es möglich, daß die Vorstellung des »Aufkrempens« der Hosen 



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vorgeschwebt tmd emeraeits diejenige der »Hutkren^ie«, andererseits 
den A nk lang »Tre}^e> angeregt hätte. 



IV. Denkstöraagea. 

~Wir können nicht darüber im Zweifel sein, daß die Sprach- 
störungen des Traumes ganz regelmäßig von tiefgreifenden Denk- 
stöningen begleitet sind, und daß diesen ein wesentlicher Anteil an 
der Entstehung jener zugeschrieben werden muß. So werden wir 
einerseits bei den Bedefehlem, die auf Unvollkommenheiten der 
sprachlichen Gkdankenprägung und Gliederung hinauslaufen, an- 
nehmen dürfen, daß in der Begel wohl auch die vorschwebenden 
VorsteUnngen unklar und ungeordnet sind. Femer haben wir das 
Wortgeklingel bereit« darauf zurückgeführt, daß hier die Sprach- 
vorstellungen gewissermaßen selbständig werden , weil der Gre- 
dankengang seinen Einfluß auf sie verloren hat. Endlich aber müssen 
wohl bei allen jenen Entgleisungen der Wortfindung wie der Bede, 
die auf begrifilicheu Anknüpfungen beruhen, auch Denkstöningen 
mit eine Bolle spielen, insofern nicht die AusgangSTorstellung, 
sondern erst eine durch sie erweckte Assoziation sprachbildende 
Kraft gewinnt. 

Wenn wir trotzdem den bisher behandelten Sprachstörungen 
noch eine Gruppe der »Denkstörungen* gegenüberstellen, so geschieht 
das deswegen, weil sich unter den gesammelten Beispielen «ne er- 
hebliche Zahl solcher befindet, bei denen der sprachliche Ausdruck 
verhältnismäßig wenig oder gar nicht gestört ist, während sich zu- 
gleich die Fehler der Gedankenarbeit mit großer Deutlichkeit er- 
kennen lassen. Vielfach ergeben sich gerade aus der Betrachtung 
dieser Beobachtungen Streiflichter, die geeignet sind, die Ziehre von 
den eigentlich«! Sprachstörungen des Traumes zu klären. Endlich aber 
verknüpfen sich alle die verschiedenen Abweichungen so überaus häufig 
miteinander, daß man sie wohl auf dem Wege der begrifflichen Zer- 
gliederung, nicht aber bei der Grappiening der einzelnen Beobach- 
tungen einigermaßen streng auseinanderhalten kann. Die Veitnde- 
rungen des Seelenlebens im Traume sind eben nicht engumsebiiebene, 
sondern weit susgedehnte; es ersdieint daher notwendig, bei einer 
Schilderung dcar Traumspracbe die gesamten Vorgänge mit in dHt 



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43 

Bereich der Betrachtung zn ziehen, die bei der Eatetehong sprach- 
licher AußeraDgen beteiligt sind. 

Schon bei der Besprechung der Wortneubildungen haben wir 
darauf hingewieeen, daß ihnen in einer beträchtlichen Zahl von Fällen 
ganz onklu« Yoistellnngen zugrunde liegen, und daß gerade dieser 
Umstand das Auftreten sinnloser Sitbenznsanmiensetznngen sehr er- 
leichtert Späterhin beim Wortgeklingel, wo es sich um die willkürliche 
Aneinanderreihung nicht ron Silben, sondern Ton Worten und 
Wesdimgen handelte, haben wir Shnhche Erwägungen angestellt. 
Anknüpfend an diese [Erfahrungen, möchte ich hier einige Beispiele 
mitteilen, bei denen die sprachhche Eorm keine we&enthchen Störungen 
aufweist, wahrend doch der Gedankeuiuhalt ganz unverständhch oder 
nichtssagend ist; dnzelne derselben sind Bruchstücke, andere ab- 
geschlosBraie, richtig ausgebildete Sätze. 

2S4. >Bei den Sozialisten tmgen diew YorgSnge dazu bei, ihre Schiffe, ihre 
Alier, ilire BuhmeBtitel in Tet^eBBenheit zu bringen«. 

225. >Bei der umstrittenen Wahl Kriege angesagt hatte>. 

226. >IKe Lage geBcliolteF und gedreobselter Volkskunst aufzuklären'. 

227. iBnider folgt als Biber, Terfühii den andern«. 

228. >Der Alte maßt« im Weltgauge zt^^^eben sein«. 

229. »Das Hühnchen unbedeutend autlasaeni. 

280. iLehmanns Pferde bleiben atelieDi, GlMang der Studenten bei einem 
Fackeknge. 

Es war in diesen Fällen nicht möglich, für die im Traiune sehr 
flott ablaufenden sprachlichen Äußerungen irgendeinen Inhalt auf- 
zufinden. Nur bei dem Beispiele 228 schwebte dem Träumenden 
unklar die Vorstellung eines Handels vor, bei dem etwas als Zugabe 
dreiugegeben wurde. Möglicherweise wurden die begleitenden Ge- 
danken^nge nur vergessen ; gerade dieser Umstand spricht aber wohl 
mit für ihre Unklarheit und Verworrenheit, Im ersten Beispiel er- 
folgte das Erwachen, bevor der Träumende noch den Satz fertig 
gesprochen hatte ; dennoch yermochte er damit durchaus keinen Sinn 
zu verbinden. In der Hauptsache dürfte es sich bei diesen gedanken- 
losen Bedensarten um ein Wortgeklingel mit Erhaltung der 
sprachlichen Form handeln. 

Mit der Unklarheit und Verschwommenheit der Vorstellungen 
verbindet sich in einigen weiteren Beispielen ein Abreißen des ver- 
bindenden Fadens, eine Zasammenhangslosigkeit, die auf das 
Fehlen irgendeines Leitgedankrais hinweist. 



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44 

231. iNiemand wußte es, claß sieb die Laterne gegen den Mond in einem 
ängstüch angedeuteten Mißstände behnd. Und so bringe ich meinen Glüok- 
wunsch der Wache 1 Seitdem Bchlüpfte der kleine Enabe nie nieder durchs 
Fenster. < 

232. >ünd der kleine Wolf — er heiratete gerade noch früh genug für «einen 
Kompagnon Kirchhof. Er hatte einen gebogenen Eopfrand; dagegen seine 
Treume nai«n unglücklich, seitdem er den Tee nahm. Er starb und wurde auf 
dem Kirchhof begraben.« 

233. ."Weißt Du, wie Dr, F. hier nennt — Es kommen doch hie und da 
auch Darapftchiffe — 2mal 50 Tropfen Opium«. 

234. iSefiehl Du Deine Wege — bau mal vome auch ein Wasserfaans.« 
Kindergesang eiser Amme, während sie den "Wagen hin und her schiebt. 

Die beiden ersten, ziemlich gleichartigen Beispiele stammen von 
derselben Person. Beide waren als gelesene Erzählungen gedacht, 
das erst« als Märchen nach Andersens Art. Vielleicht kann man 
noch gewisse Gedankengänge erkennen, obgleich der Träumende selbst 
nichts mehr darüber anzugeben vennochte. So werden Laterne und 
Mond als im >Mißstande<, möghcherweise »Mißverhältnis« be- 
findlich bezeichnet, das »imglückhche« Träumen mit dem Teetrinken 
in Beziehung gesetzt. Der Eigenname »Kirchhof* scheint die Vor- 
stellung des Sterbens und Begrabenwerdens ausgelöst zu haben. 
Sonst aber fehlt jeder Zusammenhang in den aneinandergeknüpften, 
nur die äußere Form der Erzählung festhaltenden Sätzen. In den 
beiden weiteren, von eiuer andern Person gelieferten Beispielen ist 
das Abspringen noch unvermittelter. Das erste derselben hatte 
fUr den Träumenden einen humoristischen Anstrich; die ^zweimal 
fünfzig Tropfen* erschienen ihm als Ladung der Schiffe. Im Be- 
ginne ist hier eine kleine Verstümmelung zu verzeichnen; es soll 
offenbar heißen »wie man Dr. R hier nennt'. In der letzten Be- 
obachtung scheint das Abspringen durch das Gefühl des Harndranges 
bewirkt worden zu sein; das »Wasserhaus', das vom gebaut werden 
soll, deutet darauf hin. 

Die uns hier entgegentretende Zusammenhangslosigkeit wegen 
Fehlens leitender Ge'dankengänge ist natürlich nur eine Teilerscheinung 
der allgemeinen Störung, die überhaupt den Ablauf unserer Träume 
kennzeichnet. Der unvermittelte Wechsel aufeinander folgender Vor- 
gänge, das fortwährende Verlieren des Fadens, an dem sich die 
Ereignisse aufreihen, ist ja die auffallendste Eigentümlichkeit unserer 
Traumerlebnisse. Auf die gleiche Grundstörung können wir wohl 



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45 

diejenigen der früher besprochenen Entgleisungen zurückfuhren, bei 
denen die richtige Ausprägung eines Gedankens durch das Auf- 
tauchen ablenkender Nabenvorstellungen vereitelt wurde, seien es 
begriffliebe Assoziationen oder Anklänge. Während somit in diesen 
Fällen wesenthch das Fehlen von Zielvorstellungen und die dadurch 
bedingte erhöhte Ablenkbarkeit als G-rundlage der Störung anzusehen 
ist, heg^net uns weiterbin unter den Denkfehlem des Traumes in 
sehr ausgeprägter Form ein Vorgang, der an die früher betrachteten 
Verschiebungen des sprachlichen Ausdrucks erinnert Dort handelte 
es sich um das Eintreten femliegender, »gesuchter« "Wendungen an 
Stelle der einfachsten und selbstverständlichsten Ausdrucksweise. 
Hier dagegen wird nicht der ursprünghch vorschwebende, sondern 
ein anderer, durch begriffliche Assoziation sich anknüpfender Gre- 
danke in Worte . umgesetzt, ohne daß dem Träumenden diese 
G-edankenverschiehung zum Bewußtsein käme. Hierfür die folgenden 



' 235. >Weiui wir einen gröGereu.Toii hätten und beuer ansgeertattet wäreii< 
für >alles mehr aus einem Guß«, 

236. »Die forensiBche Featatellnng ist schwierig« für »es ist (wegen großer 
Müdigkeit) schwierig, festzustellen, wie spät es ist<. 

237. iPischdorf und Heinrichau sind mir schon lange ah anzurechnungs- 
fShig hekannt«, halb witzig für >man kann sich dort leicht Teriiren'. 

238. >Die Pilze, ja die Pilze und die Engel, die Engel finden sich« für »das 
Körperliche und das Geistige im Menschen findet sich ansammen«. 

339. >Das innere Politikfach und das äußere Postfach« iiir »Politik und 
Verwaltung«. 

240. »Verszeit und Menschenzeit«, nationale und. allgemeine Geschichte; 
Vers als »Teil« (eines Gedichtes) gedacht, 

241. »MoT^en kann ja der fragmentarische erste August spielen« für »die 
Vorfeier zum Sedanfest kann stattfinden«. 

242. »Der gerade Direktor ein krummer Schriftsteller* für »Bohreibt anders, 
als man von ihm erwarten sollte«. 

243. »Die LockerisaMellen ließen ihn schaudern, und vor einer einzigen der- 
selben floh er zurück« für »Er hatte eine Abneigung gegen alles besonders 
Feierliche (Allongeperücken) ; eine Andeutung desselben genügte, um ihn abzu- 



244. 'Wenn man bedenkt, alle die wilden Apfelgalerien in N.< für »die 
kleinen unbedeutenden Sammlungen«. 

246, >Es ist doch ein punschhaltiges Individuum!«, schwärmerischer Ausruf 
angesichti einer schönen Landschaft. 

346. »Der unter dem großen Bären den Zentralkreuzer spielt« für. »die 
Hauptrolle«, unter einer Vignette, den großen Pären darstellend. 



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46 

S4T. »Herrn N. wurde der FraiB [für ein« Arbeit Über Zabnheilltimde) ver* 
lieben, obgleich er nicht im Notariat beBchttftigt wftr« für >obglaicb er udit in 
einer Zahnklinik tätig gewesen war«. 

248. > Davon brancht das Herz nichta zu wissen; dag Hans soll rein bleiben«, 
eine Handlung, die der Yeretand begeht, braacbt das 6eniüt nicht zn wiasen. 
Aue dam Tbeatentüok >Moki>bene<. 

Wir werden hier vielfach an die Stoningeu der Wortfindung 
erinnert, und in der Tat ntUasen wir wohl annehmen, daß dorthin 
fließende Übei^änge vorhanden sind. Immerhin haben wir es doch 
nichtmit einfachen Wortrerwecheelungen zutun, sondern dieGedanken- 
pnlgung ist auf ein falsches Greleise geraten; es genügt daher nicht, 
für einen einzelnen verfehlten Ausdruck den richtigen einzusetzen, 
sondern der ganze Gedimte maß eine andere Wendung erhalten. 
Meist lassen sich die Nebenassoziationen, die zur Entgleisung geführt 
haben, noch einigermaßen erkennen. Der »größere Ton« erinnert 
daran, daß alles mehr im »Einklang« stehen sollte; die >forenBiBche> 
Feststellung soll wohl die >genaue> FeststeUung bedeuten, die dem 
Träumenden schwierig erschien, da er sich nicht dazu aufraffen 
konnte, nach der Uhr zu sehen. 

>TJnzurechnungs^hig> ist jemand, der nicht mehr weiß, was er 
tut, wie ein Verirrter nicht mehr darüber klar ist, wo er sich be- 
findet und wohin er geht; dieser Zustand ist in witziger Absicht 
als Eigenschaft auf die genannte Gegend übertragen. Außerdem 
dürfte noch der Anklang zwischen »Zurechnung* und •Sichzurecht- 
finden' mit hineingespielt haben. Die »Pilze« sind mit Hilfe der 
Nehenassoziation des niedrig Organisierten, des •Urschleims«, zu 
Vertretern der körperlichen Bestandteile im Menschen geworden, die 
•Engel« als geistige Wesen diejenigen der Seele. 

Im Beispiel 239 sollten Politik und Verwaltung einander gegen- 
übergestellt werden. Erstere wurde dabei etwa als die mehr inner- 
liche Triebfeder des staatlichen Geschehens, letztere als die äußerliche, 
formale Begelung desselben gedacht. Durch dunkle, nicht mehr 
aufklärbare Nebenassoziationen ist hier das »Postfach« für die »Ver- 
waltung« eingetreten und hat wohl auch noch die sprachliche Form 
des »inneren Politikfaches« mit beeinflußt. 

Einen ganz andern Gegensatz enthält ■ Verazeit und Meoschen- 
zeit«. »Zeit« steht hier für dasjenige, was sich in der Zeit ab^elt, 
die Geschichte. Wie femer ' der Vers nur ein Bruchstück eines 



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47 

Ganzen, des Gedichtes, ist, so ist die Glesdricht« eäoes Volkes nur 
ein Teil der Menst^engesohichte; so Bteht >VersEeit> bildlich ffir 
'nationale Geschichte«. Sehr merkwürdig ist das Bei^»el £41. 
Hier hat, wie es scheint, die nach Ausdruck ringende Yoi«t«llnng 
der *Yorfeier< eine Reihe von gleichartigen Entgleisungen bevii^ 
Für den September ist der ihm voraufgehende August eingetreten, 
fUr den 2. der wirklichen Sedanfeier der 1. des Monats, imd endlidi 
ist das »Vorliofig«' der Peier noch dort* die begriffliche Nebea- 
assoziatjon des »Fragmentarischen«, also nicht ganz VollständigMi, 
zur Geltung gekonunen. 

Auch der »krumme Schriftsteller« ist wohl nicht einfach ein 
Wortfindungsfehler, sondern eine Gedankenentgleisung. Der Doppel- 
sinn des Wortes »gerade« in seiner sinnlichen und übertragenen 
Bedeutung bewirkt hier auch eine Übertragung des Gegensatzes 
»krumm« von dem ersteren auf das letztere GJebiet. Verwickelter 
ist die Beobachtung 243. Als Sinnbild des langweilig Feierlichen 
schwebte dem Träumenden die Vorstellung der Allongeperlickai vor; 
der Satz wurde also auf diese Vorstellung zugeschnitten, so daS die 
seltsame Wendung entstand » vor einer einzigen derselben floh er zurück« , 
statt »vor der geringsten Andeutung* des Feierlichen. Allein auSer 
dieser Gedankenentgleisung durch Eintreten des Symbols für den 
Begriff erfolgte noch eine mericwürdige Störung der Wortfindung. 
Von der Aliongeperöcke stellte sich nur die halb begriffUche, halb 
klangliche Nebenassoziation »Locken« ein, und an sie knüpfte mck 
weiterhin die Vorstellung der »Sardellen«, hervorgerufen durch die 
strähnenartjge Haartracht der besprochenen Person, wie sie nach 
einem bekannten Scherzworte als »Sardellenbrot« boieichnet zu 
werden pflegt. Auch diesem Wortfehler liegen somit schwer zu ent- 
wirrende VorstelluQgsverknüpfungen zugrunde; die symbolieche Vor- 
stellung der Haartradit erweckte zwei verschiedene Assoziationen, 
der Locken und des »Sardellenbrötchens« , die sich dann zu der 
Keubildang verbanden. 

Bei den »wilden Äpfelgalerien« des Beispiels 244 ist die All- 
gemeinvöistellung des TJakultivierten, nicht durch Kunst und Pflege 
Vfflfeinerten durch den Sonderbegriff des »wilden Apfels« ersetzt, 
ähnlich wie im vorigen Falle die Idee des Feierlichen durch das 
Symbol der Perücke. Der gleichen Wendung des Gedankens vom 



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4S 

Allgemeinen auf das Besondere begegnen wir in der Beobachtung 245, 
in der das sonderbare Beiwort >punBchhaltig< anscbeinend etwa den 
Sinn von >ber$u$chend< oder »berückend« haben soll. Die Ent^ 
gleisung >Individnuni> für »Landschaft« dürfte durch jenes Beiwort 
angeregt ycu'den sein. Unklar ist die Entstehung des >Zentral- 
kreuzersi im Beispiele 246 geblieben. Wahrscheinlich handelt es 
sich hier um Nebenassoziationen, die einmal von dem »großen Bären« 
in der Richtung der »Zentralsonne«, sodann in derjenigen des süd- 
lichen »Kreuzest angeregt wurden und zu der Terschmelzungs- 
neubildung geführt haben; der Sonderbegriff der »Zentralsonne* 
wäre demnach hier an die Stelle der allgemeinen Yorstellung 
»Mittelpunkt' oder, wie die Wendung »spielt« andeutet, der »Haupte 
rolle« getreten. Im Beispiele 247 ist die erwartete •Zahnklimk« 
durch die Vorstellung des »Notariats« ersetzt, wohl nicht einfach 
als Wortfindungsfehler, sondern durch die Nebenassoziation des 
•Zünftigen, ordnungsmäßig Verbrieften« angeregt. 

Das letzte Beispiel endlich gibt denselben Gedanken einmal in 
ursprünglicher und dann [in bildlicher Ausdrucksweise. Von dem, 
was der Verstand tut, braucht das Herz nichts izu wissen; es soll, 
wie ein Haus von Unrat, davon rein gehalten werden. Wahr- 
scheinhch ist übrigens der eigentlich vorschwebende Gedanke hier 
umgedreht worden: Der Verstand soll nichts von dem wissen, was 
das Herz tut. Der Aussprach wurde vermeintlich aus einem 
Theaterstücke »Mokobene« entnommen; die Entstehung dieses Namens 
ist unklar. 

Der gemeinsame Zug in allen diesen Beobachtungen ist die 
Verschiebung des zugrunde liegenden Gedankens durch Eintreten 
einer Nebenassoziation für ein wesentliches Glied der Vorstellungs- 
kette, Auch hier kommt es demnach zu einer Paralogie, zum Zvrie- 
spalte zwischen dem vorschwebenden Gedankeuinhalt und dem Sinne 
der Bede. Allein dieses Auseinanderweichen wird nicht durch ' 
sprachliche Verschiebungen, sondern durch das Verschwimmen der 
Vorstellungen in verwandte Vorstellungskreise bewirkt. Nicht die 
ursprünghch gegebene, sondern eine andere, durch sie wachgerufene, 
aber parallele Gedankenreihe findet den Anschluß an die Umsetzung 
in Bedeform. Sehr beachtenswert erseheint es, daß in fast allen 
unseren Beispielen die zur Verschiebung des Gedankens führende 



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49 

NebenvorsteUung deutlich eine engere, inhaltreichere war, welche die 
allgemeinere, schattenhaftere Vorstellung verdrängte. Wir dürfen 
daher die hier besprochene Störung vielleicht als »metaphorische 
Paralogie« der früher betrachteten»Verschiebungs- und Entgleisungs- 
paralogie« gegenüberstellen. Mehrfach trug die Paralogie geradezu 
den Stempel der bildlichen Ausdrucksweise, wie bei dem Eintreten der 
»Pilze« für das körperliche, der »Engel« für das geistige Wesen des 
Menschen, bei den -wilden Apfelgalerien' und der »punschhaUigen« 
Landschaft. Schwerlich haben wir es dabei mit einem Zufalle zu 
tun, sondern es handelt sich höchstwahrscheinlich um ein allgemeines 
Zurücktreten der abgeblaßten AllgemeinTorstellungen hinter den- 
jenigen mit lebhafterer sinnHcher Färbung und greifbarerem Er- 
innerungsiuhalt. 

Eine sehr einleuchtende Bestätigung findet diese Anschauung 
durch die Betrachtung einer weiteren G-ruppe von Beispielen, in 
denen die bildliche Paralogie noch folgerichtiger durchgeführt wurde. 

349. iDoch da setzte sie die Fü6e links« für »sie tat ea ungern«. 

260. »Wenn er nicht einen ordentlichen geistigen Hosenboden hesitzt« für 
•gründliche Kenntnisse und Fleiß«. 

251. »Den geistigen Hemdkragen ablegen« für »sich gehen lassen, ausruhen«, 
daneben »in einer Pension wohnen«, 

253. >Br kündigt an, daß er das Lausfaß des Lebens verlassen hahe«, witzige 
Todesanzeige. 

Diese Wendungen könnten als scherzhafte Bilder allenfalls auch 
im Wachen gebraucht werden; die letzte trug diesen Stempel auch 
für den Träumenden. Für die farblose abgezogene Vorstellung 
ist ein stellvertretendes sinnliches Bild eingetreten, das den Gre- 
dankeninhalt in durchsichtiger Umschreibung wiedergibt Im Bei- 
spiel 251 hat der vorschwebende Gedanke zwei ganz verschiedene 
bildliche Wendungen angeregt, von denen allerdings nur die eine 
sprachliche Form gewann. Bei diesen Leistungen ist daher eine 
eigentliche Störung des Denkens oder der Rede gar nicht vorhanden, 
sondern die Wendungen tragen das schillernde Gepräge des Witzigen ; 
das Auseinanderweichen von Gedanken und Ausdruck ist so gering- 
fügig, daß der wahre Sinn mühelos erkannt wird, während die 
sinnliche Lebendigkeit der bildlichen Umschreibung ihr eher eine 
gewisse Würze verleiht. 

Kt»«p«lln, SptKlittÖrDiifen. j 



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50 

Indessen derartige Beispiele sind im Traume selten gegenüber 
der großen Zahl unbeholfener und unverständlicher Gedanken- 
verschiebungen. Ich führe noch einige Beobachtungen auf, in denen ' 
der Sinn der Paralogie durch die Entlegenheit der assoziativen An- 
knüpfungen gänzlich verdunkelt ist. 

263. »Dieser Zeitabschnitt wird ungerecht als graues Hochgericht bezeichnet« 
für »Diese Hochebene wird fälscliHcb ala unfruchtbar und unwirtlich angesehen«. 

264. »Es ist eine riesige Luftkraft, Schwung, nicht Brustkraft', Schilderung 
eines Skioptikons. 

255. »Der Gingobi kann das Q nicht vorpfliicken« für »Der Giaur (Fremde) 

kann seinen Vorteil nicht wahmehmem. 

266. »OrakeUprache in 13 Worten' für »kulisaenartig aufgebaute Landschaft«, 
257. »Ich werfe ihnea Brwinache Schlacken nach', Andeutung einer irüheren 

Entdeckung Amerikas, 

Im ersten Beispiele tritt zunächst für das räumliche Gebiet der 
Hochebene die begrifflich verwandte Vorstellung des »Zeitabschnittes« 
ein. Die Begleitvorstellung des Unwirtlichen weckte sodann das 
sinnliche Bild des grauen, wallenden Nebels, der in unbestimmten 
Umrissen Spukgestalten erkennen läßt. Dadurch wurde endlich unter 
dem Einflüsse des Anklanges »Hoch« aus der »Hochebene« die 
Assoziation des »Hochgerichtes«; angeregt, des Galgens, der aus dem 
grauen Nebel hervortaucht und den Eindruck des Schaurigen, Un- 
behaglichen versinnbildlicht. Das nächste Beispiel will offenbar sagen, 
daß es sich bei den Leistungen des Skioptikons nicht um Eeden, 
sondern um bildliche Darstellungen handle, daß nicht die »Brust- 
kraft«, sondern eine Kraft, die sich auf andere "Weise durch die 
Luft fortpflanzt, dabei wirksam ist. Allerdings ist die "Wiedergabe 
dieses Gedankens sehr mangelhaft gebheben, wenn sich auch das 
Streben nach sinnlicher Färbung des Ausdrucks nicht verkennen 
läßt. Die seltsame Neubildung »Gingobi« ist einerseits ein Anklang 
an »Giaur«, dem etwa der Sinn entspricht; andererseits aber spielt 
hier die dui-ch die Vorstellung des Fremden und Fremdartigen an- 
geregte Assoziation des japanischen •Gingkobaumes« hinein, die der 
Neubildung die Form gegeben und wohl auch noch den Ausdruck 
»vorpflücken« beeinflußt hat. Dieser letztere dürfte somit eine Ver- 
schiebung der Vorstellung »seinen Vorteil wahrnehmen« im Sinne 
der Nebenassoziation des Baumes bedeuten. Das »G« ist wohl als 
Nachklang von ■ Gingobi« aufzufassen, gestattet sonst keine weitere 



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51 

Deutung. Auch hier ist die Bevorzugung der sinnlichen Darstßllunga- 
weise nicht zu verkennen. Die Entstehung der beiden folgenden 
Piiralogien ist dunkel. Daß die 13 aneinandergereihten Worte den 
einzelnen, sich hintereinander aufbauenden Landschaftskulissen ent- 
sprechen sollen, ist freilich klar, aber das Bindeglied zwischen der 
Orakelsprache und der Landschaft, die übrigens eine ganz bestimmte 
Gegend darstellte, hat sich nicht auffinden lassen. Noch dunkler ist 
die letzte Wendung geblieben, bei der dem Träumenden nur die 
Vorstellung vorschwebte, daß sie sich auf eine Entdeckung Ame- 
rikas vor Kolumbus beziehe. Beide Bilder sind übrigens, wie die 
meisten bisher besprochenen, in sich folgerichtig durchgeführt; 
die Orakelsprache besteht in Worten, die Schlacken werden nach- 
geworfen. 

In einzelnen Fallen vrarde die Anknüpfung der metaphorischen 
Paralogie an äußere Eindrücke beobachtet. 

258. »Vom Rindenliftuschen aus geweckt*. Der Träumende hörte Anklopfeu 
an einer entferntere» Türe. 

259. >EiD monarchischer Önadenatoßi. Der Träumende hörte das Ein- 
schütten von Kohlen in einen Kohleneimer. 

Das Anklopfen wurde hier als Wecken aufgefaßt, doch bemerkte 
der Träumende zugleich, daß es nicht, wie sonst, an der Schlaf- 
zimmertüre geschab, sondern in einiger Entfernung; letztere Vor- 
stellung regte dann diejenige des B,indenhäuschens an, eines be- 
kannten, aber abgelegenen Aussichtspunktes. Das Geräusch der 
kollernden Kohlen erzeugte die Vorstellung irgendeines plötzlichen, 
erschreckenden Ereignisses, die dann die berichtete Form annahm. 
Ob hier noch Nachwirkungen voraufgehender Träume mitgespielt 
haben, ist unklar geblieben. In diese Gruppe würde man auch das 
Beispiel 234 aus den zusammenhangslosen Reden rechnen können, in 
dem der Harndrang die Vorstellung eines »Wasserhauses« erzeugte, 
das vom gebaut werden sollte. Die unklar vorschwebende Vor- 
stellung hat nicht die beabsichtigte, sondern eine durch Neben- 
assoziation bestimmte Ausprägung gefunden. 

Die den metaphorischen Paralogien zugrunde liegende Denk- 
störung kommt anscheinend dadurch zustande, daß der Gedanke des 
Träumenden zugleich eine oder mehrere verwandte Vorstellungsreihen 
anregt, die jenen ersteren in den Hintergrund drängen. Auch im 



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52 

Wachen bilden wir unausgesetzt Nebenassoziationen, aber sie bleiben 
schwach und dunkel gegenüber derjenigen Vorstellung, die in der 
Richtung unseres Gedankenganges liegt, also durch die herrschenden 
Zielvorstellungen in den Blickpunkt unseres Bewußtseins gerückt 
wird. Nur dann, wenn solche Zielvorstellungen fehlen oder ihre 
Macht verlieren, wie beim wachen Dahinträumen und in der Er- 
müdung, können die Nebenassoziationen den Gedankengang ver- 
schieben, ablenken, unterbrechen. Allerdings geschieht das wohl 
in der Regel erst nach dem Verblassen der Ausgangsvorstellung. Im 
wirklichen Traume dagegen kann anscheinend die ursprünglich vor- 
schwebende Vorstellung schon im Entstehen durch Nebenassoziaüonen 
derart gehemmt werden, daß sie gar nicht zu voller Klarheit und 
jedenfalls nicht zu sprachlicher Ausprägung gelangt. Vielfach dürfte 
der Grund für diese Verdrängung, wie wir andeuteten, in dem Um- 
stände zu suchen sein, daß im Traume, anders als im Wachen, die 
abgeblaßten Ällgemeinvorstellungen gegenüber den sinnlich gefärbten 
Bewußtseinsvorgängen an Kraft zurückstehen. 

Indessen, der Kampf der nebeneinander im Bewußtsein auf- 
tauchenden Vorstellungen muß nicht immer mit dem völligen Unter- 
liegen der einen enden. In einer Reihe von Fällen erkennt man, 
daß es zu einer Mischung verschiedener Vorstellungsreihen kommt. 
Einzelne Bestandteile der einen verbinden sich mit solchen der andern, 
während zugleich Teile beider verdrängt werden. Auf diese Weise 
entsteht eine merkwürdige Zusaramenwürfelung unvereinbarer Vor- 
stellungen, die doch im Grunde einen bestimmten Gredanken aus- 
drücken soll. 

360. >Eine kleine Wurzel aus den AJcten« für >Ein Zettel für das Mitaeum«. 

261. >Die wahren inneren Pap^eien«, religiös-politischer Verein. 

262. >Das Reinigen des Sehlafzimmera war deswegen besonders schwierig 
und dauerte länger, weil auf dem Korrekturbogen mitten in der Zeile abgebrochen 
werden mußte«, 

263. »Auf keinen Fall lasse man die friscben Nisse der gemeinsamen Mund- 
rhagaden außer acht'. 

264. >Frau A, will erzählen, welche Mandeln der Entartung in den Hypo- 
glossuskem des Lebens gestreut sindi. 

266. »Gefesselt an Armen und Beinen lassen sich alle Kranken dem Nacht- 
stuhlgesetz einordnen« für »mit Hilfe von Zäldkarton lassen sich alle Kranken 
vollständig gruppieren«. 

266. .Geben Sie ihm doch ein Eohr, um die Zeit von Vaä-^ Uht zu 



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53 

beachreibeni für >um das Hinterhom des Rückenmarks, die Substantia gelatinosa, 
zu Btudierem. 

267. »G. meinte; Das Gewitter eines schweren Mannee ist in der Klinik 
vollständig zu sehenc für >Ini Gewitter machen aicli die Bewegungen jedes In- 
sassen eines Kahnes deutlich bemerkbar'. 

268. >Da6 gewünscht wird, dieser Eael soll gegessen und nicht verträumen' 
fiir >Der Tee soll getrunken und nicht kalt werden«. 

269. »Die Nervensitze sitzen in letzter Zeit nicht mehr in den Blumen- 
blättern, sondern in den Reden>, unklare Vorstellungen über Pflanzenseele und 
das dem Menschen eigene Unterscheidungsmerkmal der Sprache. 

Von der vorschwebenden Vorstellung »Zettel« ist in dem ersten 
Beispiele nur die Beziehung zu den »Aiten« übriggeblieben, aus. 
denen er genommen werden sollte. Dagegen hat dieses Ausgraben 
aus den Akten die Nebenasaoziation der »Wurzel* angeregt, die sich 
nun mit derjenigen der Akten verbindet. Die »Papageien« sind an- 
scheinend als komischer Name einer Vereinigung gedacht; daneben 
erhebt sich aber die Vorstellung höherer sittlicher Ziele, wahren 
innerlichen Lebens, die zu der absonderlichen Mischbezeichnung der 
»wahren inneren Papageien« führt. In den folgenden Beispielen ist 
die Verquickung zweier Gedankenreihen besonders deutlich. Das 
Reinigen des Schlafzimmers wird als unangenehme Arbeit mit dem 
Lesen von Korrekturen in Verbindung gebracht, die frischen Eier 
der Kopfläuse, wohl unter dem Gesichtspunkte der Verwahrlosung, 
mit den syphilitischen Muudrbagaden. Die Unannehmlichkeiten des 
Lebens gleichen fiir den Träumenden den Entartungsvorgängen im 
Nervensystem , insbesondere im Hypoglossuakem ; die Vorstellung 
dieses letzteren erinnert an den Mandelkern und damit an den 
Kuchen, in den Mandeln eingestreut smd. Die knappe Form, in der 
die Auszüge aus den Krankengeschichten auf den Zählkarten er- 
scheinen, wird der »Fesselung an Armen und Beinen« verglichen, 
und die Einordnung dieses Stoffes in bestimmte Gruppen regt die 
merkwürdige, nur teilweise verständliche Vorstellung des »Nacht- 
stublgesetzes« an, wohl mittels der Nebenassoziation der »Fesselung« 
auf dem Zwangsstuhl. 

Das » Rohr « des Beispiels 266 ist eine Verschiebung für 
»Mikroskop«; die nicht mit bestimmter Beschäftigung ausgefüllte 
Zeit vor 9 Uhr erinnert an den wenig differenzierten Bau der 
Substantia gelatinosa. Die Beobachtung 267 zeigt uns einerseits eine 
akataphasische Wendung in der verfehlten Abhängigkeitsbeziehung 



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54 

>Da8 Gewitter eines schweren Mannes« statt »Im Gewitter machen 
sich die Bewegungen eines schweren Mannes«. Sodann sind die 
beiden Gedanken, daß in der Klinik etwas zu sehen, und daß im 
Kahn etwas zu spüren ist, miteinander in der Weise verschmolzen, 
daß von dem letzteren nur der »schwere Mann« erhalten geblieben 
ist, dessen Bewegungen bemerkbar sind. Die beiden Vorstellungs- 
reiben des Beispiels 268 lassen sich etwa dahin fassen, daß der Esel 
nicht verträumen und daß der Tee getrunken werden soll, beide ab- 
geleitet aus dem Gedanken, daß nicht nachlässiger-, eselhafterweise 
das rechtzeitige Trinken des Tees versäumt werden darf. Für das 
iTrinkem schiebt sich die Nebenassoziation des Essens ein, der einzige 
Best der zweiten, dem Träumenden vorschwebenden Vorstellungsreihe, 
der sich nun in akataphasischer Weise mit der sprachlichen Prägung 
der ersten vermischt. Die Einzelheiten des letzten Beispiels lassen 
sich leider nicht deuten, da sie dem Träumenden nach dem Erwachen 
nicht mehr klar genug waren. Es handelte sich im allgemeinen um 
die Unterscheidungsmerkmale zwischen Pflanze und Tier wie zwischen 
Tier und Mensch; die Pflanzen haben keine Nerven und das Tier 
keine Sprache, zwei Vorstellungsreihen , die unentwirrbar durchein- 
anderlaufen. Da hier überall einzelne Glieder der Gedankenketten 
unterdrückt werden, haben wir es neben der Qedankenmischung 
immer auch mit Ellipsen zu tun, doch ist der Vorgang hier ver- 
wickelter, als bei den früher besprochenen Formen der letztgenannten 
Störung, 

Besonders ausgeprägt erscheint die elliptische Znsammenziehung 
mehrerer gleichzeitiger Gedankenreihen zu einem Vorstellungsmisch- 
masch in den folgenden Beispielen: 

270, iDaran saßen die alteu EatzeDhaie Honig« für »Dicke Baapen, wie 
Haifisoheier, aaßeii an den Blumen und sogen Honigi. 

271. »Bei der zd diesem Zweck berufenen Ea-denge« für »Versainmliing, die 
über bulgarische Kronprätendenten nach Maßgabe der von ilinen auf dem Rade 
zurückgelegten Kilometer zu entscheiden hat«. 

372. »Nicht rein, erireut sich ungebundener Freiheit, aber putzt die Pferde 
gut", bezieht sich gleichzeitig auf Sehweizerhonig und epileptische Dienstboten. 

Das Bild, das dem Träumenden im ersten Beispiele vorschwebte, 
waren dicke Baupen, die an Blumen saßen und Honig sogen, eine 
Nebenvorstellung, die von den Schmetterhngen her auf die Raupen 
übertragen wurde; zugleich war die sprachliche Fassung des Saugens 



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55 

unterdrückt worden. Aber auch die Vorstellung >Baupen< kam 
nicht zur Ausprägung, sondern wurde durch die Nebenassoziation 
der wie Raupen an den Meerespflanzen sitzenden Haifischeier, be- 
sonders derjenigen des Katzenhaies, verdrängt; dabei trat der 
>Katzenhai« selbst an die Stelle des Eies, das Beiwort >alt» an die 
Stelle des begrifilich verwandten >dick«. Einer ähnlichen Verbindung 
von EUipeen, Nebenassoziationen und Vorstellungsmischung verdankt 
der Ausdruck »Ra-denge« seine Entstehung, der vom Träumenden 
deutlich in der angegebenen Silbenteilung aufgefaßt wurde, obgleich 
die Vorstellung des Rades unzweifelhaft seine Entstehung bewirkt 
hat. Einerseits schwebte nämlich dem Träumenden die Vorstellung 
der Radspur in einem Engpässe vor. Sodann aber wurde das Wort 
»Radengec zur neu gebildeten Bezeichnung für eine Versammlung, die 
über die Kronprätendenten für Bulgarien zu entscheiden hat. Vermut- 
lich ist der unwillkürliche Wunsch, beide Bedeutungen auseinander- 
zuhalten, für den Träumenden der Anstoß zu der abweichenden 
Silbentrennung gewesen; es kann auch die begriffliche Nebenassoziation 
»Stor-thing« dabei Einfluß gehabt haben. Dennoch drängte sich die 
ursprüngliche Bedeutung des Wortes in dem weiteren, allerdings 
sonst nicht zum sprachlichen Ausdruck gelangten Gedanken hervor, 
daß derjenige Fürst werde, der die meisten Kilometer auf dem Rade 
bis zur bulgarischen Grenze zurückgelegt habe; hierbei spielte noch 
die Erinnerung an die nur bis zur Grenze gültigen badischen Kilo- 
meterhefte mit hinein. Der eine Bewerber hatte, wie beim Erwachen 
noch festgestellt werden konnte, 1027, der andere 967 Kilometer 
zurückgelegt. 

Beim letzten Beispiele schwebte dem Träumenden zunächst die 
Vorstellung des nicht ganz Echten und Brauchbaren vor, die einer- 
seits die Assoziation des Schweizer Honigs, andererseits diejenige 
der epileptischen Dienstboten erzeugte. Auf den ersteren bezieht 
sich die Wendung »nicht rein», femer »erfreut sieh ungebundener 
Freiheit«, eine metaphorische Paralogie für »macht Durchfall'. Hier 
haben wir eine Beobachtung, in der die Paralogie nicht vom All- 
gemeinen zum Besonderen übergeht, wie gewöhnlich, sondern eher 
umgekehrt, wenn man die Vorstellung des »Ungebundenen-, Unge- 
hemmten in diese Beziehung zu derjenigen des »Durchfalls« setzen 
darf. Dafür wurde aber auch diese Wendung vom Träumenden als 



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56 

eine besonders feine empfunden und war von dem Gefühle des Un- 
gewöhnliclien , Gesuchten begleitet. Der letzte Satzteil »putzt die 
Pferde gut« bezieht sieb auf die peinliche Sorgfalt, mit der Epileptiker 
ihren Dienst zu verrichten pflegen ; diese Äußerung wurde daher auch 
als eine der Veröffentlichung würdige, erfreuliche Bestätigung der 
bisherigen wissenschaftlichen Erfahrung aufgefaßt. Sehr bemerkens- 
wert ist die hier wie bei den übrigen Beispielen bestimmt hervor^ 
tretende Beobachtung, daß dem Träumenden die Zwiespältigkeit der 
Gedankenreihen durchaus nicht zum Bewußtsein kam. Vielmehr war 
er überzeugt, vollkommen einheitlich zu denken. 

Zum Schlüsse sei es gestattet, noch zwei Beobachtungen mitzu- 
teilen, in denen zwei verschiedene Gedankenreihen nicht miteinander 
vermischt, sondern durch Vermittlung von Wortklängen verknüpft 
und zugleich in witzigen Gegensatz gebracht wurden. Die Äuße- 
rungen erhalten dadurch das Gepräge des künstlich Erdachten, wie 
es mindestens in dem zweiten Falle vom Träumenden auch deutlich 
empfunden wurde. 

273. 'Der Kaiser von Cliiua ist als Mandarin souverän; als Mandrin würde 
Cr geliorchen mÜBseni. 

274. »Für raicli ist die Leidenschaft ein Spiel und das Spiel eine Leiden- 
schaft geworden — bringen Sie uns eine Skatkartc« , Äußerung eines bekannten 
Bülinenschriftatellers, der zusammen mit zwei Bcvufsgenoasen im Cafä saß. 

Beide Äußerungen könnten auch im Wachen getan worden sein. 
Sie enthalten keine Sprachstörung und keine eigentliche Denkstörung, 
sondern sie tragen das schillernde Gepräge des Witzes. Wir dürfen 
aber kaum daran zweifeln, daß hier der Wortanklang im ersten, die 
Wortvertauschung im zweiten Falle zunächst nicht einer besonderen 
witzigen Absicht, sondern mehr zufälligen Assoziationen ihre Ent^ 
stehung verdanken. Nachträgbeb allerdings wurden die Gegensätze 
weiter entwickelt, dort durch die Zusanunenstellung der Machtvoll- 
kommenheit des Mandarinen mit der passiven Rolle des von fremder 
Hand geführten Mandrins, hier durch die Beziehung auf den Bübnen- 
schriftsteller einerseits, auf die Skatkarte andererseits. Allerdings 
dürften die meisten Wortwitze und Klangwitze des wachen Lebens 
nicht viel anders zustande kommen. 



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V. VerwaEdte Vorgänge. 

So zuverlässig auch das zai-te und vielseitige Werkzeug der Seele 
arbeitet, das wir Sprache nennen, so kann es doch nicht fehlen, daB 
heim gesunden und namentlich beim kranken Menschen unter Um- 
ständen Störungen in seiner Handhabung auftreten, welche wiederum 
geeignet sind, nach dieser oder jener Bichtuug hin ein Lieht auf die 
Eigentümlichkeiten der Traumsprache zu werfen. Wenn es hier 
auch nicht unsere Aufgabe sein darf, jene Erscheinungen, die für 
die Kenntnis der Beziehungen zwischen Hirntätigkeit und Seelenleben 
außerordentliche Bedeutung erlangt haben, irgend eingehender zu 
behandeln, so wollen wir es uns doch nicht versagen, wenigstens mit 
kurzen Worten die Berührungspunkte anzudeuten, die zwischen der 
Traumsprache und den übrigen Abweichungen im Gebrauche der 
.sprachlichen Ausdrucksmittel zu bestehen scheinen. Freilich gilt es 
dabei nicht sowohl neue Aufschlüsse zu gewinnen, als vielmehr auf 
die Wege hinzuweisen, die einmal zu solchen führen können. 

Zunächst werden wir daran denken müssen, daß die Sprache 
nicht eine angeborene Fähigkeit ist, sondern verhältnismäßig langsam 
und spät erworben werden muß. Auf den einzelnen Stufenj welche 
die Sprachentwicklung des Kindes i) durchläuft, begegnen wir Un- 
vollkommenheiten und Fehlem verschiedener Art, deren Beziehungen 
zur Traum spräche der Untersuchung wert erscheinen. Die erste 
große Hauptgruppe der kindhchen Sprachstörungen, die mangelhafte 
Prägung der Einzellaute in ihrer Folge, fehlt allerdings der Traum- 
sprache, weil sie eben ausschließlich der äußeren Sprache angehört. 
Indessen die Schwierigkeiten der Lautprägung geben beim Kinde in 
weitestem Umfange Anlaß zu »Paralalieu', zu Abänderungen der 
Worte im Sinne von Vor- und Nachklängen, von Auslassungen, 
Zusätzen und Vertauschungen. So ist »Nampfnopfj statt »Tanz- 
knopf« (Kreisel) ein doppelter Vorklang mit Auslassung des schwierigen 
»k«, "Eas statt „Wera» eine doppelte Auslassung, »Leva« statt 
»Eva« ein Zusatz, »schwissen» statt »zwischen« eine Vertauschung. 
Derartige Störungen entstehen beim Kinde ungemein häufig, weil 

1) Preyer, Die Seele des Kindes, 1882, 8. 234; "Wundt, Völkerpsycho- 
logie I, 2. Aufl^e, 1904, S. 271ff.; Meumann in Wundt, Pbilosopliiadie 
Stndien, XX, S. 162; Gutzmann, Aroliiv f. d. ges. Psyoliologie, I, S. 67 (Literatur). 



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58 

noch kein Bestand an richtig eingeübten Worten vorhanden ist, und 
die sich vorbereitenden sprachlichen Bewegnngsantriebe einander 
leicht gegenseitig beeinflussen, während schwierigere Laute verdrängt 
werden oder einfach ausfallen. Ganz ähnliclie Erfahrungen machen 
wir als Erwachsene beim Erlernen irgendeiner andern zusammen- 
hängenden Keihe verwickelterer Bewegungen. In der Traumsprache 
fehlen hierher gehörige Beispiele nicht ganz, aber sie spielen doch 
eine äußerst bescheidene Rolle. Wirkliclie Schwierigkeiten der Laut- 
prägung, wie sie beim Kinde im Vordergrund stehen, dürften hier 
überhaupt nicht in Betracht kommen; vielmehr wäre wohl an die 
Beeinflussung durch andere, mehr oder weniger klar vorschwebende 
Worte zu denken, so daß wir es nicht mit Paralahen, sondern mit 
Paraphasien zu tun hätten, wie auch in unserer früheren Darstellung 
angenommen wurde. 

Die Gruppe der Wortflndungsfehler im engeren Sinne und ■ 
namentlich auch der Neubildungen ist beim Kinde wie im Traume 
vertreten, aber dort in weit geringerem Umfange und auch in 
andern Formen als hier. In großer Zahl stellen sich Wortfindungs- 
fehler natürlich ein, solange der Wortschatz der Sprache vom Kinde 
noch unvollkommen beherrscht wird, und auch späterhin geben die 
Fremdwörter beim Kinde wie beim Ungebildeten dazu reichlichen 
Anlaß. Hier sind unverkennbare Ähnlichkeiten mit dem Verhalten 
der Traumsprache vorhanden. Wir sahen, daß auch der Träumende 
geradebei Fremdwörtern besonders leicht Wortfindungsfehler begeht, die , 
häufig genug durch klangliche oder begriffliche Verwandtschaft angeregt 
werden. Wenn ein Kind von einer »Partizipbahn« statt von der »Pacific- 
bahn« spricht, so könnte dasselbe im Traume vorkommen; der Unterschied 
liegt jedoch darin, daß für das Kind die richtige Bezeichnung über- 
haupt nur ganz unklare Umrisse besitzt, während sie dem Träumenden 
an sich geläufig, aber zeitweise entrückt ist. 

Eine besondere, in unseren Traumbeispielen vollständig fehlende 
Gruppe von Wortfindungsfeblern kommt beim Kinde durch sprach- 
liche Analogieschlüsse zustande. Die Bildung der Mehrheit, der 
Geschlechtszeichen, die Beugung, Abwandlung, Steigerung wird ja 
nicht für jedes Wort besonders erlernt, sondern auf Grund er- 
worbener allgemeiner Sprachgewohnbeiten , die einen Teil des 
• Sprachgefühls« bilden, von einem Beispiele auf das andere über- 



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59 

tragen. Bei der verwickelten Eigenart der fertigen Sprache ist hier 
für den Lernenden die Möglichkeit zu zahlreichen Entgleisungen 
gegeben, die dem Erwachsenen »auch im Traum nicht einfallen», 
da er sein Werkzeug in dieser Beziehung völlig sieber beherrscht. 
Wortfindungsfehler wie das von Wundt erwähnte »AmauB» statt 
.Ameise«, beeinflußt durch >Mau3-Mäuse' , oder >Du bint« statt 
>Du bist*, wohl beeinäuBt durch >sie sind«, scheinen daher im 
Traume nicht vorzukommen, während sie in der unfertigen kind- 
lichen Sprache verhältnismäßig häufig sind. 

Da der Wortschatz des Kindes zunächst ein sehr beschränkter 
ist, werden häufig Wortfindungsfehler derart zustande kommen müssen, 
daß ein vorhandener Ausdruck auf G-rund irgendeiner, unter Um- 
ständen sehr nebensächlichen Ähnlichkeit auf eine andere, sonst ganz 
verschieden benannt« Vorstellung übertragen wird. So rief ein 
kleines Mädchen beim ersten Anblicke von &oldfiscben aus: »Ach, 
die netten Enten! < Im Traume beobachten wir solche Wort- 
vertauschungen aus naheliegenden Gründen nur sehr selten und fast 
ausschließhcb bei ungewöhnlichen oder fremdsprachigen Bezeichnungen. 
Dagegen treten hier in ausgedehntem Umfange sprachliche Neu- 
bildungen auf, die beim Einde hinter den falschen Übertragungen 
und den Verstümmelungen weit zurückstehen. Freilich fehlen sie 
ihm nicht ganz, namentlich in der ersten Zeit der Sprachentwicklung. 
Ein kleines Madchen nannte ihre ältere Schwester Toni bis zu ihrem 
dritten Lebensjahre stets >01te<, sooft man ihr auch den richtigen 
Namen vorsprechen mochte. Wundt hat darauf hingewiesen, daß 
es sich in solchen Fällen wohl meist um stark verstümmelte Beste 
von Bezeichnungen handelt, die aus kindlichen Mißverständnissen 
hervorgegangen sind. Im Traume sahen wir Neubildungen vielfach 
dann zustande kommen, wenn für verwickeitere, bis dahin nicht ein- 
fach benannte Vorstellungen Bezeichnungen gefunden werden sollten, 
also unter Bedingungen, wie sie beim Kinde mit unentwickeltem 
Sprachschatze vorliegen. Durchaus nicht selten läßt sich dabei auch 
im Traume der Einfluß entfernter sprachlicher Anklänge erkennen, 
aber die Zahl, Mannigfaltigkeit und Selbständigkeit dieser Schöpfungen 
ist verhältnismäßig weit größer als beim Kinde, wohl deswegen, weil die 
fortgeschrittene Ausbildung des Sprachschatzes eine größere Be- 
wegungsfreiheit auf diesem Gebiete gestattet. Namenthch die fremd- 



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60 

sprachigen, mehr äußerlich angelernten, der Vorstellungsentwicklung 
erst nachträglich aufgepfropften Bestandteile gehen am leichtesten 
in solche Neubildungen ein, ähnlich wie wir im täglichen Leben 
Wortschöpfungen für neue Vorstellungen mit einer gewissen Vorliebe 
aus der gleichen Quelle zu entnehmen pflegen. 

Einen erheblichen Umfang besiteen heim Kinde die Störungen 
der Rede, da natürlich nicht nur die Umsetzung der Vorstellungen 
in Worte, sondern auch die Fassung der Gledanken in die Form der 
Rede mühsam erlernt werden muß. Soviel ich indessen sehen kann, 
scheinen die akataphasischen Fehler hinter den agrammatischen 
gänzlich zurückzutreten. Die bisweilen bei Kindern beobachteten 
rhythmischen Selbstgespräche in Form von khngenden Silben und 
Wortreihen, wie sie auch in den Kinderreimen eine ao große Rolle 
spielen, lassen sich vielleicht dem Wortgeklinge! des Traumes an die 
Seite stellen. Andererseits gibt die Unhehilflichkeit in der Be- 
herrschung der Wortformen und der grammatischen Abhängigkeits- 
verhältnisse der kindlichen Sprache geradezu ihr eigenartiges Gfepräge. 
Ein hübsches Beispiel syntaktischer Umstellung bietet die Äußerung 
eines Mädchens zu ihrem vom Haarschneiden kommenden Vater; 
»Papa, bist du Haar von sauber?*, wohl statt »sauber von Haaren«. 
Wenn man will, kann man übrigens in der Wendung, die offenbar 
nach einem passenden Ausdrucke sucht, eine Verschiebungsparalogie 
sehen, insofern das Kind an die Stelle des nächstliegenden, gebrauch- 
lichen einen entlegenen, selbstgeschaffenen Ausdruck setzte. 

Die gewöhnliche Form der unentwickelten kindlichen Redeweise 
ähnelt auf den ersten Blick dem -beim Träumenden beobachteten 
Telegrammstil'). > Semmel mag mehr nit«, >Du bös sein; ich schon 
aufgessen«, »Noch laft hast?«, »Du gleich nein Wagen« sind dafür 
kennzeichnende Beispiele, allerdings noch von paralalischen Störungen 
(»laft* statt »geschlafen», »aufgessen«, »nein« statt »hinein*) he- 
gleitet. Bei genauerer Betrachtung stellt sich indessen heraus, daß 
doch wohl ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Störungen 
zu beachten ist. Beim Kinde handelt es sich um eine Unheholfenheit 
in der Ausdrucksform, während der vorschwebende Gedankengang 
klar und in der Regel auch deutlich erkennbar ist. Im Traume 

1) Liebmann, Vorlesungen über Sprachstörungen, 1906, Heft 6, S. 13. 



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61 

dagegen scheint der Telegrammstil immer nur dann autzutreten, 
wenn auch der G-edankengang seibat unklar und verworren ist. Wir 
haben datier auch früher seine Verwandtschaft mit den Ellipsen be- 
tont und können femer die Häufigkeit sinnloser Neubildungen in 
unseren Beispielen als weitere Eigentümlichkeit anführen, durch 
welche sie sich von den agrammatischen Wortreihen der Kinder 
unterscheiden. 

Die im Traume so starit vertretene Gruppe der Denkstörungen 
fehlt der Kindersprache. Möglicherweise würde sich bei ausgedehnter, 
planmäßiger Sammlung das eine oder andere Beispiel auffinden 
lassen, aber wohl kaum mehr, als auch im wachen Leben des Er* 
wachsenen festgestellt werden kann. Wirdürfen unter diesen Umständen 
als die wesentlichen Kennzeichen der Kindersprache im Verhältnis 
zur Traumsprache folgende betrachten: sehr zahlreiche Abweichungen 
der äußeren Sprache, femer in mäßiger Zahl Paraphasien, unter 
ihnen besonders solche durch falsche sprachliche Analogien, endhch 
ausgeprägter Ägrammatismus , dagegen Seltenheit von Akataphasie 
und von Denkstörungen. 

Es liegt auf der Hand, daß die Störungen der kindlichen Sprache 
in ganz ähnlicher Weise auch beim Erlernen einer fremden Sprache 
hervortreten müssen. Die- Schwierigkeiten der Aussprache führen zu 
Unvollkommenheiten bei der Wiedergabe von Buchstaben und Silben; 
Wortverwechselungen und auch Neubildungen kommen durch sprach- 
liche Anklänge oder begriffliche Beziehungen zustande. Falsche 
sprachliche Analogien verführen hier wie dort zu Verstümmelungen 
und Vertauschungen. Der Ägrammatismus ist die selbstverständliche 
Form, mit welcher der Anfänger in einer fremden Sprache beginnt, 
und diejenigen Sprachen, die ausschließhch dem Verkehrsbedürfnisse 
zwischen fremdsprachigen Völkern dienen, wie das Küstenmalaiische 
und das Fidgin-Engliscfa, vermögen diese Aufgabe gerade wegen 
ihres völligen Ägrammatismus weit besser zu erfüllen, als die Sprachen 
mit verwickelter em Bau. 

In beschränktem Maße finden wir die Störungen der Traum- 
sprache hie und da auch in den Äußerungen des wachen Lebens 
wieder. Wortfindungsstörungen begegnen uns, ganz wie im Traume, 
am häufigsten bei Eigennamen und bei Fremdwörtern, um so leichter, 
je weniger diese dem Sprechenden geläufig sind. Der falsche Gebrauch 



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62 

von Frenidwörtem auf Grund von Anklängen oder begrifflichen An- 
knüpfungen iBt ja eine so alltägliche Erscheinung, daß sie im 
weitesten Umfange witzige Verwertung gefunden hat. Hierher ge- 
hört auch die Volksetymologie , die unverständliche Fremdwörter 
durch Abänderung dem Verständnis näher zu bringen sucht. Aber 
auch einzelne, einander ähnelnde Wörter der Muttersprache werden 
trotz verschiedener Bedeutung doch sehr gern miteinander verwechselt, 
wie z. B. die beiden Wörter »anscheinend' und >scheinbar<. Viele 
dieser unabsichtlichen Wortvertauschungen unterscheiden sich von 
denen des Traumes nur durch den Umstand, daß wir es im einen 
Falle mit Unkenntnis, im andern mit vorübergehender Unfähigkeit 
zu tun haben. Auch Neubildungen können natürlich" vorkommen, 
doch ist ihre Anlehnung an vorschwebende Worte wohl meistens 
eine engere als im Traume, in dem viel größere Willkür herrscht. 
Was aber dem wachen Leben ganz fehlt, das sind die sinnlosen 
Wortneuschöpfungen für bisher nicht benannte Vorstellungen, wie sie 
uns der Traum bietet. Wenn wir im Wachen neue Bezeichnungen 
bilden, so knüpfen wir sie fast ausnahmslos nicht nur an vorhandene 
Worte der eigenen oder einer fremden Sprache an, sondern wir 
lassen uns dabei auch vollkommen von den inneren, begrifflichen 
Beziehungen der Vorstellungen zueinander leiten. Nur die künst- 
lichen Geheim sprachen der Entwicklungsjahre gefallen sich bisweilen 
in ebenso willkürhchen und sinnlosen Neubildungen wie die Sprache 
des Traumes, allerdings wieder nicht für unbenannte, verwickeitere 
Vorstellungen, sondern zimi Ersätze gebräuchlicher, allgemein ver- 
ständUcher Wörter, 

Die übrigen Sprachstörungen des Traumes sind dem wachen 
Leben ebenfalls nicht völlig fremd, wenn sie auch nur selten so ab- 
sonderliche Formen annehmen. Li der Regel wird sich dabei wohl 
nachweisen lassen, daß der Sprechende durch besondere Umstände 
in der Beherrschung des sprachlichen Ausdruckes gestört war. 
Angsthche Verlegenheit, Ablenkung durch Nebenvorsteilungen und 
Ermüdung sind die wichtigsten Entstehungsursachen der S^destörungen. 
Beim Wortgeklingel und beim Telegrammstil kann auch eine gewisse 
psychomotorische Erregung mit hineinspielen, die sich dort in 
rhythmischer Ghederung der Rede mit bedeutungslosen Flickworten 
und Einschiebseln entladet, hier zu plötzUcher, abgerissener Äußerung 



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63 

drängt, olme sich erst mit der Zuriclitung und Gliederung der 
einzelnen Satzteile aufzulialten. Unter den gleichen Bedingungen 
können auch DenkstÖmngen zustande kommen, die ganz denen des 
Traumes ähneln. Verlust des Zusammenhanges, metaphorische 
Paralogien und Vorstell ungsmischungen kommen gelegentlich bei 
allen Eednern vor. Aus den Berichten der Parlamente, namentlich 
aber aus den Vorlesungen der »zerstreuten« , d. h. vielfach mit 
andern Gedanken beschäftigiten Gelehrten pflegen von Zeit zu Zeit 
solche »Rede- und Kathederblüten« gesammelt zu werden. Die be- 
kannte komische Figur des »Wippchen» verdankt ihre Wirkung zum 
großen Teile der von ihr planmäßig betriebenen Vorstellungsmischung, 
der teilweisen Verschmelzung unvereinbarer bildlicher Kedeiisarten. 
Eine reiche Fundgrube von Zerstreutheiten bieten, wie schon 
Wundt betont hat, die Aussprüche des Professors Galletti'). Unter 
denselben linden sieh einmal einfache Sprechfehler und Ver- 
wechselungen, sodann zahlreiche Widersprüche, Irrtümer und Ge- 
dankenlosigkeiten, über deren Zustandekommen sich jetzt keine 
Klarheit mehr gewinnen läßt. Öfters spielen dabei sinnstörende 
Auslassungen, Zusätze und Entgleisungen eine Rolle. Was uns hier 
aber besonders berührt, sind die sehr häufigen traumartigen Denk- 
fehler, voiv.ugsweise von der Form der metaphorischen Paralogie 
und der Vorstellungsmjschung. Ich greife einige Beispiele heraus: 

»Im Jahre 1800 bestieg Bonaparte das Konsulat.« 

■ Maximilian I. hatt« die HofTnung, den Tliron anf seinem Haupte zu sehen.« 
»Die Schleicht bei Leipzig kostete 16 Dörfern in der Umgegend das Leben, 
ui^erechnet den Yielistand.« 

»Man merkte wohl, daß die Lage von Scliweden sieh bald würde ergeben 

»In Hcimbnrg wächst der Sehne« häufig.« 

•Die Aleutiscben Inseln wohnen iu Erdhütten.« 

»Die Hauptstadt Philadelphia ist 1713 gestorben.« 

»Die größten vierrdßigen Tiere in Ostindien sind die eßbaren V<^elnestcr.< 

»Der Weinbau ist eine der herrlichsten Rheiiigegonden.« 

>Ic)i bin so müde, daß ein ßein daa andere nicht sieht.« 

In den letzten Beispielen haben außer der Vorstellungsmischung 
wohl auch Auslassungen stattgefunden. Über die Merkwürdigkeiten 
Ostindiens, die großen Vierfüßer und die eßbaren Schwalbennester, 



1) dallettiana, 2. Aufjage, 1876. 



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64 

sollte irgend etwaa ausgeBagt werden, was bei der Vei-schmelzung 
verloren gegangen ist. Ebenso dürfen wir vermuten, daß eine be- 
sondere Kennzeichnung des Weinbaues wie der Naturschönheiten 
der Bheingegenden beabsichtigt war, aber unterdrückt wurde. Die 
Vorstellung der Müdigkeit regte den Wunsch an, zu schlafen, daß 
ein Auge das andere nicht sieht, doch wurde dieser verdrängt durch 
die Nebenvorstellung des ruhebedürftigen Beines. Akataphasische 
und agrammatische Wendungen sind bei Galletti selten. Folgende 
beiden wären wohl daliin zu rechnen. 

•In Rußland hat man Fenster von getränktem Öl.< 

•Der Unterschied zwischen dem alten und neuen Peraien heateht haupt- 
sächlich in der Unkenatnia der Sprache,« 

Das erste Beispiel erinnert etwa an die >Behandlung freiwilliger 
Kohlen* (203), ist also eine syntaktische Entgleisung für »mit Ol ge- 
tränkte Fenster« vonPapier, während das letztere dem frühfa- berichteten 
Satze ähnelt: »In Preiburg dient die Innenseite der Teller nicht für 
das Essen, sondern für den Ort* (166). Offenbar soll gesagt werden, 
daß wir das Altpersisch im Gegensatz zum Neupersisch nicht kennen. 
Dieser Unterschied ist aber von der Sprache her auf das alte und 
neue Persien übertragen; wir haben es mit einer Verschiebungs- 
paralogie zu tun. Von den Störungen, die wir im Traume kennen 
gelernt haben, iinden wir somit bei dem zerstreuten Professor vor 
allem die eigentlichen DenkstÖrungen wieder, während die Fehler der 
sprachlichen Gedankenprägung und ebenso auch diejenigen der Wort- 
findung fast ganz im Hintergrunde bleiben. 

Wir kommen somit zu dem Schlüsse, daß die Sprachstörungen 
des Traumes sich zwar dem Grade nach sehr erheblich, der Art 
nach jedoch weit weniger von denjenigen des wachen Lebens unter- 
scheiden. Nur die willkürliche Neubildung von Bezeichnungen für 
vervfickeltere Vorstellungen findet sich im Wachen gar nicht. Es 
wäre eine lohnende, freilich weit aus dem Bahmen dieser Unter- 
suchung fallende Aufgabe, die verschiedenen Gestaltungen wie die 
Entstehnngsbedingungen der Sprachfehler des gesunden wachen 
Lebens genauer zu verfolgen. 

Auf einem beschränkten Gebiete ist eine solche Erforschung 
bereits mit großer Sorgfalt durchgeführt worden, auf demjenigen des 



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65 

Versprecbens und VwleBens. Meringer nnd Mayer'} ha^en ge- 
zeigt, daß beim Versprecben, Abs liier für iuib allein in Setmcht 
kommt, Tor allem die Yertauschungen, die VoAlänge un^ die Nach- 
klänge T&n Silboi, W(vt^ oder Lauten «ioe bedeutende Bolle 
spielen. J» der Traumsprache sind wir diesen Störungen auch öfters 
begegnst, ab«- sie tretao ganz zurück hinter den Neubildungen, den 
Störunge der Rede und denen des Denkens, offenbar deswegen, 
weil sieb in der innren Sprache die Wortklangbilder wie die Sprach^ 
bewegungsvorstellungen weit wöiiger gegenseitig beemflussen, als in 
d«r äußeren. Weitere Formen des Vwsprechens sind die yer<- 
Schmelzungen und Substiitationea. Den ersteren könnten wir aus 
unseren Traumerfahrungen etwa die Entgleisungsparalogien und die 
YorsteUungsmischungen an die Seite stellen, während den Substitu- 
tionen die metaphorische Faxalogie näher verwandt ist. In der Kegel 
sind jedoch die beim Versprechen gewonnenen Beispiele weit ein- 
facher und durchsichtiger, als diejenigen des Traumes; sie betreffen 
mehr einzelne Laute, Silben oder Worte, nicht ganze Wendungen 
und Oedanken. So b^egnetrai mir vor kurzem die beiden Aus- 
sprüche >Ich muß mich danach noch erfahren« und »Was habe 
ich mich anschinden müssen!« Im ersteren Falle handelt es sich 
um die Verscbmelzuag der beiden Sätze: >Ich muß mich danach 
noch erkundigen« und »Ich muß das noch erfahren«. Auch bier 
hat die Entgleisung durch die Nebenvorstellung nur eine gering- 
fügige, sofort verständliche Abänderung der Wendung gebracht. Im 
letzteren Beispiele sind die beiden Ausdrücke >abschinden< und »an- 
strengen« zu einem Mischworte miteinander verschmolzen. Mehr an 
die Traumsprache erinnert schon der weitere, von einer andern 
Person sbunmende Ausspruch: »Es wird eben noch jünger hier« für 
»früher hell im Winter«. Hier hat anscheinend die Nebenvorstellung 
des jungen Tages, der früher heraufzieht, die Entgleisung veranlaßt, 
die schon eine völlige Wandlung des Gredankens bedeutet. Ebenfalls 
den Sprachstörungen des Traumes, und zwar den metaphorischen 
Paralogien, sehr ähnlich ist die Äußerung: »Der Magen liegt südlit^ 
vom Herzen«. Hier ist an die Stelle des Ausdrucks; »unterhalb des 
Herzens« die vom Globus her übertragene Bezeichnung »südlich« 



inger und Mayer, Versprechen und Verlesen. 1895. 

, SprQChstll rangen. 5 



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getreten. Allerdings kann man hier wohl kaum noch von ednem 
»Versprechen* reden; es handelt sich vielmehr um ein »Verdenken* 
im Sinne der obenerwähnten Kathederblüten. 

Ein gewisses Licht auf die paraphasischen Abänderungen der 
Eigennamen im Traume können die Vorgänge beim Besinnen werfen. 
Wenn uns ein Name nicht einfallen will, pflegen wir doch eine all- 
gemeine Vorstellung von seinem Klange zu haben, die allerdings 
öfters trügerisch ist. Ich gebe hierfür einige gelegentlich gesammelte 
Beispiele, Der letzte, gesperrt gedruckte Name ist der gesuchte; 
die übrigen tauchten vorher auf, wurden aber verworfen. Dazwischen 
finden sich Bemerkungen des Nachgrübelnden. 

Martinitz-Marcinowsky-Marcinek. 

Stahl -Stadler. 

Strelocky-Strasitzti-StraBky-Straainoff-StratzDcoff-Stratzinotf-Stre-es muß ein 
o kommeH'StrekinBkj-Stratzino-Straaimir-Stresoniir-Stratziiiski. 

Wahner-M arquardt. 

KollaBch - Matsehke - Eu tschke- Kallaach - Strollasch - Scholke - Scholle-Schally- 
Schalle-Schollaach-Sclialke-Schftllasch-Sclioltke-Schollak-Scholok-Scholla-Scholler- 
mir ist, ala ob ein Buchstabe doppelt au^esprochen wird; es ist ein Wort wie 
im Englischen-B kommt nicht drin vor-e kann drin vorkommen- Schom oder 
Schrao-Sehmollam-t ist es nifiht-r könnte es sein-Schmoriar-o, p, q, r, b, t, u, 
V, w-i, y, z-alles nidits-z jedenfalls nicht; ea ist ausdrucksvoller-e allenfalls- 
Schomher- Schro ist nicIits-ScIilo könnte kommen-ler als Endung', nnbetont- 
Sehmorier oder Schomler-r kommt doch tmch wohl drin vor-Schlomar-Schlo- 
mann-an >mann< habe ich nie gedacht 

Einsilbiges Wort-Pfnüer-Pfeil - Pfand - Pfeile -Wanst - a - Ma - Pfenda - Wansta- 
Pfandnm-Bachum-Bareha-Borsta-Beiche-b, a-Kohn stamm. 

In den ersten Beispielen bewegt sich die Suche immer in der 
Nähe des wirklichen Namens. Das dritte Beispiel zeigt uns das 
plötzliche Auftauchen des gesuchten Namens nach anfänglich ziemlich 
entferntem Fehlgreifen; das Gefühl, >es müsse ein o kommen«, er- 
weist eich als falsch. Im fünften Falle gestaltete sich das Suchen 
äußerst langwierig. Bei den zahlreichen tastenden Versuchen findet 
sieb meist das richtige Seh und das 1, häutig auch das o, ohne daß 
die zutreffende Folge aufgefunden und der Rest ergänzt wird. Von 
den einzelnen Buchstaben, die vermutet werden, e, r, ist keiner 
richtig. Dagegen ist der enghsche Anklang, der durch die Erinnenmg 
an die »Slomanlinie< bedingt wird, richtig geahnt, obgleich jene An- 
knüpfung selbst nicht klar wurde; sie hat auch wohl die Vorstellung 



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&7 

einer unbetcmten Endung erweckt. Im letzten Beispiele ist ganz 
merkwürdig die völlige Unähnlichkeit der zuerst auftauchenden, 
wieder untereinander ganz verschiedenen Worte und dann das plötz- 
liche, fast unvermittelte Überspringen auf den richtigen Namen; nur 
»Borsta< könnte etwa die Anknüpfung gegeben haben. Auch hier 
ist es deutlich, daß die Vorahnungen — einsilbiges ■ Wort — b, a — 
nichts weniger als zuverlässige Führer sind. 

Dieses Verfehlen des gesuchten Wortes ist offenbar den para^ 
phasischen Störungen sehr ähnlich; es tritt nur bei Eigennamen 
schon im Bereiche des gesunden Seelenlebens hervor, weil eben bei 
ihnen die Verknüpfung des sprachhchen Symbols mit der gegen- 
ständlichen VorsteUnng eine besonders lockere ist. Wir begreifen 
daher auch, wie im Traume nicht nur Verstümmelimgen und Ver- 
drehungen der richtigen Namen leicht zustande kommen können, 
sondern -wie auch ganz fern liegende Namen und selbst völlige Neu- 
bildungen für die richtige Bezeichnung eintreten. Das geschieht 
natürlich besonders leicht, wenn ee sich, wie in vielen Traumbeispielen, 
um die Benennung von Gebilden der Einbildungskraft handelt, 
wenn also wirUiche Namen gar nicht vorhanden waren. In der Selbst- 
verständlichkeit, mit der solchen Schöpfungen die neuerfundenen 
Namen beigelegt werden, liegt die besondere Eigentümlichkeit des 
Traumes; das Auftauchen stark veiünderter oder auch ganz will- 
kürlich gestalteter Namen selbst begegnet uns beim einfachen Be- 
sinnen in ganz gleicher Weise. Allerdings wissen wir es hier, daß 
dieselben nicht richtig sind, während wir sie im Traume gerade so 
urteüslos hinnehmen wie alle andern Widersprüche mit unserer 
sonstigen Erfahrung. 

Einen interessanten experimentellen Beitrag zur Kenntnis der 
Sprachstörungen hat Stransky') gehefert, indem er eine Anzahl 
Versuchspersonen veranlaßte, unter möglichster Entspannung der 
Aufmerksamkeit auf ein zugerufenes Stichwort hin alles auszusprechen, 
was ihnen gerade auf die Zunge kam. Diese Keden wurden phono- 
graphisch aufgezeichnet. Während die Äußerungen der weniger 
gebildeten Personen mehr auf die Wiedergabe wirklicher oder er- 
dichteter kleiner Erlebnisse hinausliefen, freilich meist in recht 

1) Stranskj, Über Sprachverwirrtheit, 1905. 



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68 

zusammenhangslofier, an Ideenflucbt erinnernder Weise, boten die 
Bedea der gebildeteren Va-sucbBp^'sonen ein sehr merkwürdiges Ge- 
präge dar, vielleicht deswegen, weil ihnen die I^tepftunung d^ 
Aufmerksunkeit voUkommener gelang, als jenen. Vor allem fiel in 
ibnea eine außerordentliche Neigung zu Wiederholungen dersdben 
Worte und Wendungen auf, die Stransky der Verbigeration der 
Katatoniker an die Seite stellt. Sodann zeigte lieh neben richtig 
gebauten Sätzen vielfach ein ausgeprägter Agraxamatiemus ; nament- 
lich die einfädle Aneinanderreihung von Worten und Wendungen 
in mannigfacher Wiederholung und Abwandlung war sehr häufig. 
Dennoch kam es nicht zu ein^u eigentlichen Telepvmmätil. Bei 
diesem leideren lia.ben wir es mit einer fortac^eituiden, wenn auch 
ganz zusammenhanglose Folge einzelner Vorstellungen zu tun, die 
sicli in knappster Fassung ohne grammatiscbe OUederung aneinander- 
stießen. In den Stranskyscben Versudien begegnen wir dagegen 
zwischen völlig regelrecht ausgebauten Sätzen endlosen, vielfach sich 
wiederholenden Aufzählungen, deren einzelne Glieder einander neben- 
geordnet sind, aber nicht, wie beim Telegrammstil, rerschiedenartige 
Satzteile ohne g^-ammajtische Verbindung darstellen. Bisweilen finden 
sich femer, wie Stransky bemerkt, grammatisch richtig gebaute 
Sätze ohne Sinn, ähnlich denen, die auch im Traume vorkommwi. 

Eine große Rolle spielen die Verschmelzungen verschiedener Worte 
und Wendvmgen, Sie halten sidi allerdings zumeist im Rahmen der- 
jenigen, die auch beim Vwspreclien vorkommen, doch fehlen Ent- 
gleisungeparalogien uud elliptische Wendungen keineswegs. Gar 
nicht selten endlieh werden sprachliche Neubildungen vorgebracht, 
die gewöhnlicli aus Verstümmelungen oder aus Verschmelzungen 
abzuleiten sind. Hübsche Beispiele sind dafür: »Primordialrat Leuban« 
und »Kliüfergewand«. Im ersten Falle schwebte die Erinnerung an 
einen Fachgenossen vor, der sich mit Primordialdehrien beschäftigt 
hat; der »Rat» haftete noch von einem vorhergehenden >ProviDzial- 
rat*. Ferner war >Lauban< und »Leubus* zu >Leuban' verschmolzen. 
Das > Kläffergewand < stellt eine Verschmelzung mit der durch den 
•Kläffer- angeregten Nebenvorstellung »Wolf im Schafspelz^ dar. 
Diese Neubildungen erinnern völlig an einzelne Beispiele aus dem 
Traume, so an die • Lockensardellen« '243}. Dagegen scheinen ganz 
willkürliche, sinnlose Neuschöpfungen nicht vorgekommen zu sein. 



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69 

G^danhenlose FliclcwöTter, vie sie anc^ im Traume hie und da auf- 
treten, koDBte Straüsky öfters nachweisen. 

Es ist gewiß sehr merkwürdig, daß bei möglicheter E^t^annsng 
der Anfmerksamkeit eine Anzahl von Stönrngen des sprachlichen 
Auadmcks auftreten, die wir im Traume wie<ierfiiideiL Nicht minder 
wichtig aber ist es, daß die ZuBammensetzuiig und Ausprägung 
dieser Stömngen sich doch keineswegs mit denen des IVaumes deckt. 
Offenbar sind die im Versuche und im Traume herrachenden S«- 
dingungen trotz mancher Ähnlichkeiten doch wesentlich voneinander 
verschieden. Ein H&uptnnterschied ist sicher darin 'oi suchen, da& 
es sich im einen Falle um innere, im andern um äußere Sprache 
handelt. Stransky weist mit Recht darauf hin, daß bei dem rein 
mechanischen Sprechen, wie es in seinen Versuchen angestrebt wurde, 
die WortbewegungsTorstellungen einen sehr wesentlichen Anteil an 
dem Ergebnis gewinnen mußten. Man kann darauf wohl zum 
großen Teile die außerordentliche Neigung zu Wiederholungen und 
klanglichen Abwandlungen der vorgebrachten Worte beziehen. Wie 
beim sinnlosen Lallen des Kindes die gleichen Laute immer und 
immer wiederzukehren pflegen, so scheint auch beim gedankenlosen 
Spreeben, da eben nicht neue Vorstellungen nach Ausdruck ringen, 
die Wiederkehr gleicher oder ähnlicher Worte die nächstliegende 
Form der Betätigung zu sein. Allerdings möchte ich glauben, daß 
noch ein weiterer Umstand bei den geschilderten Versuchen eine 
Holle gespielt hat. Die meisten Personen scheinen recht schnell 
gesprochen zu haben; das deutet auf eine gewisse Hast bei der Er- 
ledigung ihrer Aufgabe hin. Wenn man in den Phonographen 
hineinspricht, so wiid man, wie ich aus meiner Erfahrung entnehmen 
möchte, leicht von dem unwillkürlichen Drang ergriffen, die kurze, 
zur Verfügung stehende Zeit nach Möglichkeit auszunutzen und ohne 
Pausen weiter zu sprechen. Zugleich stellt sich, offenbar unter dem 
Einäosee der Erwartung, eine gewisse G-edankenbemmung ein. Ohne 
Zweifel werden sich diese Erscheinungen bei Öewöhnnng an die Ver- 
suche allmählich verlieren. Vielleicht haben sie aber doch den einen 
oder andern Versuch noch dahin beeinflußt, daß durch das Ver- 
sagen der Gedanken bei dem lebhaften Wunsche, zu sprechen, die 
Neigung zu Wiederholungen und Flickwörtern besonders verstärkt 
wurde. 



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70 

Unter den krankhatten Störungen der Sprache sind es vor allem 
die aphasischen Erscheinungen, die sich der Tcaumsprache T^t^leichen 
lassen. In gewissem Sinne kann man den Träumenden als sensorisch 
und motorisch aphasisch zugleich betrachten. Er ist nicht völlig taub, 
denn GrehÖrsreize von einer gewissen Stärke wirken auf ihn, aber er 
vermag sie nicht in ihrer Eigenart zu erkennen. Sehr deutUch läßt 
sich diese StörUng in ihren verschiedenen Abstufungen während des 
Eirwachens verfolgen. Wenn wir diuxh Worte geweckt werden, so 
nehmen wir zunächst nur wahr, daß überhaupt etwas laut ist, ohne 
daß wir imstande wären, uns über den Inhalt des Gehörten Rechen- 
schaft zu geben. Wir beachten daher auch unter Umständen die 
Eindrücke eine Zeitlang gar nicht, obgleich wir sie hören. Dieser 
Zustand dürfte ungefähr demjenigen entsprechen, den wir bei der 
subkortikalen sensorischen Aphasie vor ims haben; . er grenzt hier 
wie dort an die völhge Taubheit, Bei fortschreitendem Erwachen 
wird uns dann allmählich klar, daß jemand spricht, daß wir Worte 
hören, aber vrir verstehen zunächst deren Sinn noch nicht Dabei 
erkennen wir vielleicht schon die Stimme des Sprechenden, haben 
eine Vorstellung davon, in welcher Sprache und mit welcher Gefühls- 
betonung gesprochen wird, obgleich wir den Inhalt des Gesprochenen 
durchaus nicht auffassen. Hier kann es vorkommen, daß wir mecha- 
nisch und verständnislos die an unser Ohr schlagenden Worte wieder- 
holen. Noch später verstehen wir wohl einzelne Worte, vermögen 
aber noch nicht den gesamten Zusammenhang zu begreifen, bis end- 
hch mit völligem Erwachen das klare Sprachverständnis wiederher- 
gestellt ist. Diese verschiedenen Abstufungen, wie sie Pick') schon 
vor Jahren beim Erwachen der Epileptiker aus Zuständen von Be- 
wußtseinstrübung verfolgt hat, entsprechen dem Verhalten bei korti- 
kaler und namentlich bei transkortikaler sensorischer Aphasie. Eine 
genauere Scheidung im einzelnen läßt sich hier natürlich nicht 
durchführen, da wir den Träumendrai keinen Prüfungen unterwerfen 
können; zudem scheinen die einzelnen Stufen ganz unmerklich in- 
einander überzugehen. 



1) Archiv für Psychiatrie, XXII, S.771; Beiträge zur Pathologie und patho- 
logischen Anatomie des Zenttahiervensystema, 1898, S. 15ff, Vgl. auch Bleuler, 
Neurologisches Centralblatt, 1892, 8. 562. 



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71 

Die Ähnlichkeit zwischen Traniuzustand und eensorischer Aphasie 
zeigt sich aber nicht nur in der Verständnislosigkeit gegenüber 
äußeren ßindrUcIcen, sondern auch in dem Verhalten der inneren 
Sprache. Die sensorische Aphasie ist ausgezeichnet durch das Auf- 
treten paraphaeischer Störungen, die vom Sf^echenden nicht bemerkt 
und daher auch nicht berichtigt werden. Gerade diese Eigentüm- 
lichkeit bietet aber die Traumaprache in ausgeprägtester Weise dar. 
Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß der Träumende in 
der Begel Tollkonunen überzeugt ist, seine G-edanken richtig und 
verständlich auszudrücken, auch wenn er die sinnlosesten Silben- 
zusammenstellungen vorbringt. Ganz ebenso scheint es sich bei der 
sensorischen Aphasie zu verhalten; dazwischen können sich jedoch 
hier wie dort durchaus richtig gebaute Äußerungen einschieben. 
Die Richtung, in der sich die paraphasischen Fehlgriffe bewegen, 
wird vielfach durch Klangähnhchkeit oder Gleichheit des Anfangs- 
buchstaben bestimmt; oft handelt es sich um Verstümmelungen und 
Verdrehungen der richtigen Worte, um Neubildungen, deren Klang- 
beziehungen sich noch erkennen lassen. Dasselbe beobachten wir 
im Traume, doch spielen hier, im Gegensatze zur Paraphasie, 
auch die begrifflieben Anknüpfungen eine erhebUche Rolle. Tenier 
begegnen uns hier in ausgedehnterem Maße völlig willküriiche Er- 
findungen, während wieder bei der Paraphasie das Haften sUirker 
hervortritt, als im Traume, wo wir es doch nur in vereinzelten Bei- 
spielen nachweisen konnten. 

Akataphasische Störungen sind bei der Paraphasie anscheinend 
selten, doch führt die Schwierigkeit der Wortfindung bisweilen zu 
eigentümlich gesuchten Ausdrücken, die den Verscbiebungaparalogieä 
Buzurecbnen wären. So nannte ein Kranker den Papierkorb einen 
>8tröhemen Kasten«, ein Vogelnest »Eier mit Geschirr«; ein anderer 
fragte nach der Besuchsstunde mit den Worten: »Ist heute Zukunft?« 
Offenbar hatte ihm »herkommen, zusammenkommen« vorgeschwebt; 
die wirkliche Bedeutung des Wortes Zukunft tauchte ihm erst auf 
Vorhalt allmählich wieder auf. Auch Entgleisungsparalogien dürften 
vorkommen, namenthch unter dem Einflüsse des Haftens. Dagegen 
scheinen die Bedingungen für die Entstehung von elliptischen 
Wendungen und reinem Wortgeklingel nicht gegeben zu sein, wenn 
man zu letzterem nicht das Einschieben stets wiederkehrender 



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FUckwOrte nad f^kwendangoi rechnen wüL Sehr mcrkirte^g ist 
das gelegenüicbe Aoftfeten tod Agrammatismos, be8<»derB bem aU> 
nähU^en Äosf^cbc der Bchwertfes Störasfien, eine iEkfahruag, aal 
die Pick') oachdröckli^ hingewiesen hat. 

Von den Denkstömi^eu haben wir hä der Pu^haaie das Eht* 
schieben Ton Worten und Wendungen ohne Sinn za erwähnen, die 
meist als haftende Flickbestandteile der Bede anznachen sind, fener 
eine gewisse ZusfuDmenbangslosigkeit. Ob iBetaph<»ische Paralogien 
nnd VorstellungamiichuDgen häufiger vorkommen, ist mir zw«fcihaft. 
Allenfalls könnte man im Sinne der erster^i die fkt^nmg dentcn, 
daß die Kranken öfters ähnliche Aufgaben, wie das Aufsage der 
Buchstaben und der Ziüilenreihe , miteinander verwechsflln. Bei- 
spiele verwickelterer Art, wie sie uns im Traume so läufig und so 
ausgeprä^ begegnen, scheinen jedoch kaum Torzukommen. Allerdings 
ist das Urteil darüber durch die vielen Wortfindungsfehler sehr er- 
schwert. Wenn ein Kranker auf die Aufforderung, eine Kn&haad 
zu werfen, antwortet: >Ziegenböcke kann man nicht mehr zu Monu- 
menten heranziehen <, so läßt sich nicht entscheiden, ob hier eine 
paraphftsische oder eine Denkstörung zugrunde liegt, weil wir nicht 
wissen, was der Kranke ausdrücken wollte. 

Leider scheint bisher eine eindringendere Zergliederung der von 
sensorisch Aphasischen begangenen Fehler in größerem Maßstäbe 
nicbt stattgefunden zu haben, und es muß daher offen gelassen wer-* 
den, ob die hier aus einer spärücben Zahl von Beobachtungen ab- 
geleiteten Kegeln nicht noch mancher Erweiterung bedürfen. Den- 
noch dürfte es im allgemeinen zutreffen, daß die pan^hasischen 
Wortfindungsfehler, wenn wir von der Einmischung haftender Worte 
absehen, weit mehr durch Klang^nlichkeit, als durch begriffliehe 
Anknüpfungen beeinflußt werden, daß ferner die Neubildungen mehr 
Verstümmlungen und Verdrehungen, als freie Erfindungen darstellen, 
und endlich die eigentlichen Denkfehler hinter denjenigen der Wort- 
findimg und der Bede weit zurücktreten. In diesen Funkten hegen 
die wesentlichsten Unterschiede gegenüber den Störungen der Traum- 
Bprache. Gemeinsam ist beiden die Erfahrung, daß WortöndnngS' 
fehler sich am leichtesten bei Eigennamen und bei ungewöhnlichen 



1) A. ft. 0. (»Beiträge«), S. 123 ff. 



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73 

Wörtern, Bamentlich Fremdwörtern, erästellen, ferner das Aoftretea 
des Agrammatismus. 

"Weaa nmn toa einer motorischem Aphasie im Traume reden 
will, so kana ea sich jedenf^s nur um eine stit^rtikaie Form 
handeln, Der Trünmende findet nicht die geringste subjektive 
Schwierigkeit, seine bedanken in Worte zu fassen; er sjmcht voll- 
kommen geläuä|f. Allerdings, Venn im lebhaften Traume seine 
Äußerungen einmal das Gebiet der inneren Sprache überschrdten 
und laut werden, so sind es bald wirkliche, meist in Interjektions- 
form hervorgestoßene Worte, bald aber auch nur unartikuherte Laute, 
die zum Vorschein kommen. Auf psychomotorischem Gebiete be- 
stehen also Behinderungen, welche nicht die Ausbildung von Sprach- 
bewegungsvorstellongen, wohl aber deren Umsetzung in Laute er- 
schweren oder unmöghch machen. 

Pur die paraphasischen Ikscbeinungen, die das Lesen bei Störung 
der Lesefähigkeit darbietet, dürften im allgemeinen die gleichen 
Sätze gelten wie für diejenigen des Sprechens. Auch hier begegnen 
uns Abänderungen der Textworte oder Neubildungen, die oft nur 
noch durch einzelne Buchstaben oder durch ihre Gliederung die An- 
lehnung an das Urbild verraten und sich mit zunehmender Schwierig- 
keit des Lesestückes häufen. Durch diese Wortverbilduugen pflegt 
in weit höherem Grade, als beim einfachen Sprechen, das gramma^ 
tisdie Gefnge zerstört zu werden, so daß es unter Umständen zu 
einer sinnlosen Aneinanderreihung willkürlicher Silbenfolgen mit 
einzelnen noch halbwegs erkennbaren Bruchstücken kommt. Die 
von Rieger'] und seinen Schülern bei Paralytikern gesammelten 
Beispiele erinnern an einzelne unserer Beobachtungen von Traum- 
agrammatismus, unterscheiden sich aber doch wieder von ihnen deut- 
lich, einmal durch ihre Anlehnung an den vorgelegten Text, sodann 
durch die Häufung ganz unsinniger Neubildungen. Auf der andern 
Seite können Paralytiker mit Paralesie beim Lesen ein gewisses 
Schwelgen in inhaltlosen, von Neubildungen durchsetzten Rede- 
wendungen darbieten, wie es uns ähnlich auch im Traume begegnet; 
die Kranken lesen in diesem Töne scheinbar noch weiter, wenn 

IJ Rieger, Sitzungsberichte der phjsikaliach-medizisischen Gesellscliaft, in 
■Würzbui^, 13. XII. 1884; Rabbas, Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie, XLI, 
S. B46. 



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74" 

der Lesestoff bereits erschöpft ist Sie haben dab^i, ganz wie der 
Träumende, das Gefühl, ihre Sache besonders gut zu machen. Die 
durch die Vorlage gegebene Anregung dauert noch eine Weile fort 
and fördert paraphasische Reden von der Form des inhaltlosen 
Agrammatismus herror, auch bei solchen Kranken, die sich sonst 
vollkommen verständlich auszudrücken vermögen. 

Ganz ähnliche paraphasische Leseergebnisse wie einzelne Para- 
lytiker pflegen die Alkoholdehranten zu liefern. Bonhöffer') hat 
dafür sehr kennzeichnende Beispiele mitgeteilt. Oft genug bietet 
hier die Vorlage nur den äußeren Anstoß zu dem anscheinend hallu- 
zinatorischen Ablesen zusammenhangsloser, von zahlreichen willkür- 
lichen Neubildungen durchsetzter Worte und Wendungen. Das wird 
außer Zweifel gesetzt durch die Beobachtung Reichhardts^). daß 
die Kranken auch von einem weißen Blatt Papier dieselben Äuße- 
rungen ablesen. Ich führe einige Beispiele an: 

•Hoch lebe Sererstag da icli gleich das bekommt setumhtteD stehen kötinea 
wir auch ihre« . . . 

»Loden — 8 — 7 Uhr 11 — unberechtigt — Lahoratoriura— Volksfest— Einöde — 
Eraa — Haus— Harburg — Kadau— Stiche — kanopisch — freit und^ — Frau — 11 tJhr 
19— Bodega— nicht den Buchstaben— Spiegel— Alter— heut« (legt dae Blatt weg 
mit den Worten: »Jetzt ist's am End'*). 

■ .86-13— 31.8.02 — 12-22 — 25 — ßO-6/7 — WniiBky. ... (Von dem- 
selben Kranken.) 

»München — Mühl — Maß — Maximilian H. von Mönchen — Witteisbach — 
Maximilian II., König von Bayern, angefangen im Jahr 67 mit der R«eideDZ 
Hauptstadt München. — Die kleinen Völker da, Vögerl — die mannlichen An- 
sichten über die Straße der Vorstellung, in der böhmischen Weise und wieder 
in der Straße von der königlichen Haupt- uitd Residenzstadt München. An die 
kleine, an die Vögerl bedienstete Franziska Schöllner von hier hat die HUre für 
ihre Frauen reichlichst Gevierungen an der Blume angesehen ; in der Straße von 
Ingolstadt über eine Hofamme das bayrische zweite Feld -Artillerieregiment in 
das königliche Hofpersonal an den Straßen. In der kgl, Haupt- und Residenz- 
stadt Wien hat der kgl. geborene 1894 ja die 1. 2. i. Feldartillerie in Gold 
15579 Mark an die Feldkirche an eine andere Persönlichkeit der Feldartillerie 
und Artilleristen an die reiclilichst geborenen Feldartillerieregiment in der Feld- 
hcrmhalle von Magdalenen Stimmen. Einander an den Verstand an den Ehe- 
stand. Der verstorbene Nikolaus mit den angesehenen Herren vom 4. Feld- 
artillerieregiment an den Feldherm verloren , . . '• 



1) Die akuten Geisteskrankheiten der Gewohnheitstrinker, 1901, S. 21 
2] Neurologisches Oentralblatt, 1905, S. ööl. 



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In diesen Äußerungen fällt vor allem die gänzliche InhalUosigbeit 
auf. Offenbar entspricbt ihnen durchaus kein Giedankengang, sondern 
es bandelt sieb um rein sprachliche Brandungen, die von dem Ein- 
äusse des Vorstellungsveriaufes so gut wie vollständig losgelöst sind. 
Wissen wir ja auch, daß dieselben Deliranten unmittelbar vorher 
und nacblier leidUch zusammenhangend erzählen könn^ und in ihren 
Keden nicht eine Spur dieser gedankenleeren Zusammenhangslosigkeit 
darbieten. Sehr bezeichnend dafär, daß diese Wortfolgen nicht der 
Ausdruck Von G-edauken sind, ist die häufige Einmischung von 
Zahlen; ein Beispiel besteht fast nur aus solchen. Die Kranken 
lasen langsam, bruchstückweise, indem sie sich anscheinend anstrengten, 
die nach ihrer Angabe sehr undeutlichen Buchstaben zu erkennen; 
daraus erklärt sich wohl der meist vorherrschende Telegrammstil, 
das Sprechen in Stichworten, WillkürUche Neubildungen finden sich 
nur vereinzelt, dagegen sehr zahlreich agrammätische Störungen, 
insbesondere syntaktische Entgleisungen, die sehr an unsere Traum- 
beispiele erinnern. In der letzten Beobachtung ist sehr auffallend 
das Haften einzelner Ausdrücke, München, kgl. Haupt- und Residenz- 
stadt, Feldftrtillerieregiment mit den Ablegern Feldkirche, Feldherr, 
Feldheimhalle u. a. Wir werden vielleicht daran denken können, 
daü hier, wo das scheinbare Lesen geläufiger und in Satzform 
vor sich ging, bei dem rein mechanischen Ablaufe des Vorganges die 
Neigung zur Wiederkehr der gleichen Wörter stärker hervortreten 
mußte, als bei den abgerissenen, durch längere Pausen voneinander 
getrennten Bruchstücken. 

Es kaim wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Kranken 
ihre Äußerungen wirklich von dem leeren Blatte ablesen, genau so, 
wie sie auf Anregung bei geschlossenen Augen die mannigfaltigsten 
Gesichtserscheinungen haben, unter denen sich auch Buchstaben und 
Worte befinden können. Wir dürfen hier daran erinnern, daß es 
auch dem Gesunden gelingen kann, beim Einschlafen mit geschlossenen 
Augen Schriftzeichen vor sich auftauchen zu sehen, die sich ent- 
ziSem lassen und ganz ähnliche, inhaltleere, zusammenhangslose 
Proben liefern, wie wir sie soeben mitteilten. Die Störung im 
Alkoholdelirium stellt sich somit nur als Steigerung eines Vorganges 
dar, der unter besonders günstigen Bedingungen auch im gesunden 
Leben zustande kommen kann. Daß femer auch im Traume die 



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76 

eigenartigeii AnfierongeD hie tmd da als 0«Gäcl]tiStHlder eredieinen 
and ftbgelesen werdeD, wurde schon früher errUntt. Wie wir bei 
einzelnen unserer Beispiele annehmea zu durf^i i^ubten, daß die 
sprachlicben Bew^:«ngsT0T8telluBgen, losgelöst Tom YorstellongS' 
verlaufe, selbständig im BerroBtsein softauehen, so scheint auch den 
Q«aichtshiMem die Möglichkeit offen za stehen, aal innere Beize hin: 
sich herrorzudrangen. Bei den sprachlicben G^börsvorstellungen 
geschieht das ans naheliegenden Qründen noch unendlich viel häufiger 
und sinnfälliger. Vollzieht sich dieses halluzinatorische Hervortreten 
der verschiedenen Sprachbestandteile wirklich ohne allen Zusammen- 
hang mit dem Gedankengange, so bildet das Ergebnis «ine inhalt- 
leere Folge von sinnlosen, gesprochenen, gelesen^i oder gehöi-ten 
Worten oder Lauten. Auch bei den Gehörstäuschungen kann man 
das gelegentlich deutlich beobachten. Freilich spielen die Wortklang- 
bilder für unser Denken eine so maßgebende Bolle, daß sie nur 
verhältnismäßig selten sinnliche Selbständigkeit erlangen, ohne mit 
dem Bewußtseinsinhalte in Beziehung zu bleiben. 

Es würde uns bei dieser kurzen Übersieht über die der Traum- 
sprache verwandten Erscheinungen zu weit führen, wenn wir alle bei 
verschiedenen Formen deslrreseins überhaupt vorkommenden StöniDgen 
der Wortfindung und der Bede hier eing^end besprechen wollten. 
Wir werden es daher an dieser Stelle unter laeaen können, die 
Sprachstörungen der Manie, der Epilepsie und Hysterie, des Alters- 
blödsinns und der Idiotie sowie mancher anderer, seltenerer Eraok- 
heitsformen zu behandeln, teils weil sie für die Klärung der uns 
beschäftigenden Fra^n nichts Verwertbares bieten, teil^ weil nicht 
g^ügende Beobachtungen rorUegen, die es gestatten würden, fruchte 
bare Vergleiche zu ziehen. Nur so viel sei hier kurz angedeutet, daß 
ans in der Manie neben Wortverdrehungen durch Anklänge und 
Beime öfters ein Wort^eklingel begegnet, das ganz an die von uns 
berichteten Traumbeispiele erinnern kann. Bei Epileptikern treten 
Sprachstörungen namentlich im Anschluß an Anfälle auf; meist 
handelt es sich um Wortfindungsstörungen, auch wohl um Agramma- 
tismus, sehener um Neubildungen. Die senilen Erkrankungen pflegen 
einerseits die Erstdieinungen des Haftens, andererseits m^ir odelr 
weniger ausgeprägte paraphasische Störungen darzubieten, während 
vrir bei den Idioten ebenfalls häufig sehr deutliches Haften, sodann 



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77 

aber natürlicli dem der Idndlichea Entwicklungsstofe eigentümlichen 
Agrammatigmus beobachten. Atich bei H^eterischen kommt öftere 
Ägrammatismus vor, aber als Nachahmung der kindlichen Sprecfa- 
weise. 

Wenn die Verwandtschaft aller dieser Kj-ankheitszustände mit 
dem Traume auf dem Glebiete der Bprachstörungen nur eine sehr 
entfernte ist, so ergeben sich eine Reihe merkwiü'diger Aiuilichk^t«a 
hinsichtlich der Dementia praecox. Zunächst ist darauf hinzuweisen, 
dafi die Neigung zu entlegenen, gesuchten Wendungm, vie wir sie 
bei den Yerscbiebungsparalogten kennen gelernt haben, eine sehr 
verbreitete Eigentümlirdikeit d^: Kranken nüt Dementia {n-aecox 
bildet. Wir nehmen gewöhnlich an, daß bei ihnen geradezu ein 
Trieb bestehe, die nächstliegende, natürliche Ansdruckeweise zu Ter- 
meiden und ungewöhnliche, ja selbsterfnndene Wendungen an deren 
Stelle zu setzen, ähnlich, wie wir uns das Zustandekommen der 
manimerten Bewegungen denken. Aus den Erfahrungen der Traum- 
sprache wissen wir jedoch, daß gesuchte Ausdrücke auch ohne dahin 
zielende Absicht zutage gefördert werden können, indem aus ii^end- 
^nem Grunde die Auffindung der nächstliegenden Wendung erschwert 
ist; das Gefühl, etwas Ungewöhnliches zu sagen, f^t dabei voll- 
ständig. Es muß dahin gestellt bleiben, ob ähnliche Vorgänge sich 
aod^ in der Dementia praecox abspielen können, doch wird man 
angesichts der mannigfachen Willensstörungen in dieser Krankheit 
die Möglichkeit immerhin zugeben dürfen. Dabei könnte das Hinder- 
nis, das den natürlichen Ablauf des Wortfindungsvorganges stört, 
etwa der Negativismus sein, indem er die zunächst auftauchenden 
Vorstellungen und Willensregungen unterdrückt. Die Manieriertheit 
in Sprache und Handeln wäre dann nicht unmittelbar vom Kranken 
gewollt, wie es dem Beobachter erscheint, sondern sie wäre ein Aus- 
weg, auf den er unwillkürlich gedrängt wird, sobald durch die all- 
gemane Störung des Negativismus der nächste Weg für die Be- 
tätigung verlegt würde. Wie im Trwime, brauchte der Kranke sich 
in diesem Falle der Absonderlichkeit seiner Reden gar nicJit beniiBt 
zu sein. Wenn eine Kranke z. £. sagte, die von ihr empfundenen 
•Narkosem seien >etwa« heißfühlend« gewesen, so ist das eine ganz 
ähnliche Verschiebungsparalogie wie unser "aufmerksames Gut- 
achten. (171). 



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78 

Ob unsere Erklärung, die manche Erscheinungen, namentlich 
bei den hebephrenischän Formen, unserem Verständiiit! näher 
bringen könnte, geeignet ist, auch nur das gaiize Gebiet der >Sprech- 
manieren* zu erhellen, ist wohl zweifelhaft. Namentlich die bei den 
Kranken häufiger hervorteetende Neigung, mit Verkleinerungssilben, 
mit gleichartigen Verdrehungen, in bestimmter Mundart zu sprechen, 
deutet darauf hin, daß neben der Behinderung der natürlichen Aus- 
drucksweise doch auch noch besondere sprachliche Nebenantriebe 
mit hineinspielen können. Allerdings werden wir wohl diese Form 
der Manieriertheit von dem einfachen Auftauchen absonderlicher, ge- 
suchter Wendungen zu unterscheiden haben. Beachtenswert ist es 
übrigens, daß uns auch im Traume hie und da das Sprechen in 
mundartlich gefärbter Ausdrucksweise, namentlich aber in fremden 
Sprachen, begegnet ist. Unsere Kranken hören wir nicht ganz selten 
gerade so ein unsinniges Kauderwelsch mit dem Ansprüche vor- 
bringen, es handle sich um eine fremde Sprache. Dürften wir hier 
nach den Tramnerfahrungen urteilen, so brauchten sich die Kranken 
der Sinnlosigkeit ihrer Reden gar nicht bewußt zu sein. 

Bei weitem die überraschendste Ähnlichkeit zwischen Traum und 
Krankheit hefert uns jedoch die Betrachtung der sprachlichen Neu- 
bildungen. Sie sind bekanntlich bei der Dementia praecox recht 
häufig und erreichen in den Fällen von Sprach Verwirrtheit, deren 
klinische Stellung in der großen G-ruppe freilich noch nicht genügend 
geklärt ist, eine ganz unerhört« Ausdehnung und Mannigfaltigkeit. 
Greifen wir aus der Krankengeschichte eines solchen, auch von mir 
schon beobachteten Falles*) ganz beliebig einige Ausdrücke heraus, 
Figuranzen, Euderament«, Quecksilberhering, Lixivialien, pikonieren, 
AledarÜvsolo, Spießglanzbankier, ludotorontin, hongrif, lafekterimente, 
romblif usf., so springt die völlige Übereinstimmung mit den im 
Traume gelieferten Neubildungen ohne weiteres in die Augen. Wie 
dort, sehen wir manche Woi-te aus sinnvollen Bestandteilen zusammen- 
gesetzt (Quecksilberhering, Spießgianzbankier) , während andere 
[ludotorontin, hongrif, lafekterimente, romblif J völlig willkürliche 
Sübenanhäufungen darstellen. Bei einer dritten Gruppe aber lassen 
sich noch Anklänge an wirkliche Worte erkennen, freilich in mehr 

!■ Otto, Ein seltener Fall von Verwirrtheit, Diss. München, 1889. 



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79 

oder weniger stark veräßderter Ponn (Piguranzen, Ruderamente, 
pikonieren), und endlich begegnen uns Bildungen, die, wie Lixivialien, 
Aledartivsolo, keinerlei Sinn mehr erraten lassen, immerhin abernoch 
den Eindruck wirklieber Worte machen. Wir haben' früher gesehen, 
daß sich im Traume mit solchen Neubildungen ganz bestimmte,, oft 
allerdings sehr unklare Vorstellungen verbinden können, daß femer 
diese Vorstellungen Tielfach verwickelte, nicht einfach benannte siild, 
endlich, daß die neugeschaffenen Bezeichungen sehr gewöhnlich ein 
fremdsprachiges Gepräge trugen. 

Auch die Erfindungen der Kranken treten überwiegend in der 
unverkennbaren Form von Premdworten auf, wie schon die obige 
Aufzählung lehrt, die sich leicht ins ungemessene fortsetzen ließe. 
Wenn wir aus der geradezu verblüffenden äußeren Ähnlichkeit der 
Wortneubildungen in Traum und Krankheit weitere Schlüsse auf 
gewisse Übereinstimmungen des inneren Geschehens wagen dürfen, 
so Hegt die Annahme nahe, daß die Kranken mit Sprachverwirrtheit 
ähnlich sinnvoll und verständlich zu sprechen glauben, wie wir im 
Traume, eine Vermutung, die übrigens angesichts der ruhigen Sicher- 
heit, mit der sie üire Reden halten, schon öfters ausgesprochen worden 
ist Natürlich soll damit nicht gesagt sein, daß etwa der Gedanken- 
gang der Kranken ein völhg klarer und zusammenhängender sei. 
Vielmehr bestehen sicherlich schwere Störungen, wie ja auch im 
Traume zwar einzelnen sinnlosen Reden ein bestimmter Inhalt 
entspricht, nebenbei aber eine Reihe von tiefgreifenden Be- 
nträchtigungen des Gedankenganges besteht. Nur daran darf man 
ielleicht denken, daß die absonderlichen Reden der Kranken nicht 
infach > Unsinn«, noch viel weniger etwa absichtliche Erzeugnisse 
übermütiger Laune darstellen, sondern der Ausdruck einer dgen- 
tümlichen Woi-tfindungsstÖrung sind, die derjenigen des Traumes 
nahe verwandt sein muß. Möglicherweise könnte durch irgendwelche 
Krankheitsvorgänge die Auffindung der gewöhnlichen sprachUchen 
Bezeichnungen unmöglich gemacht oder doch sehr erschwert sein, so 
daß sich der Kranke dadurch, wie nach unserer früheren Annahme 
zum Gebrauche ungewöhnlicher Wendungen, so hier zu Wortneu- 
bildungen gedrängt sähe. Ganz ähnlich werden wir uns ja docli 
wohl den Vorgang im Traume und, wie wir hinzufügen können, bei 
der sensorischen Aphasie vorzustellen liaben. Auch die Möglichkeit 



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ist. zu erwäimeu, daB imeere Kranken unter Urngtänden nicht itnr 
neue Wortei, eondem auch neue Vorstellungen hEiben. Manche Er- 
fahrungrai scliemen die veitverbreitete Meinung zu Bttitsen, daß eicli 
aa^ dem krankhaften Boden aueh krankhafte Bewußtseinsvorgänge 
abspielen, für die der Kranke nun neue Bezeichnungen erfinde, wie 
das >Humnierknacken<, >BombenberBten< , die >DeE^mierung*, 
•Kachtsabhörerei«, die »geistigen Verechleudeningen' usf. Für dra-- 
artige Bezeichnungen, die bestunmte Formen der Beeinäussung wied^- 
geben sollen, ist die absichtliche Erfindung ohne weiteres zuzugeben. 
Dennoch werdrai wir ^en erheblichen Teil der Neubildungen doch 
-wobl als einfache Wort&idungsfehler an Stelle der richtigen, sich 
nicht eiBBtellenden B«iennuDgen aufzufassen haben, wie es ja au<^ im 
Traume zweifellos zutrifft. 

Außer den Neubildungen ist der Sprachverwirrtheit und der 
Traumsprache noch die Häufung eigentümlich sinnloser Wendungen 
gemeinsam, die wir wohl als akataphasische Störung auffassen dürfen- 
'Das Hühnchen unbedeutend auslassen«, »ängstlich angedeuteter 
Mißsiand', »der fragmentarische erste August*, »ach bereiteten er- 
quicken- sind solche Wendungen aus dem Traume. Wir töimen 
ihnen von dem obengenannten Kranken gegenüberstellen: »den Blei- 
stift dicker ereignen*, »großjährig abnormer Hengst*, »unglücklicher 
Erker der Znk«nft>, »gequacktes Türkisch -Kot*, »Operativkliniker 
berücksichtigend geschwollen» usf. Es ist indessen nicht zu ver- 
kennen, daß derart verblüftende Wortfolgen bei der Sprachverwirrt- 
heit ganz tmvergleichlich häufiger sind, als im Traume. Allerdings 
bringen auch die Kranken einzelne gut verst^dlicbe Sätze vor, 
namentlich als Antworten auf Fragen, aber sie kommen dann sehr 
rasch wieder in ihren erstaunlichen Vorstellungsmisdimasch hinein, 
bei dem nur die allgemeine Satzform leidlich gut erbalten zu bleiben 
pflegt. Dagegen tragen im Traume gewöhnlich nur einzelne Wen- 
-dui^n das Grepräge des völlig Unverständlichen; dazwiscben schieben 
sich regelmäßig Worte, Wendungen und ganze Sätae, die gar keine 
Störung erkennen lassen. Es muß daher zweifelhaft bleiben, ob sicdi 
die Heden Sprachverwirrter in ähnlicher Weise, wie es bei vielen 
Traumreden gelingt, grundsätelich dahin würden enträtseln lassen, 
daß sie einen einigermafieti verständlichen Sinn liefen. Jedenfalls 
spielen in sie noch Störungen hinein, die im Traume fehlen oder 



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81 

doch weit schwächer wirken. Dahin gehört ziinächBt das Haften, 
das wir im Traume nur ganz gelegentlich beobachten, das aber 
bei der Sprachverwirrtheit regelmäßig stark hervortritt. Sodann 
scheint die Ablenkbarkeit die Keden der Kranken weit mehr zu 
beeinflussen, als diejenigen des Traumes. Ihre Wirkung ist das 
Abspringen von einer Vorstellung zur andern, wie wir ihnen bei 
den Entgleisungaparalogien begegnet sind. Gerade die fast un- 
unterbrochene Folge immer von neuem überraschender Vorstellunga- 
verbindungen , die man außerstande ist willkürlich nachzuahmen, 
dürfte bei den Kranken zum guten Teile auf Entgleisungen zurück- 
zuführen sein. 

Dazu kommt aber dann noch ein weiterer Umstand. Die Kran- 
ken sind gewöhnlich sehr redselig und gefallen sich darin, bei ge- 
gebener Grelegenheit ihre mit großer Geläufigkeit ablaufenden Eeden 
vorzutragen. Offenbar haben sie so wenig wie wir im Traume ein 
Gefühl für die Unsinnigkeit ilirer Äußerungen, halten sie anscheinend 
sogar für besonders gut gelungen. Wir werden dadurch an das 
Wortgeklingel erinnert, an das Vorbringen hochtönender, meist 
rhythmisch gegHederter Wendungen im Traume ohne irgend ver- 
ständlichen Inlialt; auch dort glaubten wir, sehr schön zu sprechen. 
Es scheint sich dabei um eine Form der Befriedigung zu handeln, 
die wesentlich aus dem Flusse der sprachlichen Bewegungsvorstellungen 
hervorgeht und derjenigen verwandt sein dürfte, die aus anderen 
Ausdrucksbewegungen, aus dem Singen, Tanzen, der Nachahmung, 
dem sinnlosen Lallen der Kinder entspringt. Im wachen Leben 
wird die Freude an klingenden Redensarten durch die Rücksicht auf 
den Gedankeninhalt in den richtigen Schranken gehalten, wenn wir 
auch die Schönredner nicht zu selten sich selbst an nichtssagenden, 
aber klangvollen Wendungen berauschen sehen. Bei den Kranken 
pflegt sich in der Rege! eine bestimmte persönliche Manier ihrer 
Reden herauszubilden; sie sprechen in einem gewissen Tonfalle, haben 
Lieblingsausdrücke und Wendungen, die immer wiederkehren, ent- 
. wickeln ihre meist langatmigen Sätze in annähernd gleicher Weise 
und geraten gewöhnlich rasch in die Form des rednerischen Vor- 
trages. Die Annahme liegt daher nahe, daß bei den Kranken mit 
ausgeprägter Sprachverwirrtheit neben den besprochenen Störungen 
eine gewisse Redefreudigkeit besteht, die sie veranlaßt, gerade darauflos 

Kriepelin, 3pncliat6niDgeii. g 



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zu reden, was ihnen auf die Zunge kommt, ähnlicli wie es bei den 
sogenannten Bierreden geschieht, die ebenfalls unter dem Einflüsse 
einer psychomotorischen Erregung bei Lähmung der höheren Ver- 
standesleistungen und des Gedankenganges zustande kommen. Da 
den Kranken, wie wir im Hinblick auf ihre zahlreichen paraphasischen 
Wortbildungen wohl vermuten dürfen, die Fähigkeit einer sprach- 
gerechten Überwachung und Verbesserung ihres Redestromes mehr 
oder weniger verloren gegangen ist, schwindet in diesen Entäußerungen 
eines ungezügelten Sprechdranges vielfach auch die letzte erkennbare 
Spur des Gedankenganges, den wir nach den Traumerfahrungen 
doch wohl hinter den sprachverwirrten Äußerungen suchen müssen, 
wenn auch abspringend, zusammenhangslos und von leerem Wort- 
schwall überwuchert. In der Tat ist es jedoch hie und da auch 
noch möglich, in ganz allgemeinen Umrissen etwa zu erkennen, welche 
Gedanken den Kranken bewegen. 

Sprachverwirrte Kranke können mit ihren geläufigen, halb un- 
versülndlichen Iteden auf den ersten Blick an sensorisch Äphaeische 
erinnern. Allein die Redseligkeit der Aphasischen entspringt nicht 
sowohl der Freude an der sprachlichen Betätigung, als vielmehr dem 
Bedürfnisse, sich der Umgebung irgendwie verständlich zu machen. 
Sodann ist das Kauderwelsch der Aphasischen in erster Linie be- 
herrscht von Wortfindungsstörungen, denen sich akataphasische und 
agrammatische Fehler nur in beschränkterem Umfange zugesellen. 
Bei den Sprachverwirrten treffen wir aber weiterhin auch noch zweifel- 
lose Denkstörungen, wie wir ihnen im Traume ganz ähnlich begegnen. 
Besonders zahlreich scheinen metaphorische Paralogien zu sein. Aus 
den Reden des schon mehrfach erwähnten Kranken führe ich einige 
Beispiele an: 

»Ich werde bo frei sein, ein kleines Konzert zu machen", bei der Aufforde- 
rung, za schreiben. 

»Ich muß gemde Eriegaministerdienst« inachem für >gehen und den Tisch 
decken«. 

>Ich rauche keine Zigarre, weil sie etwas dünner gesotten ist; ich habe 
selber die schönsten Brillen zu Hause >, beim Anbieten einer Zigarre. 

iSie können wohl ihre Axillaris hier fortsetzen« für >hier noch eine Zeit- ' 
aug schreiben«. 

•Ich gehe hinein, den Tiach decken; das ist mein Eigentum < fiir >inein be- 
sonderes Amt'. 

• Machen Sie sich kein Vergnügen daraus' für >machen Sie eich nicht die 
mibe: 



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83 

>SanisUg muß ich die Elnmpfel auBwaEcheii' für >muß ich baden<.. 

•Inb möchte Sie einliideii zu einem kleinen Konzert in puncto der HerkuleB- 
arie* für lich möchte Ihnen dies Schriftstück zeigenc. 

•Und nun wäre die Verkehrsanstalt zu Ende< für >die Zeit zur Unter- 
haltung'. 

>Die Zigarre, die offeriert ist, habe ich nicht gleich berechnen dürfen, weil 
ich den Inhalt in etwas dickerem Käse eingeliefert liabe> für >Die Zigarre habe 
ich nicht annehmen dürfen«. 

Die Deutung der Paralogien kann bier natürlich nur aus der 
ganzen Sachlage erschlossen werden, da der Kranke über seine wirk- 
lichen Gedanken keine Auskunft zu geben vermag, Dennoch zeigen 
■die aogeführten Beispiele eine leidliche Übereinstimmung mit den- 
jenigen des Traumes. Bei einzelnen kann man vielleicht zweifelhaft 
sein, ob es sich nicht um einfache Wortfindungsfehler handle; meist 
aber ist es wohl klar, daß wir es mit einem assoziativ angeregten 
Nebengedanken zu tun haben, der an Stelle der ursprünglich vor- 
schwebenden Vorsteliungsreihe zum sprachlichen Ausdrucke gelangt. 
Im dritten Beispiele wird zunächst die richtige Antwort gegeben, 
dann aber sogleich noch durch eine Paralogie umschrieben, Be- 
merkenswert ist im letzten Beispiele, dem wir leicht noch andere, 
ähnliche anreihen könnten, die Anknüpfung eines ganz unsinnigen 
Nebensatzes an die erste Paralogie; wir sehen daraus, wie der Wort- 
schwall den Kranken gewissermaßen fortreißt. Auch der Zusatz 
>in puncto der Herkulesarie« im drittletzten Beispiele ist wohl ähn- 
hch zu beurteilen. 

Jedenfalls können wir aus diesen Erfahrungen den Schluß ziehen, 
daß bei der Sprachverwirrtheit neben den Störungen der Wortfindung 
und der sprachlichen Gedankentassung auch solche des Gedanken- 
ganges selbst vorhanden sind, die zum Teil denen des Traumes sehr 
ähneln. Gerade diese Ausdehnung der Störung auf die ganze Reihe 
der Gebiete, welche bei der Entstehung der Sprache zusammen- 
wirken, weist darauf hin, daß die Sprachverwirrtheit bei der De- 
mentia praecox von allen besprochenen krankhaften Erscheinungen 
der Sprachstörung des Traumes am nächsten steht. Von den Vor- 
gängen des gesunden Lebens ist diesen letzteren am meisten verwandt 
das Versprechen und Verdenken bei hochgradiger Zerstreutheit. 
Andererseits gehen bei der Kindersprache wie bei der sensorischen 
Aphasie offenbar manche Vorgänge des geistigen Lebens imgestÖrt 



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84 

vonstatten, die unter den vorher erörterten Bedingungen irgendwie 
beeinträchtigt wurden. Es wird die Aufgabe weiterer, eindringender 
Zergliederung der sprachlichen Vorgänge und ihrer Störungen sein, 
die Art und Ausdehnung der begangenen Fehler in den verschiedenen 
Fällen genauer zu umgrenzen, um auf diese Weise die inneren Be- 
ziehungen der mannigfaltigen Leistungen aufzuklären, die beim Ab- 
laufe der sprachlichen Ausdrucksbewegungen ineinandergreifen müssen. 



VI. Znsiunnenflissnng. 

Der Versuch, die Beispiele von Sprachstörungen des Traumes 
nach bestimmten Gesichtspunkten zu gruppieren, hat uns gezeigt, daß 
dieselben eine sehr große Mannigfaltigkeit aufweisen. GEerade darin 
liegt ein Teil ihres besonderen wissenschaftlichen Wertes, indem sie 
uns lehren, wie ungemein verwickelt schon der Vorgang der inneren 
Sprache sein muß, wenn wir im Traume die allerverschiedenartigsten 
Störungen zur Ausbildung gelangen sehen. Bei einer großen Zahl 
von Fällen waren wir imstande, uns unmittelbar über die Vorgänge 
Bechenschaft zu geben, die zu der Entstehung der Febläußerungen 
geführt haben. Da die Sprachstörungen des gesunden, wachen Lebens, 
namentlich soweit sie die innere Sprache betreffen, niir einen sehr 
engen Spielraum besitzen, während wir bei den krankhaften Erschei- 
nungen unseres Gebietes wieder außerstande sind, ihre innere Ent- 
stehungsgeschichte zu verfolgen, so bieten die Sprachstörungen des 
Traumes, die an Ausdehnung und Vielseitigkeit denen der Kranken 
durchaus nicht nachstehen, eine überaus willkommene Gelegenheit, 
selber Zustände zu durchleben, in denen das wichtigste Werkzeug 
unseres Seelenlebens gewissermaßen unter unseren Händen versagt 
und seine Gebrauchs fähigkeit wiedergewinnt. 

Werfen wir zunächst einen Blick zurück auf die lange Beihe 
von Störungen, die wir im einzelnen besprochen haben, so erhalten 
wir die folgende Übersicht, in der überall die Zahl der berichteten 
Beispiele hinzugesetzt wurde: 

I. Störungen der Wortfindung (165). 

Ä. bei einfachen Allgemeinvorstellungen (88). 
1. Verstümmlung und Abänderung (9). 



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85 

2. Ersatz durch andere Worte (29). 

a. nach EJangrerwandtschaft (9). 

b. nach begrifflicher Verwandtschaft [12). 

c. Beziehungslos (8). 

3. Wortneubildungen (50). 

a. mit klanglicher Anlehnung (20), 

b. mit begriffhcber Anlehnung (10). 

c. willkürUch (20). 

B. bei IndividualvorstcUungen (48). 

1. Verstümmelung (6). 

2. Ersatz (8). 

3. Neubildung (34). 

C. bei verwickeiteren Vorstellungen |17). 

D. Sinnlose Neubildungen (12). 

IL Störungen der Eede (58). 

A. Störungen der sprachlichen Gedankenprägung, Akata- 
phaaie (36). 

1. Verschiebungsparalogien (7). 

2. EntgleisuTLgsparalogien (10). 

3. ElHpsen (10). 

4. Wortgekhngel (9). 

B. Störungen der sprachlichen Gliederung, Agrammatismus 
(22). 

1. Syntaktische Fehler (7). 

2. Telegrammstil (12). 

3. Agrammatische Bruchstücke (3). 

in. Störungen des Denkens (51). 

A. Unvollkommene Ausprägung des Gedankenganges (11). 

1. Gedankenlose Redensarten (7). 

2. Zusammenhangslosigkeit (4). 

B. Abgleiten des Gedankenganges (38). 

1. Metaphorische Paralogie (25). 

2. Vorstellungsmischung (13), 

3. Witzige Gegensätze (2). 



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Aus dieser Übersicht geht hervor, daß die Sprachstörungen des 
Traumes sehr verschiedene Abschnitte des Spracbvorganges betreffen 
können, und da;ß gewisa© Fehler besonders hänäg, andere weit seltener 
zur Beobachtung kommen. Allerdings kann bei unserer Sammlung 
der Zufall eine große Rolle gespielt haben, und es ist wahrschein- 
lich, daß die auffallenderen StÖrnngen, insbesondere die Wortneu- 
bildungen, leichter die Aufmerksamkeit des Träumenden erregten; 
dennoch dürfte die immerhin nicht ganz kleine Zahl von Beispielen 
wenigstens ungefähr ein Urteil über die verhältnismäßige Häufigkeit 
der einzelnen Störungen ermöglichen. 

Wenn eine sprachhche Äußerung zustande kommen soll, so muß 
zunächst der vorschwebende G-edanke bestimmt und klar ausgeprägt 
sein. Ist er verschwommen oder verworren, so entstehen die ge- 
dankenlosen Redensarten oder die Zusammenhangslosigkeit. Wir 
haben jedoch Grund, anzunehmen, daß auch bei den sinnlosen Neu- 
bildungen, beim Wortgeklingel und bei den agrammatischen Bruch- 
stücken in der Regel der Bewußtseinsinhalt mehr oder weniger un- 
klar ist, gelegentlich wohl auch noch bei einigen anderen Formen. 
Die Zahl solcher Beispiele würde unter dieser Annahme auf 30 — 40 
anwachsen. 

Weiterhin muß die vorschwebende Vorstellung die Möglichkeit 
finden, sich in sprachliche Form umzusetzen. Bei den metaphorischen 
Paralogien wie bei der Vorstellungsmischung geschieht das nicht, 
insofern im ersten Falle eine assoziativ angeregte Nebenvorstellung 
allein, im letzteren wenigstens zusammen mit der ursprünglichen 
Vorstellung zur sprachlichen Prägung gelangt. Bei den Verschiebungs- 
paralogien, die sich mit diesen Formen nahe berühren, wird der Ge- 
danke nicht Bo, wie er vorschwebte, sondern in unklarer, ungeschickter, 
mehr oder weniger entstellter Form wiedergegeben, während bei den 
Entgleisungsparalogien die beabsichtigte sprachhche Fassung durch 
das Eindrängen fremdartiger Bestandteile vereitelt wird. Die Ellipsen 
endlich sind dadurch gekennzeichnet, daß nur kümmerhche Bruch- 
stücke des Gedankenganges als unzusammenhängende Andeutungen 
den Anschluß an den sprachüchen Ausdruck erreichen. 

Eine besondere Aufgabe der Sprachbildung ist neben der Um- 
setzung der einzelnen Vorstellungen in Sprachsymbole ihre richtige 
Gliederung im Satzgefüge. Da es Sprachen gibt; die auf diese 



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87 

Gliederung yerzichten, so handelt es sich hier um eine Leistung, die 
für den Gredankenauadruck nicht unbedingt notwendig ist; sie wird 
ja auch vom Kinde erst erlernt, nachdem es sich Schon längst ver- 
ständlich machen kann, und sie kann, wie die Fälle von Agramma- 
tismus dartun, auch allein verloren gehen. Im Traume geschieht 
das jedoch verhältnismäßig nicht häufig. Wie gewisse Fehler der 
Kindersprache lehren, entwickeln sich allmählich eingeübte Gewohn- 
heiten, welche die Abwandlung der Worte und ihre Stellung im 
Satze regeln. Wir erinnern uns dabei an die in unseren Beispielen 
vielfach hervorgetretene Tatsache, daß wir offenbar auch hn späteren 
Lehen gewisse allgemeine sprachliche Einstellungen erwerben, die 
uns gestatten, unsere gesamte Ausdrucksweise im Sinne einer be- 
stimmten Sprache oder Mundart zu wählen, ohne daß wir auf Wort- 
schatz und grammatische Regeln im einzelnen besondere Rücksicht 
zu nehmen brauchen. Das geht mit überr£^chender Klarheit aus 
der Erfahrung hervor, daß wir im Traume, übrigens auch im Wachen, 
eine fremde Sprache in ganz sinnlosen Silbenanhäufungen sehr t^ffend 
nachzuahmen vermögen. 

Die bei weitem umfangreichste Gruppe unserer Beispiele bilden 
die paraphasiscben Wortündungsstörungen ; sie würde noch größer 
sein, wenn wir die bei den übrigen Formen auch gelegentlich mit 
vorkommenden Wortfehler hinzurechnen wollten. Die Art der Fehl- 
worte erinnert im allgemeinen an die Erfahrungen bei der Paraphasie, 
doch sind gewisse durchgreifende Unterschiede nicht wohl zu ver- 
kennen. Die einfachen Verstümmelungen und Abänderungen spielen 
hier, im Gegensatze zur Paraphasie, nur eine geringe Rolle; es 
handelt sich um 15 Beispiele unter 165. Allerdings ist es mög- 
lich, daß nur die auffallenderen Fehlworte die Aufmerksamkeit 
des Träumenden lebhafter beschäftigt haben und daher in größerer 
Zahl autgezeichnet wurden. Aber auch die Klangverwandtschaft, 
die ebenfalls bei der Paraphasie sehr erheblich mitwirkt, hat hier 
die Wortfindung nur in 29 Fällen irregeleitet, und das Haften, das 
dort so augenfälhg hervorzutreten pflegt, besitzt hier anscheinend 
kaum irgendwelche Bedeutung. Alle jene Fehler scheinen somit 
durch die äußere Sprache besonders begünstigt zu werden. Dagegen 
finden sich im Traume weit mehr Beispiele von begrifflicher Aiilehnung, 
als bei der Paraphasie, wo sie recht selten sind ; wir zählen 22 Fälle. 



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In ganz besonderem Grade kennzeichnend für die Tranmsprache aber 
sind die angemeiD zahlreichen WortneobOdongen, nicht weniger als 
113 Fälle, dnrch deren Häufigkeit sie sich wesentlich von den para- 
phasischen Störungen anterscbeidet. Gerade diese Äbweichnngen 
nahem sie den Erscheinungen der Sprachverwirrtheit an, bei der ja 
auch die Wortneubildnngen in so sehr auffallender Weise hervor- 
treten. 

Auf der anderen Seite ist es unverkennbar, daß die Wortfindungs- 
störungen im Tranme unter ganz ähnlichen Bedingungen stehen wie 
bei der Paraphasie. E^mal sind es die Eigennamen, bei denen auch 
schon im wachen Leben des Gesunden die Verwechslang der sprach- 
lichen Bezeichnung besonders leicht erfolgt, da sie einen weit weniger 
wesentlichen Beatandteil der Gesamtvorstellong bildet und daher mit 
deren Ken viel lockerer verknüpft ist, als bei anderen Vorstellungen. 
Sodann werden besonders gern nngewöhnhche oder fremdsprachige 
Bezeichnungen durch Fehlworte ersetzt, offenbar aus ähnlichen 
Gründen; wir dürfen annehmen, daß auch dort die Verbindung 
zwischen sachhchen und sprachlichen Vorstellungsbestandteilen weniger 
fest ist, also leichter gelockert wird. Schon beim Besinnen fallen 
uns ja derartige Bezeichnungen schwerer ein, als alltägUche und der 
Muttersprache entstammende Worte. Es ist möghch, daß auch bei 
der Sprachterwirrtheit die beiden hier genannten Gesichtspunkte von 
Bedeutung sind, wenn es auch schwer ist, sich darüber Klarheit zu 
verschaffen. 

Sehr merkwürdig ist die Erfahrung aus dem Traume, daß wir 
in einer gewissen Zahl von Fällen zu Wortneubildungen greifen, um 
verwickeitere Vorstellungen zu benennen, für die eine einheitliche, 
kurze Bezeichnung nicht vorhanden ist; 17 unserer Beispiele waren 
hierher zu rechnen. Wie es scheint, kommt dieser Vorgang bei der 
Paraphasie nicht zur Beobachtung, doch deuten manche Erfahrungen 
darauf hin, daß wir für die Sprachverwirrtheit Ahnliches anzunehmen 
haben. Dort hat man vielfach sogar geglaubt, einen großen Teil 
der Wortneuhildungen auf die Entstehung neuer, krankhafter Vor- 
stellungen zurückführen zu dürfen, für die eben dann auch neue 
Bezeichnungen geschaffen werden müßten. Es ist mir sehr zweifel- 
haft, ob diese Erklärung einen weiten Spielraum beanspruchen darf, 
doch ist sie wohl innerhalb gewisser enger Grenzen nicht ganz 



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89 

abzulehnen. Dagegen kann ich mich nicht davon Überzeugen, daß wir 
68 im Traume wirklich mit einer Neuschöpfung von Vorstellungen 
zu tun haben, die nun auch sprachliche Neubildungen erheischen 
würden. Vielmehr scheint es sich dabei wesentlich um Vorgänge zu 
handeln, die den Ellipsen ganz nahe verwandt sind; aus einer Gruppe 
von Vorstellungen gelangen nur einzelne Bestandteile, und auch diese 
vielleicht noch in verschobener oder paraphasischer Weise, zur sprach- 
lichen Ausprägung, so daß ein unverständliches Bruchstück in der 
Rede als Vertretung einer verwickelten Vorstellung auftritt. In der 
Tat lassen sich die vorschwebenden Vorstellungen, wie eine Muste- 
rung zeigt, im Wachen ohne Schwierigkeit vollständig und verständ- 
lich ausdrücken, so daG an sich keine Nötigung besteht, nach neuen 
Bezeichnungen zu suchen. Der Träumende aber hat die Herrschaft 
über den Wortschatz verloren, der ihm die sprachliche Fassung er- 
möglichen würde, und er greift nun in ähnlicher Weise zu unvoll- 
kommenen Notbehelfen, wie wir es tun, wenn wir uns in einer frem- 
den, uns gar nicht mundgerechten Sprache ausdrücken sollen. Unter 
diesem Gesichtspunkte scheinen mir die Wortneubildungen für ver- 
wickeitere Vorstellungen eine ähnliche Bedeutung zu haben wie die 
Verschiebungsparalogien, als deren Entstehungsursache wir auch nicht 
das geflissentliche Suchen nach entlegenen Ausdrücken, sondern die 
Unfähigkeit zum Auffinden der nächstliegenden Wendungen ange- 
nommen hatten. 

Nicht ohne tiefere Bedeutung ist zweifellos die Tatsache, daß 
die übergroße Mehrzahl der sprachlichen Wortneubildungen das Ge- 
präge des Fremdsprachigen trägt. Äußer den 27 Fällen, die aus- 
drücklich als Übersetzungen in andere Sprachen gedacht wurden, 
findet sich eine Unmenge von Beispielen, die unverkennbar in der 
Form des Fremdwortes auftreten; ihnen gegenüber stehen die der 
Muttersprache angehörigen Neubildungen ganz im Hintergründe. 
Ähnliche Beobachtungen machen wir bei der Sprachverwirrtheit, die 
ebenfalls eine gewisse Vorliebe für fremdldingende Neubildungen 
aufweist. Wir dürfen hier wohl an den Umstand eritmern, daß 
nahezu alle neuen Wörter, die wir seit der Erlernung unserer Mutter- 
sprache in frühester Jugend überhaupt kennen lernen, fremdsprachige 
sind, und daß insbesondere die ungeheure Bedeutung, die den frem- 
den Sprachen in unserem Schulbetriebe zukommt, wenigstens den 



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90 

gebildeteren Klassen die Angliederung fremdklingender Ausdrucke und 
deren Eintreten für die Bezeichnungen der Muttersprache zu einem 
ganz alltäglichen Vorgange werden läßt. Weiterhin ist zu berück- 
sichtigen, daß wir fremde Sprachen nicht, wie die Muttersprache, 
mit dem Ohr, sondern zunächst vorzugsweise mit Hilfe von Gesichts- 
bildem und von Sprachbewegungsvorstellungen zu lernen pflegen, 
daß wir also vielleicht über deren Bestandteile verhältnismäßig leicht 
verfügen, wenn der sonst maßgehende Einfluß zerstört ist, den die 
Klä,ngbilder der Muttersprache ausüben. Es schien mir auch, daß 
jene fremdsprachige Färbung der Neubildungen bei Kranken, die nur 
ihre Muttersprache kennen, gar nicht oder sehr viel schwächer her- 
vortritt. 

Dazu kommt endlich, daß fremdsprachige Bezeichnungen, die 
als Vertreter irgendwelcher Vorstellungen auftreten', dabei weit weniger 
Widerstände zu überwinden haben, als Neubildungen aus der Mutter- 
sprache. Bei diesen letzteren tauchen doch in der Regel mehr oder 
weniger deutlich noch die Nebenvorstellungen auf, die sich an die 
Einzeiglieder des sprachlichen Ausdruckes anknüpfen. Gerade darin 
hegt ja der unermeßliche Wert der Sprachreinheit, daß sie eine reiche 
Fülle von Begleitvorstellungen mit anregt, durch die der Sinn jeder 
Wendung bis in seine Tiefen hinein erhellt wird. Dem gegenüber 
bildet das Fremdwort, selbst wenn wir imstande sind, uns seine Zu- 
sanmiensetzung klarzumachen, doch nur in groben Umrissen eine 
Vertretung des von ihm bezeichneten Begriffes; die inneren Be- 
ziehungen seines sprachhchen Inhaltes zu den Einzelheiten der voi^ 
schwebenden Vorstellung bleiben undurchsichtiger, und die Verbindung 
wird daher vielfach als eine rein willkürliche empfunden. Bei der 
Muttersprache dagegen, wo die Begriffsbildung zum großen Teile erst 
mit Hilfe der Sprache vor sich geht, ersclieint sie als eine innerliche 
und unlösbare. Bei den abgezogenen Allgemeinvoiätellungen können 
ja schließlich die sprachlichen Bezeichnungen den Hauptbestandteil 
bilden, an den sich nur spärhche und verschwommene sachUche Vor- 
stellungsreste anknüpfen. Diese sprachlichen Ausdrücke gehen daher 
auch bei einer Erschwerung der Wortfindung zu allerletzt verloren. 
Aus ähnlichen Gründen werden geläufige Wörter der Muttersprache, 
da sie in besonders inniger Verknüpfung mit den von ihnen ver- 
tretenen Vorstellungen stehen, weit weniger leicht für versagende 



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91 

sprachliche Bezeichnungen eintreten können , als fremdsprachige 
Bildungen, die nur locker oder gar nicht mit Sachrorstellungen ver- 
hunden sind. Sie haben eine viel größere Unabhängigkeit und Be- 
weglichkeit, allerdings auch einen unklareren und verschwommeneren 
Inhalt, Eigenschaften, die ihr Auftreten in Form von Fehlworten 
begünstigen müssen. 

Leider ist es mir nicht möglich gewesen, die Frage zu unter- 
suchen, welche persönlichen Unterschiede in der Glestaltung der 
Traumsprache bestehen; dazu wären sehr viel ausgedehntere Beob- 
achtungen nötig gewesen. Die Hauptmasse der Beispiele stammt 
von lierselben Person; von anderen verfüge ich nur über kleinere 
Beobacbtungagruppen , die eine zuveriässige Vergleichung nicht' ge- 
statten. Eine Person lieferte 17 Beispiele. Darunter befanden sich 
auffallenderweiee 14 Sätze und nur ein Wort sowie zwei kürzere 
Wendungen. Es wäre Jedoch verfehlt, daraus schon auf eine Neigung 
zu längeren Reden im Traume zu schließen, da wir ja nicht wissen, 
ob nicht bei geringerer Aufmerksamkeit auf die hier besprochenen 
Erscheinungen eben nur die längeren Reden hafteten, während die 
einzelnen absonderlichen Wörter in sonst verständlichen Sätzen ver- 
nachlässigt wurden. Auch die zahlreichen Wortfind ungsfehler unserer 
Übersicht bildeten in Wirklichkeit Bestandteile von Reden, von denen 
jedoch dem Träumenden immer nur Bruchstücke in Erinnerung 
blieben. Beachtenswerter ist schon die Erfahrung, daß von den 
Beispielen der genannten Person 4 ausgesprochen rhythmisch ge- 
formt waren, und daß 5 Beispiele als vermeintliche Zitate wieder- 
gegeben wurden; 2 jener versartigen Reden waren unzweifelhaftes 
Wortgeklingel. Diese Umstände deuten im Vergleich mit den übrigen 
Beobachtungen darauf hin, daß jene Person im Traume besonders 
geneigt war, in gehobenem Stile zu sprechen. Die wenigen Beispiele 
verteilten sich nach der Art der Störungen dahin, daß es sich sechs- 
mal um Wortfindungsfehler, dreimal um akataphasische und siebenmal 
um Denkstörungen handelte. Diese letzteren nahmen somit einen 
unverhältnismäßig großen Raum ein. Besonders beachtenswert ist 
es, daß nicht weniger als 5 metaphorische Paralogien vorkamen, un- 
gefähr dreimal so viel, als man nach der Gesamtzahl der Beobachtungen 
hätte erwarten sollen. Die Neigung zu bildlicher Redeweise war 
also hier im Traume besonders ausgeprägt. Wenn man will, kann 



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92 

man diese Eigentümlichkeit mit der vorhin erhohenen in Yerhindimg 
hringen, und man würde damit auch der im Wachen erkennbaren 
Eigenart der betreffenden Persönlichkeit gerecht werden. 

Die klinischen Beziehungen, wenn ich mich so ausdrücken darf, 
welche die Traumsprache zu bestimmten Erkrankungsformen auf- 
weist, legen den Wunsch nahe, sich darüber ^Rechenschaft zu geben, 
wie weit sich die mannigfaltigen Abweichungen, die in unseren Bei- 
spielen hervortreten, etwa auf gewisse allgemeinere Grundstörungen 
zurückführen lassen. Könnten vrir darüber Klarheit erlangen, so 
würde nicht nur auf jene Erkrankungen neues Licht fallen, sondern 
wir würden auch die dort bereits gewonnenen Gesichtspunkt« viel- 
leicht zum Verständnis der Traumstörungen nutzbar machen können. 
Wir werden uns nicht verhehlen dürfen, daß wir für ein tieferes 
Eindringen in die hier der Lösung harrenden Fragen noch recht 
unvollkommen vorbereitet sind. Insbesondere fehlt es auch an einer 
gründlicheren Erforschung mancher jener Vorgänge, deren Verwandt- 
schaft mit der Traumsprache wir hier kurz berührt haben. Dennoch 
ist es vielleicht gestattet, wenigstens die Kichtungen anzudeuten, in 
denen sich die weitere Aufklärung der Traumsprache voraussichtlich 
bewegen wird. 

In erster Linie ist es klar, daß wir es im Traume mit einer 
Störung der Wortfindung zu tun haben, die der sensorischen 
Aphasie ungemein nalie steht. G-enau wie dort ist der Einfluß der 
Wortklangbilder auf die SpraehbewegungsvorsteUungen schwer beein- 
tnichtigt. Infolgedessen setzen sich einerseits die Sachvorstellungen 
in verstümmelte, falsche oder gänzlich neugehildete Worte um ; anderer- 
seits sprechen wir diese Worte im Traume unbedenklich aus, ohne 
ihre Entstellung, ihre völlig andere Bedeutung oder ihre Sinnlosigkeit 
irgendwie . zu bemerken. Weiterhin ereignet es sich nicht selten, daß 
eine umfangreiche Vorstellungsreihe nur in einzelnen, zusammenhangs- 
losen Bruchstücken sprachlichen Ausdruck findet, und endlich können 
die sprachlichen Bewegungsvorstellungen, namentlich in rhythmischer 
Gliederung, ohne jede Beziehung zu einem Gedankeninhalte, nur als 
tönendes Wortgeklingel, den Träumenden entzücken. Tfl^ur hie und 
da einmal kommt uns in allen diesen Fällen das Auseinanderweichen 
von Voi'stellungsinhalt und sprachhchem Ausdrucke irgendwie zum 
Bewußtsein. Wir empfinden unsere Äußerung als verkehrt oder, 



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93 

weit häufiger, als komiacli, witzig, oder endlich, am häutigsten, 
als fremdsprachige Übersetzung, die wir hinnehmen, ohne uns über 
' die sprachliche Ableitung im einzelnen weiter Ilechenschaft zu 
geben. 

Schon häufig ist darauf hingewiesen worden, daß wir im allge- 
meinen die Muttersprache wesentlich anders erlernen, als die später 
hinzutretenden fremden Sprachen. Wenn man absieht von den be- 
ziehungslosen lallenden Lauten der ersten Kindheit und etwa einzelnen 
Interjektionen , sind die ursprünglichsten Spracbvorstellungen des 
vollsinnigen Menschen ausnahmslos Wortklangbilder, an die sich 
dann die Sacbvorstellungen anknüpfen. Ihnen folgen erst weiterhin 
mit der Ausbildiing des SprachvermÖgens , das ja naturgemäß dem 
Sprach Verständnisse nachhinkt, die fast immer zunächst auch von Ge- 
hörs Wahrnehmungen begleiteten sprachlichen Bewegungsvorstellungen. 
Es ist daher vollkommen verständlich, daß die Wortklangbilder in 
allererster Linie die sprachlichen Bestandteile der Vorstellungen 
liefern, und daß sie den regelnden Einfluß auf den Ablauf der 
Sprachbewegungen, den sie von Anfang an besaßen, auch im weiteren 
Verlaufe der sprachlichen Entwicklung beibehalten. Wir haben uns 
offenbar ihr Verhältnis zum Sprechen ganz ähnücb zu denken, wie 
dasjenige der Grelenkempfindungen zu der Ausführung von Bewegungen. 
Wir sind imstande, zu sprechen und uns zu bewegen, auch wo die 
Führung durch die Wortklangbilder oder durch die Gelenkempfin- 
dungen verloren gegangen ist, aber Sprache wie Bewegungen ge- 
raten ungemein leicht auf falsche Bahnen, machen Fehlgriffe, ver- 
lieren die Fähigkeit der feineren Abgleichung. Wenn wir somit 
die sensorische Aphasie der sensorisch bedingten Ataxie an die 
Seite stellen können, würde dem Verluste der Stereognosie etwa 
derjenige des Sprachgefühles auf unserem Gebiete verglichen werden 
können. 

Wir vermögen bekanntlich ataktische Störungen, die durch Ver- 
lust der Gelenkerapfindungen bedingt sind, mit Hilfe der Augen 
einigermaßen wieder auszugleichen. Auch im Bereiche der Sprache 
bilden wir späterhin Hilfsmittel heraus, die bis zu einem gewissen 
Grade imstande sind, für die Wortklangbilder einzutreten, vor allem 
die Gesichtsbilder der Schrift und weiterhin die daran, sich knüpfen- 
den Schreibbewegungsvorst«llungen, Mit ihrer Hilfe kann die 



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94 

Beherrschung der sprachlichen Ausdrucksniittel mehr oder weniger 
vollkommen wiedergewonnen werden. 

Wenden wir diese, aus der Äphasielehre entnommenen An- 
schauungen auf die Sprachstörungen des Traumes an, so würden 
wir zu dem Schlüsse kommen, daß hier Wernickes Zenti'um für 
die Wortklangbilder seine Dienste mehr oder weniger vollständig 
versagte. In der Tat sind wir im Traume zweifellts worttaub, und 
insofern würden die Erfahrungen über Sprache und Sprachverständuis 
im Traume mit einander in guter Übereinstimmung stehen. Aller- 
dings kann sich die Worttaubheit im Schlafe unter Umständen zu 
fast völliger Taubheit steigern, doch dürfen wir darauf hinweisen, 
daß den Traumzuständen, mit denen wir ^s hier zu tun haben, sicher- 
lich keine große Schlaftiefe entspricht, und daß wir daher im all- 
gemeinen wohl berechtigt sind, von Worttaubheit und nicht von 
Taubheit zu sprechen. Vielfache Erfahrungen lehren, daß der Träu- 
mende einigermaßen kräftige Gehörseindrücke wahrnimmt, ohne sie 
zu verstehen. Zwei derartige Beispiele haben wir früher kennen 
gelernt (258 und 259). Unter Umständen, wenn er das ihm zuge- 
rufene Wort einfach wiederholt, ohne seinen Sinn zu erfassen, kann 
sein Verhalten demjenigen bei transkortikaler Aphasie entsprechen. 
Jedenfalls ist somit Im Traume nicjit nur die Wahrnehmung von 
Gehörseindrücken, sondern außerdem auch noch die geistige Ver- 
arbeitung dessen erschwert, was trotz der Wahmehmungshindernisse 
in das Bewußtsein diingt, In einem gewissen Zusammenbange da- 
mit steht vielleicht die Erfährung, daß unter unseren 274 Beobach- 
tungen nur neunmal das Gesprochene einer anderen Person zuge- 
schrieben wurde, während sich immerhin 27 Beispiele fanden, in denen 
anscheinend Schriftbilder mit eine Bolle gespielt hatten. Die Wort- 
klangbilder, denen wir im wachen Leben, sicher mit Recht, eine durch- 
aus maßgebende Bedeutung für unser Sprechen zuschreiben, treten 
somit im Traume ganz auffallend zurück, selbst weit hinter die 
Schriftbilder, die schon wegen ihrer späten Erlernung sonst unmög- 
lich die gleiche Wichtigkeit beanspruchen können wie jene ersteren '). 
Allerdings wäre es möglich, daß hier persönliche Egentümhchkeiten 
zu berücksichtigen sind, da diejenige Person, von der die große 

1) Dodge, Die motonschen Wortvoratellungen, 1896, S. 40. 



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95 

Mehrzahl der Beispiele stammt, entschieden die Gesichtsbilder vor 
den GehörBeindriicken bevorzugt. Dennoch ist es ivenig wahrschein- 
lich, daß dadurch die in der Erwerbung der Sprache so fest be- 
gründete Vorherrschaft der Wortklangbiider veseutlich berührt werden 
sollte. Zu bemerken ist übrigens noch, daß auch in den wenigen 
Beispielen, die im Traume anderen Personen zugeschrieben wurden, 
kaum deutliche Gehörswahmebmungen vorlagen. Zweimal glaubte 
der Träumende Gesang zu hören, dem er dann die Worte des Bei- 
spiels unterlegte, ohne sie doch eigentlich herauszuhören. Jedenfalls 
waren die Gesichts Wahrnehmungen, namentlich die in 6 Fällen auf- 
tauchenden bildlichen Darstellungen, außerordentlich viel lebendiger. 

Fassen wir diese Erörterungen zusammen, so ergibt sich der 
Schluß, daß im Traume das Hervortreten sprachlicher Bewegungs- 
vorstellungen überaus häufig stattfindet, wenn sie sich auch nicht in 
wirkliche Bewegungen umzusetzen vermögen. Allein jene Bewegungs- 
Torstellungen entbehren offenbar sehr vielfach des leitenden Einflusses 
der Wortklangbiider und bieten dalier Wortfehler dar, wie sie bei 
der sensorischen Aphasie beobachtet werden. Dementsprechend 
sind Wortklangbilder im Traume überhaupt ungemein selten, zumal 
wenn man ihre durchaus grundlegende Wichtigkeit im Wachen be- 
rücksichtigt. Dagegen kommen Schriftbilder erheblich Öfter zur 
Beobachtung, trota ihrer weit geringeren Bedeutung für die Sprache. 
Die Einschränkung der Beziehungen zur Außenwelt geschieht somit 
nicht auf allen Verbindungswegen in gleichem Maße, sondern, wenn 
wir hier von dem Wegfalle wirklicher Bewegungen absehen, ganz 
vorzugsweise auf dem Gebiete des Gehörssinnes und namentlich hin- 
sichtlich der geistigen Verarbeitung der auf diesem Wege zufließen- 
den Beize. Wir erinnern uns hier, daß unsere Träume sich über- 
haupt ganz wesentlich in Gesichtsbildem und Bewegungsvorstellungen 
abspielen, während die GehÖrswahmehmungen sehr in den Hinter- 
grund treten, obgleich doch gerade das Hören der ^rache für uns 
im Wachen so ziemlich die ailerwichtigste Gruppe von Sinnesein- 
drilcken liefert. Vielleicht hängt mit diesem Versagen der Wort- 
klangbilder auch die große Flüchtigkeit unserer Erinnerungen an 
Traumäußerungen zusammen, da Bewegungsvorstellungen allgemein 
schlechter zu haften pflegen, als Sinnesvorstellungen. 

Wenn man so sagen darf, scheint somit das Gebiet des Gehörs- 



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96 

einnes bis in seine höchsten Abschnitte hinein tiefer zu schlafen, 
als dasjenige des Gesichtssinnes und wohl auch der Bewegungs- 
vorstellungen, das allerdings gegen die Außenwelt hin ebenfalls 
völlig abgeschlossen wird. Auch das Auge ist nach außen hin 
sicher geschützt, und zwar durch Einrichtungen, die, wie unsere 
Glieder, durch Muskeln bedient werden. Dagegen bleibt das Gehör, 
der wichtige Warner vor nahender Gefahr, bis zu einem gewissen 
Grade empfänglich für äußere Eindrücke. Sie können zum Erwachen 
führen, wenn sie sehr kräftig sind, aber sie stören für gewöhnlich 
die Euhe des Schläfers nicht, da sich ihrem Eindringen in das Be- 
wußtsein Hindemisse entgegenstellen. Man könnte versucht sein, die 
tiefere Betäubung der niederen wie höheren Abschnitte des Gehörs- 
sinnes als eine Art Selbstschutz anzusehen, der ein völliges Ausruhen 
ermöglicht, obgleich der Zugang zum Sinne aus Gründen der Sicher- 
heit nicht wie beim Auge vollkommen abgeschlossen werden darf. 

Ein gewisse Sonderstellung unter den Sprachstörungen scheint 
der Agrammatismus einzunehmen, der einmal in der Form einfacher 
Aneinanderreihung der für das Verständnis des Gedankens wichtigen 
Worte, dann als Infinitiv spräche auftreten kann. Beide Formen geben 
jedoch ineinander über; das Wesentliche ist offenbar das Ausbleiben 
der grammatischen Abwandlungen und sodann das Fortlassen der 
entbehrlichen Verbindungswörter. Der Agrammatismus scheint in 
näheren Beziehungen zur sensorischen Aphasie zu stehen und öfters 
bei der Rückbildung dieser Störung vorübergehend aufzutreten; er 
wird aber auch gelegentlich nach ganz frisch einsetzenden Hirn- 
erkrankungen beobachtet. Ferner pflegt er, wie früher angeführt, 
sehr ausgeprägt den halluKinatorischen Leseproben der Alkohol- 
deliranten eigen zu sein. Es scheint demnach, daß die Fähigkeit zu 
grammatischer Gliederung und Abwandlung der Worte eng an das 
Auftauchen der Wortklangbilder geknüpft ist, während Schriftbilder 
allein sich nicht ohne weiteres in die grammatischen Formen ordnen. 
Das ist auch völKg verständlich, da wir jene Fähigkeit ja ku einer 
Zeit erwerben, in der wir über Schriftbilder längst noch nicht verfügen. 

Auf der anderen Seite ist aber Wortfindung und gramma- 
tische Formung der Rede bis zu einem gewissen Grade voneinander 
unabhängig. Bei der Entwicklung der Kindersprache folgt die letztere 
jener ersteren in ziemlich weitem zeitlichen Abstände, ja sie bleibt 



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97 

in gewissen Sprachen überhaupt aus, ebenso wie manche Idioten ihr 
Leben lang agrammatisch sprechen, ohne Wort&idungsstÖmngen 
darzubieten. Umgekehrt brauchen Faraphasische durchaus keinen 
Agrammatismus zu zeigen, und auch bei der Sprachverwirrtheit können 
die absonderlicbsten Wortfindungsstörungen auftreten, ohne daß die 
grammatische Formung der Rede nennenswert beeinträchtigt er- 
schiene. Im Traume spielt der Agrammatismus mit 22 Beispielen 
gegenüber den 165 Fällen von gestörter Wortfindung eine ziemlich 
untergeordnete EoUe. Wir dürfen daher wohl annehmen, daß die 
Fähigkeit zur sprachlichen Gliederung der Rede gesondert erworben 
und verloren werden kann. Sie ist etwa vergleichbar der gegen- 
seitigen Anpassung von Bewegungsreihen aneinander unter einem 
gemeinsamen Gesichtspunkte; es handelt sieb um eine Koordination 
höherer Ordnung nach bestimmten, allmäblich erlernten Regeln, die 
gestört sein kann, obgleich die einzelnen Glieder der Reibe richtig 
geprägt werden, die aber auch gut erhalten sein kann, wenn gewisse 
Teilvorgänge fehlerhaft ablaufen. 

Unter den Wortfehlem der Traumsprache findet sieb eine Gruppe, 
deren Entstehungsgeschichte uns die Abgrenzung von der Hauptmasse 
dieser Beispiele zu rechtfertigen scheint. Es handelt sich dabei um 
den Ersatz eines Wortes durch ein anderes oder eine Neubildung 
auf Grund begrifflicher Anlehnung. In diesen Fällen dürfen 
wir uns wohl vorstellen, daß der Mißgriff nicht erst bei der eigent- 
lichen Wortfindung begangen wird, sondern daß schon von vom- 
lierein statt der ursprünglich vorschwebenden Vorstellung eine andere, 
ihr verwandte richtig oder fehlerhaft in Worte umgesetzt wurde; der 
sprachliche Antrieb achlägt eine falsche Bahn ein, nicht weil ihm 
die Führung durch das Wortklangbild fehlte, sondern weil er durch 
eine Nebenvorstellung in eine andere Richtung gedrängt wurde. Die 
Störung liegt also allein oder doch mit in den der Sprachbildung 
vorausgehenden Vorgängen, und sie besteht gewissermaßen in einem 
Abgleiten des Gedankenganges von der gegebenen auf eine andere, 
daneben auftauchende Vorstellung, die dann ihrerseits sprachliche 
Ausprägung erfährt. 

Wie mir scheint, ist der hier angedeutete Vorgang nur ein Einzel- 
fall einer ganz allgemeinen Störung des Traumlebens, der sich weiter- 
bin nicht nur ein Teil der akataphasischen Erscheinungen, sondern 



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auch die große Gruppe der Denkfehler unterordnen lasaen. Das 
Wesen der Verschiehungsparalogien hatten wir darin gefunden, daß 
an Stelle einer unklar nach Ausdruck ringenden Vorstellung eine 
andere, nur ungefähr ihren Sinn wiedergebende Umschreibung des 
Gedankens zur sprachlichen Fassung gelangt. Almiich sehen wir 
bei der metaphorischen Paralogie nicht die ursprüngliche, sondern 
eine assoziativ angeregte Vorstellungsreihe den Anschluß an das 
Ausdrucksniittel der Sprache en-eichen, und bei der Voratellunga- 
mischung kommen neben- und durcheinander Teile der ersten und der 
von ihr wachgei-ufenen zweiten Gedankenkette zur Umsetzung in 
Sprachsymbole. Standen hier überall die verdrängenden Vorstellungen 
in begrifflicher Verwandtschaft zu den verdrängten, so lernten wir 
in den Entgleisungsparalogien und ähnhch wohl in der Zusammen- 
hangslosigkeit Vorgänge kennen, bei denen der Gedankengang plötz- 
lich durch ganz entlegene, zufällig auftauchende Vorstellungen unter- 
brochen und abgelenkt wird. 

Es ist gewili kein Zufall, daß uns gerade diese Störungen auch 
in jenen Zuständen des täglichen Lebens wieder begegnen, die ■wir 
als waches Träumen bezeichnen, ferner bei der ihnen in manchen 
Stücken nahe verwandten Zerstreutheit. Wir sind hier imstande, die 
Entwicklung des Vorganges in unserem Inneren zu verfolgen. Ohne 
Zweifel handelt es sich um das Fehlen oder Versagen jener Allge- 
meinvorstellungen, die beim »Nachdenken« unserem Vorstellungs- 
verlaufe sein Ziel bestimmen und alle Abweichungen von der vor- 
gezeichneten Richtung sofoit unterdrücken. Auf diese Weise entsteht 
einmal eine gewisse Flüchtigkeit der Einzelvorstellungen, andererseits 
erhöhte Ablenkbarkeit. Nehmen wir an, wozu wir vollauf berechtigt 
sind, daß diese beiden Erscheinungen auch den Gedankengang des 
Traumes kennzeichnen, so wurde sich ergeben, daß die auftauchenden 
Vorstellungen vielfach zu rasch wieder verblassen, um die zugehörigen 
Sprachvorstellungen auslösen zu können, während es gelegentlich 
assoziativ angeregten Nebenvorstellungen auf dem schon vorbereiteten 
Boden doch noch gelingt, sich in sprachlichen Äußerungen zur Gel- 
tung zu bringen. Sodann aber wird es verständlich, daß der nicht 
in bestimmter Bahn festgehaltene Gedankengang ungemein leicht und 
häufig von Vorstellungen durchbrochen wird, die außer jedem Zu- 
sammenhange irgendwoher aus dem Unbewußten cniportauchen. 



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Neben dem Versagen der Wortklangbilder und der grammatischen 
Koordination hätten wir demnach im Traume mit dem Fortfallen der 
Zielvorstellungen zu rechnen, wie sie die Stetigkeit und Einheit^ 
lichkeit des Gedankenganges verbürgen. Diese Ziel Vorstellungen 
können keine anderen sein, als die allgemeinen, abgezogenen Begriffe. 
Unser gesamter Erfahrungsstoff besitzt zunächst die Form von mehr 
oder weniger stark verblaßten sinnlichen Erinnerungsbildern. In 
dieser ihrer sinnlichen Färbung können unsere Vorstellungen wohl 
durch zufällige Anknüpfungen bei uns wieder wachgerufen werden, 
aber sie unterliegen im allgemeinen nicht der Herrschaft des Willens. 
Schon Johannes Müller*) hat darauf hingewiesen, daß er völlig 
außerstande war, hypnagogische Gesichtsbilder willkürlich hervor- 
zurufen oder zu verändern, und die Sinnestäuschungen unsei'er Kranken 
zeigen gewöhnlich die gleiche Unabhängigkeit vom Willen in ausge- 
prägtester Weise auch dann, wenn sie durch den Gedankengang 
unwillkürlich deutlich beeinflußt werden. Die sinnlichen Erinnerungen 
verhalten sich also in diesem Punkte genau wie die ursprünglichen 
Eindrücke selbst. Erst bei der weiteren geistigen Verarbeitung ge- 
raten sie in eine Abhängigkeit vom Willen, freilich nicht, ohne von 
ihrer ursprünglichen Lebhaftigkeit erheblich einzubüßen. Die Bilder, 
die wir uns willkürlich ins Bewußtsein zu rufen vermögen, sind im 
allgemeinen undeutliche Schatten, und sie werden nicht, wie etwa 
die hypnagogischen Täuschungen und auch die Traumbilder, deutlich 
nach außen verlegt. Eine Ausnahme machen nur gewisse einmalige 
Eindrücke, eine Landschaft, eine gewisse bestimmte Persönlichkeit 
oder Lebenslage, die wir uns bisweilen mit greifbarer Deutlichkeit 
wieder vor Augen zu stellen vermögen, Sobald es sich jedoch um 
VorsteUungen allgemeinerer Art handelt, bleibt das willkürlich er- 
zeugte Bild verschwommen, falls nicht etwa gerade eine bestimmte 
Einzelerfahrung aus der Er inner img hervortaucht. 

Wenn somit die Bilder, je mehr sie Vertreter von Allgemein- 
vorstellungen werden, immer stärker verblassen, ao geraten sie dabei 
andererseits unter die Herrschaft des Willens; sie stehen uns in jedem 
Äugenblick nach Bedarf zu Gebote, während wir die hypnagogisclien 
Erscheinungen einfach an uns vorüberziehen sehen, ohne ihnen 

, 1) Über die pliantastiBcheii GeBichtaerscheinungsu, 1826, S. 81. 



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100 

gebieten zu können. Offenbar vollzieht sich demnach bei der Bildung 
von ÄUgemeinvorstellungen eine Yerknüpfang der Sinneserinnerungen 
mit Bestandteilen unseres Seelenlebens, die dem Willen unterworfen 
sind. Als solche können nurBewegungsantriebe in Frage kommen, 
von denen für uns bei weitem am wichtipten diejenigen sind, die der 
Sprache dienen. In der Tat sehen wir die sprachhchen Bezeich- 
nungen, vor allem die Verbindung von Wortklangbild und Sprach- 
bewegungsvorstellung, eine um so größere Bedeutung in einer Vor- 
stellung gewinnen, je allgemeiner ihr Inhalt wird. Zugleich werden 
sie völlig abhängig von unserem Willen; die allgemeinsten Vor- 
stellungen sind wir jederzeit imstande wachzurufen, während wir uns 
auf Eünzelvorstellungen oft genug vergebUch besinnen müssen. Die 
Sprache ist demnach, wenn auch ohne Zweifel nicht das einzige, so 
doch das wichtigste Hilfsmittel, durch das unsere Erfahrungen dem 
Willen unterworfen und verfügbar gemacht werden. Durch ihre 
Vermittlung vornehmlich gelingt es uns, beliebige Vorstellungen, wie 
sie unser Gedankengang fordert, ins Bewußtsein zu heben, sie dort 
festzuhalten und zur gelegenen Zeit durch andere zu ersetzen. 

Wenn diese Erwägungen zutreffen, wenn der sinnliche Er- 
fahrungsstoff hauptsächlich durch die Anknüpfung an Sprachvor- 
stellungen, wie sie sich bei der Bildung allgemeinerer Vorstellungen 
vollzieht, dem Willen dienstbar gemacht wird, so läßt sich begreifen, 
daß gerade den Allgemeinvorstellungen eine Richtung gebende Ge- 
walt in unseren Gedankengängen zukommen muß. In ihnen ist die 
Bolle des sprachhchen Bestandteiles mächtig angewachsen, und wir 
können sie daher mit Hilfe der Sprachbewegungsvorstellungen meistern 
wie unsere Bewegungen selbst; das Denken ist durch sie ein inneres 
Sprechen geworden und damit ebenso unserer Willkür unterworfen 
wie die äußere Sprache. Während die sinnlichen Erinnerungsbilder 
auftauchen und wieder verblassen trotz aller Bemühungen, sie fesl^ 
zuhalten, vermögen wir eine Allgemeinvorstellung lange Zeit hindurch 
zur Bichtschnur unseres Gedankenganges zu machen, ohne daß sie 
uns entschlüpft, und wir können sie sofort von neuem herbeirufen, 
wenn sie doch einmal in den Hintergrund gedrängt sein sollte. 

Im Traume haben wir, wie genugsam bekannt, die Herrschaft 
über unsere Gedankengänge verloren; wir nehmen sie hin, wie sie 
kommen und gehen. Wir würden daraus schließen mUssen, daß die 



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101 

abgezogenen, allgemeinen Vorstellungen, die uns im Wachen die 
Zügel unseres Denkens in die Hand geben, hier zurücktreten. In 
der Tat bat uns die Betrachtung der metaphoriscben Paralogien ge- 
zeigt, daß im Traume unzweifelhaft die Neigung zu einem Abgleiten 
de3 Gedankenganges vom allgemeinen auf das sinnlich-stoffliebe Ge- 
biet besteht, daß die abstrakte Denkweise durch die bildliche ver- 
drängt wird. Dazu stimmt, daß die Traumvorgänge in Form von 
Erlebnissen auftreten, die von unserem Willen unabhängig sind, ja 
ihn oft genug peinlich durchkreuzen. Wir träumen in sinnlich leb- 
haften Wahrnehmungen, vorzugsweise aus dem Bereiche des Gesichts 
und der Körperempfindungen, die vollkommen mit der Selbständigkeit 
äußerer Ereignisse auftreten. In Betäubung aber liegen diejenigen 
Gebiete, in denen die ÄUgemeinvorstellungen entstehen. Daher die 
Unfähigkeit, Widerspruche zu erkennen, daher die Ziellosigkeit und 
Sprunghattigkeit der Traumvor^nge, daher auch, was uns hier an- 
geht, das Abgleiten des Gedankenganges auf Nebenvorstellungen, die 
Entgleisungen, die Zusanunenbangslosigkeit 

Wir dürfen wohl annehmen, daß die Allgemeinvorstellungen nebst 
den an sie sich knüpfenden geistigen Leistungen des Urteilens und 
Schließens die höchsten und verwickeltsten Betätigungen unseres 
Verstandes darstellen. Sehen wir sie doch in der persönlichen wie 
in der Stammesentwicklung erst auf den höheren und höchsten Stufen 
zur Ausbildung gelangen. Auch bei krankhaften geistigen Entwick- 
lungshemmungen ist es gerade der Mangel allgemeiner Begriffe, der 
die ÄEnderwertigkeit der Veratandesleistungen vor allem bedingt. Ist 
es femer richtig, daß die höchsten und schwierigsten Leistungen 
unseres Seelenlebens am dringendsten die Einschiebang von Er- 
holungspausen erfordern, so werden wir uns nicht darüber wundem 
dürfen, daß wir das abstrakte Denken im Traume versagen sehen, 
während sich noch oder schon Eeihen von sinnlich gefärbten Bildern 
mehr oder weniger zusammenhangslos in unserem Bewußtsein ab- 
spielen. Wahrscheinheh hört im Tiefschlafe auch dieses Spiel auf; 
die Erfahrungen des Traumes aber zeigen uns, daß die innere Tätig- 
keit auf den verschiedenen G«bieten des Seelenlebens in einer be- 
stimmten Reihenfolge erlischt und wieder beginnt; die feinsten und 
daher schonungsbedürftigsten Werkzeuge ruhen am längsten und am 



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102 

Die Betrachtung der Tmumsprache liat uns zu dem Ergebnis 
geführt, dall wesentlich die Wortklangbilder nebst der Fähigkeit zu 
grammatischer Gliederung, andererseits die Allgemein vor Stellungen 
mehr oder weniger ihre Bedeutung für den sprachlichen Ausdruck 
einbüßen. Da die Wortklanghilder offenbar in erster Linie die Ver- 
knüpfung zwischen den Sachvorstellungen und den Sprachbewegungs- 
vorst«Ilungen herstellen, so wäre es denkbar, daß zwischen den ge- 
nannten beiden Gnindstörungen noch ein tieferer Zusammenhang 
bestände. EingehendeUntersuchungen über das Verhalten des GJedanken- 
ganges bei sensorisch Aphasischen, wenn sie möglich sind, könnten 
unter Umständen zeigen, ob und wie weit das abstrakte Denken 
von der Mitwirkung der Wortklangbilder abhängig ist. Daß jedoch 
die Denkstörungen im Traume wahrscheinlich eine weit allgemeinere 
Ursache haben, wird durch ähnliche Abweichungen auf Gebieten 
dargetan, die mit der Sprache unmittelbar gar nichts zu tun haben. 
Unsere Gefühle und Stimmungen sind im Traume ebenso wechselnd 
und widerspruchsvoll wie der Inhalt unserer Vorstellungen. Es ist 
daher wohl anzunehmen, daß nicht nur die in sprachlichen Formen 
faßbaren, sondern die allgemeinen Niederschläge unserer Lebens- 
erfahrungen überhaupt im Traume ihren leitenden und regelnden 
Einfluß auf unsere BewulJtseinavorgitnge verloren haben. 

Will man mit diesen Ergebnissen unserer Betrachtung anatomische 
Vorstellungen verbinden, so würden wir zur Erklärung der Traum- 
sprache einerseits, wie schon erwähnt, eine Herabsetzung der Lei- 
stungen in der Wernickeachen Gegend anzunehmen haben, der ja 
der Sitz der agrammatischen Störungen zum mindesten unmittelbar 
benachbart zu denken ist. Andererseits werden wir die Bildung von 
All gemein Vorstellungen wohl am richtigsten in die gleichartig sich über 
die gesamte Himoberfläche verbreitenden obersten Rindenschichten 
verlegen. Wie Nissl annimmt'), erreicht die Binde beim Menschen 
in den vorderen Himabschnitten eine besondere Mächtigkeit; jeden- 
falls werden wir uns die ganze schalenförmige Kappe während des 
Traumes im Zustande der Betäubung zu denken haben, während 
sich in den kortikalen Endstätten des Sehnerven noch eine ziemlich 
lebhafte Tätigkeit abspielen kann. Auch in denjenigen Gebieten, in 

1) Vgl. ßrodmann, Journal f. Psychologie und Neurologie, IV, S. IW. 



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103 

denen sprachliche Bewegungsantriebe entstehen, die wir also wohl in 
der Gegend der Brocaschen Windung zu suchen haben, herrscht 
anscheinend keine vollkommene Ruhe, wenn auch die wirkliche Um- 
setzung dieser Antriebe in Bewegungen nicht zustande kommt. 

Bemerkenswert ist es, daß diejenige Erkrankung, die ein der 
Traumsprache in vielen Stücken auffallend ähnliches Bild erzeugt, die 
Sprachverwirrtheit, ebenfalls als eine weitverbreitete Rindenerkrankung 
angesehen werden muß, bei der wegen der meist begleitenden Gehörs- 
täuschungen die Annahme einer besonderen Beteiligung des Schläfen- 
lappens naheliegt, während die sensorische Aphasie, die nur einen 
gewissen Teil der Sprachstörungen des Traumes umfaßt, auf einen 
umgrenzten Rindenbezirk beschrankt ist. Wenn man will, kann 
man diese Vorstellungen über die Aushratung der Traumverände- 
rungen in der Hirnrinde unter Anlehnung an die Erfahrungen bei 
Hirnerkrankungen noch etwas weiter ausspinnen, doch erscheint mir 
der Boden dafür einstweilen noch zu unsicher. Wir wollen daher 
unsere Schlüsse nur dahin noch einmal zusammenfassen, daß in jenem 
Zwischenzustande zwischen Tietschlaf und Wachen, wie ihn der 
Traum darstellt, neben einer allgemeinen, das gesamte höhere Seelen- 
leben umfassenden Veränderung, die das Versagen der abstrakten 
Niederschläge unserer Erfahrungen bedeutet, und neben der Unteiv 
drückung äußerer Willenshandlungen die Betäubung der Sinnes- 
gebiete sich anscheinend nicht ganz gleichmäßig vollzieht. Insbe- 
sondere findet sich in der Entstehungsstätte der Giesichtsbilder , die 
der Einwirkung äußerer Reize durch besondere Vorrichtungen ent- 
zogen sind, noch eine grolle Lebhaftigkeit der Bewußtseinsvor^nge, 
während im Eindengebiete des Gehörs, in das stärkere Reize jederzeit 
einzudringen vermögen, ausgeprägte Behinderungen der Auffassung 
und geistigen Verarbeitung auftreten, die hinsichtlich der Sprache in 
hohem Maße den Erscheinungen bei einer umschriebenen Erkrankung 
der Wernickeschen Windung ähneln. 

Es muß dahingestellt bleiben, wie weit die von uns erhobenen 
Befunde und damit die aus ihnen gezogenen Schlüsse sich bei der 
Nachprüfung an anderen Personen als allgemeingültig erweisen 
werden. Ferner wird ein tiefer gehendes Verständnis der bisher nur 
oberflächhch gruppierten Sprachstörungen des Traumes wohl erst 
dann zu erwarten sein, wenn die ganze Reihe von verwandten 



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104 

Erscheinungen auf gesundem und krankhaftem Gebiete nach ähnlichen 
Gesichtspunkten genauer durchforscht sein wird. Das trifft bisher 
Iiöchstens für das Versprechen und allenfalls für die Kindcrsprache 
zu, die aber beide wesentlich andere Züge tragen. Andererseits aber 
steht zu hoffen, daß eine genauere Kenntnis der Traumsprache für 
die Aufklärung mancher krankhafter Störungen weitreichende Be- 
deutung gewinnen kann. Neben der sensorischen Aphasie sind es 
namentlich die Sprachstörungen bei der Dementia praecox und hier 
wieder Tor allem die Sprachverwirrtheit, über deren Wesen wir Auf- 
schlüsse erwarten dürfen. Jedenfalls vermögen wir schon heute aus 
den Traumerfahrungen zu schließen, daß in den unsinnigen, zu- 
sammenhangslosen, manierierten Äußerungen unserer Kranken vom 
Standpunkte der inneren Betrachtung, wie wir ihn im Traume ein- 
zunehmen vermögen, vielfach ganz bestimmte Fehlervorgänge nach- 
weisbar sind, deren Kenntnis uns wenigstens teilweise eine Erklärung 
für das auf den ersten Bück ganz Unverständliche liefern kann. 
Auch hier gibt es Gesetzmäßigkeiten, die wir am ehesten aufzudecken 
hoffen dürfen, wenn wir uns die Selbstbeobachtungen zunutze machen, 
wie sie uns die physiologische Geistesstörung des Traumes in so über- 
raschender Ausbeute an die Hand gibt. 



Nachtrag. 

Nach Abschluß dieser Arbeit sind außer den noch in An- 
merkungen berücksichtigten Beispielen folgende weitere Beobachtungen 
von mir gesammelt worden: 

•Älfineri' statt >AJfieri«, einfacher Zuaatz eines BuchstabeD. 

>Frauen1iainpf<, braunrote Blume. Offenbar Bchnebte »Frauenschuh' vor, 
daneben die durch abendliche Lektüre angeregte Vorstellung dea Kampfes; Wort- 
ersatz mit klanglicher Anlehnung; Entgleieung durcli Neben Vorstellung. 

»Sie kann die Rolle nicht übemebmen ohne Freasion aller ihrer Leitnnga- 
gegenatände« für »ohne Gefährdung ihrer Stimme«. Unsinnige Wortneubildung 
(Anklang an Presajon? Fraktion?); Verschiebuügaparalogie, angeregt durch die 
Nebenvoratellung der •Schalleitung«. 

•Recht gut geworden sind die Zöglinge der alten und neuen Trafei* fiii' 
■die Photogramme der Hirsche in zwei einander benachbarten, bestimmten öe- 
bolzen«. •ZögUngei ersetzt die dort gehegten HirBche; die beiden Gehölze aind 
ala >att< und >neu< bezeichnet, weil das eine, umzäunte, viel älteren Baumbeatand 
enthält, .Trafei., offenbar Anlehnung an »Trafoi«, ist eine willkürliche Neubildung 
an Stelle der wirklichen, völlig abweichenden Namen jener Oehölze. 



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• Wollen Sie nicht mit der änvei fahren?' atatt >mit einer Dampfiiebeiibfthii 
in Kopenba^ni ; willkürliche Wortneubildung. 

iGloBBameni, zerhacktes QIm ale Kette zur Strafe für ein onartigea Schul- 
kind, Neuhildang nach begrifflicher Verwandtschsit fUr eine verwickeltere Vor- 
stellmig. 

lAvellinoi, Figur ans einem Relief dea 14. JahrhundertB. itolieniich klingende 
Neubildung für eine Individnalvorstellong ; dunkles Vorachweben des >FaBquiuo< 

>MBn will mir einen anderen Reichskanzler autgegengtellen , einen Reichs- 
kanzler der Wohlerzogenheit, der intimen kleinen Aussprachen«, dunkle Vor- 
stellnng, dafi der Reichskanzler im persönlichen Verkehre sich anders gibt, als 
bei offiziellen Oelegenheiten, daß er sehr höflich ist; Ycrschiebungspai&logie. 

Die Gesamtzahl der Beobachtungen ist damit auf 286 gestiegen. 



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B89094S57071A FOURTEEN DAYS 



A fine of TWO CENTS wül be charged 
for each day the book is kept overtime. 


er nr'^7 

























































































































































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